Ermittlung

Mit angemessener Geschwindigkeit

Staatsanwalt kann Schumachers Unfall noch nicht aufklären, eine Anklage ist aber unwahrscheinlich

Mehr als 80 Kilometer trennen Albertville von Grenoble, und doch waren beide Städtchen im Südosten Frankreichs am Mittwoch kaum auseinanderzuhalten. Wie schon in Grenoble, wo Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher seit mittlerweile anderthalb Wochen um sein Leben kämpft, wälzte sich auch in Albertville direkt nach dem Sonnenaufgang eine Lawine aus bunten Bussen mit Satellitenschüsseln auf dem Dach durch die engen Straßen. Diesmal hielten die Übertragungswagen der Fernsehstationen jedoch nicht vor der örtlichen Uniklinik, sondern dem Justizpalast. Was sie von dort aus sendeten, hatte mit den bisweilen chaotischen Auftritten von Schumachers behandelnden Ärzten in Grenoble nichts mehr gemein.

Das lag in erster Linie an Patrick Quincy. Der Staatsanwalt ist im Gegensatz zu den Medizinern, die sich oft gegenseitig ins Wort fielen und bisweilen von dem Medieninteresse überfordert wirkten, geschult in öffentlichen Auftritten. Von der ersten Silbe an strahlte er eine Autorität und Ruhe aus. Mehrmals sagte er: „Dazu kann ich im Moment nichts sagen. An Spekulationen beteiligen wir uns nicht. Bitte warten Sie die weiteren Analysen ab!“ Ganz ungefragt betonte er, dass jährlich mehr als 50 vergleichbare Stürze von seiner Behörde untersucht würden. Die Prominenz des aktuellen Falles ändere nichts an der akribischen Aufarbeitung aller Unfälle: „Wir sind Experten auf diesem Gebiet.“ Der leitende Ermittler war sichtlich um eine Beruhigung bemüht.

Die Ergebnisse, zu denen er und sein Ermittlerteam bereits gekommen sind, basieren im Wesentlichen auf Zeugenberichten, einer Ortsbesichtigung sowie den Aufnahmen der Helmkamera, die Schumacher bei seiner Ausfahrt trug. Demnach war Schumacher bei seinem Sturz abseits der Piste unterwegs. Der Stein, der ihn zunächst aus dem Gleichgewicht brachte und somit den verhängnisvollen Sturz einleitete, befindet sich „zwischen drei und sechs Metern“ jenseits der Pfosten, die das Ende der präparierten Strecke markieren. Nachdem er diesen ersten Stein touchiert habe, sei er mit dem Kopf auf einen weiteren Felsbrocken geprallt, der rund acht Meter von der Piste entfernt im Schnee liegt: „Als die Rettungskräfte eintrafen, haben sie Herrn Schumacher rund 8,50 Meter von der Piste entfernt vorgefunden.“ Über den gesundheitlichen Zustand des 45-Jährigen wollte Quincy keine Angaben machen.

Dass Schumacher auch die sogenannte faktische Piste verlassen habe, wollte der Staatsanwalt am Mittwoch ebenfalls nicht bestätigen. Damit ist jener Bereich des Hügels gemeint, der zwar abseits der markierten Piste liegt, durch die Schwünge der Skifahrer aber nachträglich erschlossen worden ist. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass er sich ganz bewusst entschieden hat, die Piste zu verlassen“, sagte der 62-Jährige: „Die Anforderungen an die Markierung waren erfüllt.“ An besagtem Morgen des 29. Dezember hätten einige Spuren in das steinige Gebiet zwischen den beiden Abfahrten „Biche“ und „Chamois“ geführt.

„Wenn zwischen zwei Pisten regelmäßig eine Strecke befahren wird, die nicht zur eigentlichen Piste gehört, aber ein pistenähnlicher Charakter entsteht, muss der Betreiber entweder auch dort für Sicherheit sorgen – oder die Querung durch die freie Natur unterbinden oder Warnhinweise aufstellen“, sagte Gerhard Dambeck, Justiziar beim Deutschen Ski-Verband (unten): „Im konkreten Fall von Herrn Schumacher ist das nach meiner Erkenntnis aber nicht der Fall.“ An der abschießenden Beantwortung dieser Frage hängen möglicherweise juristische Konsequenzen. Bislang, so Quincy, sei ihm jedoch keine Klage bekannt. Das gilt auch für das Video eines vermeintlichen Augenzeugen aus Essen. Der wollte laut „Spiegel“ seine Aufzeichnung des Unfall der Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellen. Bislang ist jedoch noch keine Aufnahme in Albertville angekommen. Doch auch ohne dieses Material sind Quincy und seine Kollegen überzeugt, dass Schumacher zum Unfallzeitpunkt mit „dem Gelände angemessener Geschwindigkeit“ unterwegs war. Genaue Tempoangaben seien nicht möglich.

„Die Geschwindigkeit kann nicht in Kilometern pro Stunde angegeben werden“, sagte Stephane Bozon, der Kommandant der Gebirgsgendarmerie Savoyen: „Schumacher ist ein sehr guter Skifahrer, er hat sich ganz normal in dieser Art von Gelände verhalten und mit kleinen Schwüngen nacheinander sein Tempo kontrolliert.“ Die Skier seien in gutem Zustand gewesen: „Die Skier sind nicht die Ursache für den Unfall.“

Soweit bestätigen die Aufnahmen der Helmkamera die bisherigen Darstellungen des Unfalls, mit denen Sabine Kehm, Schumachers Managerin, bereits am Silvestertag an die Öffentlichkeit gegangen war. Allerdings, und an dieser Stelle weichen die Rekonstruktionen Kehms und Quincys voneinander ab, kommt in der rund zweiminütigen Sequenz vor dem Sturz, die die Kamera aufgezeichnet hat, keine weitere Person vor. Die Managerin hatte Schumachers geringe Geschwindigkeit beim Unfall jedoch darauf zurückgeführt, dass er kurz zuvor einem gestürzten Freund aufgeholfen habe. Er habe deswegen „gar nicht mit Full-Speed“ unterwegs sein können, erklärte Kehm. Quincy hingegen sagte am Mittwoch: „Im Video ist nicht zu sehen, wem Schumacher geholfen hat. Im seinem Blickfeld ist niemand zu erkennen.“

Vettel immer noch geschockt

Unterdessen reißen die Genesungswünsche für Schumacher nicht ab. Sebastian Vettel, sein Thronfolger in der Formel 1, wandte sich in einem Schreiben, das die „Sport Bild“ veröffentlichte, immer noch beeindruckt direkt an seinen einstigen Lehrmeister und dessen Angehörige: „Als ich von Michaels Unfall erfahren habe, war ich tief schockiert. Natürlich schießen einem in so einem Moment auch Erinnerungen mit ihm durch den Kopf“, erklärte Vettel.

Auch Norbert Haug, Schumachers ehemaliger Vorgesetzter bei Mercedes und derzeit im Ruhestand, wünschte alles Gute. „Hab alle Kraft der Welt, Michael, deine Verletzungen zu überstehen. Millionen auf der ganzen Welt beten und hoffen für dich. Wenn einer das ganz Besondere schafft, dann du. Bitte, bitte, schaffe es auch jetzt!“ Norbert Haug war wesentlich an Schumachers Formel-1-Comeback beteiligt.