Interview

„Es gibt offenbar kein Fremdverschulden“

DSV-Rechtsexperte Dambeck zu den Ermittlungen im Fall Schumacher

Es sind schwierige juristische Fragen, die den Fall Michael Schumacher begleiten. Wie die ersten Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft in Albertville zu bewerten sind, schätzt der Justiziar des Deutschen Skiverbandes (DSV), Richter a.D. Gerhard Dambeck, im Interview mit Morgenpost-Redakteur Jens Hungermann ein.

Berliner Morgenpost:

Herr Dambeck, warum hat die Staatsanwaltschaft nach dem Unfall Ermittlungen eingeleitet?

Gerhard Dambeck:

Bei schwerwiegenden Vorkommnissen wie Körperverletzung oder schweren Unfällen wie auf Skipisten ermittelt die Staatsanwaltschaft von Amts wegen – auch wenn man auf den ersten Blick der Meinung sein kann, es gebe keinen Vorwurf gegen einen Dritten, und der Unfall sei quasi selbst verschuldet. Hypothetisch könnte zum Beispiel der Pistenbetreiber seiner Verkehrssicherungspflicht nicht so nachgekommen sein, wie man es hätte erwarten dürfen. Ein zweiter, sehr theoretischer Ansatz für Ermittlungen könnte gewesen sein, mit der Untersuchung des Skihelms gegebenenfalls Versäumnisse des Herstellers herauszufinden.

Was bedeutet Verkehrssicherungspflicht?

Überall dort, wo mehrere Menschen „verkehren“ – das kann auch ein Supermarkt-Parkplatz sein – hat derjenige, der den Verkehr eröffnet, Sorgfaltspflichten. Und zwar gegenüber jenen, die dieses Angebot in Anspruch nehmen. Sie müssen vor untypischen Gefahren geschützt werden. Auf der Skipiste bedeutet das: Es gibt typische Gefahren, die jeder Skifahrer hinnehmen und fahrerisch bewältigen muss, wie Schwunghügel. Untypisch hingegen wäre etwa, wenn sich im Pistenverlauf ein schneebedecktes Loch befände, in das ein Skifahrer hineinstürzen könnte. Vor solchen Gefahren muss er geschützt werden.

Was bedeutet das für den konkreten Fall?

Wäre die Pistenrandmarkierung nicht in Ordnung gewesen und hätte schlechte Sicht geherrscht, hätte der Pistenbetreiber überlegen müssen, ob er seine Information an seine Kunden nicht verbessern muss, damit nicht ein Skifahrer ungewollt von der präparierten Piste abkommt und vom quasi gebahnten Weg ins schwierige Gelände gerät. Tatsächlich ist das ja nicht der Fall gewesen.

Staatsanwalt Quincy hat in der Pressekonferenz mehrmals den Begriff faktische Piste benutzt. Was bedeutet er?

Für eine faktische Piste kann man sich zweierlei Szenarien vorstellen. Erstens: Eine präparierte Piste hat einen Rand, erkennbar an der Präparierungskante. Schwingen die Skifahrer darüber hinweg, wird die Piste dadurch erweitert, es entsteht ein pistengleiches Bild. Das ist dann eine faktische Piste, die der Betreiber seinen Kunden anbieten kann. Auch für diese faktische Piste muss er Sicherheit gewährleisten. Zweitens: Wenn zwischen zwei Pisten regelmäßig eine Strecke befahren wird, die nicht zur eigentlichen Piste gehört, aber ein pistenähnlicher Charakter entsteht, muss der Betreiber entweder auch dort für Sicherheit sorgen – oder die Querung durch die freie Natur unterbinden oder Warnhinweise aufstellen. Im konkreten Fall von Herrn Schumacher ist das nach meiner Erkenntnis aber nicht der Fall. Das Gelände, in dem es zum Sturz kam, wies zwar Nutzungsspuren auf. Doch war der Eindruck, es handele sich um eine gesicherte Piste, hier sicherlich nicht vorhanden. Zudem: Michael Schumacher kennt das Gelände aus eigener Erfahrung sehr gut. Zum Verhängnis könnte ihm geworden sein, dass er – trotz vergleichsweise deutlich weniger Schnee und trotz bester Sichtverhältnisse – davon ausging, dort genau so wie immer fahren zu können.

Denken Sie, Stand heute, dass Michael Schumacher selbst schuld gewesen ist?

Dieser landläufige, etwas saloppe Begriff passt hier wohl, wenngleich sich angesichts der Tragik der Begriff Schuld eigentlich verbietet, der ja auf einen Schädiger abzielt. Sagen wir es so: Es gibt in diesem Fall offenbar kein Fremdverschulden – nach heutiger Erkenntnis. Somit stellt sich die Frage von Schadenersatzforderungen derzeit auch nicht.

Sind die offenkundig äußerst akribischen Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft ein wenig Michael Schumachers Prominenz geschuldet?

Grundsätzlich spielt das keine Rolle. Allerdings stellt sich für mich die Frage: Wie weit geht die Gründlichkeit der Staatsanwälte in Albertville denn noch? Sie geht inzwischen offenkundig ja selbst davon aus, dass der Pistenbetreiber keinen Fehler begangen hat und demzufolge niemand anderer in Betracht kommt, der beschuldigt werden könnte. Ich habe das Gefühl, dass sie es beim Ermitteln nicht belassen, sondern obendrein rekonstruieren wollen – und das könnte daran liegen, dass eine Person des öffentlichen Lebens verunfallt ist. Motto: Wir wollen uns später nie vorwerfen lassen, nicht alles Denkbare unternommen zu haben.