Motorsport

Vom Pizzaboten zum Dakar-Sieger

Der Berliner Timo Gottschalk zählt auch 2014 zum Favoritenkreis beim wichtigsten Wüstenrennen der Welt

Die beiden blauen Punkte werden langsam größer, rasen fast parallel auf eine schmale Stelle auf dem Kamm einer riesigen Düne zu. Der Hubschrauber, der die spektakulären Bilder aufnimmt, verliert an Höhe. Aus den blauen Punkten werden zwei VW-Touareg – die sich bei Tempo 200 berühren, denn die schmale, aber gangbare Passage rückt immer näher. „Das war schon stark, wir haben nicht gezuckt“, sagt Timo Gottschalk und fügt hinzu: „Und gewonnen“. Hinter gewonnen verbirgt sich nicht nur der Vortritt an der Düne, sondern auch der Gesamtsieg bei der Rallye Dakar 2011 in Argentinien und Chile.

Damals saß der 39 Jahre alte Berliner als Co-Pilot an der Seite des katarischen Scheich-Sohnes Nasser Al-Attiyah. Den Gegenpart bildeten die Spanier Carlos Sainz und Lucas Cruz. Drei Jahre später kämpfen die vier wieder um die Krone des Wüstenspektakels. Wie schon 2013 bilden aber Gottschalk und der zweimalige Rallye-Weltmeister Sainz ein Team, Al-Attiyah/Cruz das andere. „Das ist im Profisport nicht ungewöhnlich. Der Sieg ist alles. Ich würde mit Carlos sicher auch nicht zucken“, sagt Gottschalk. „Ich kenne Timo sehr gut. Er ist vom Charakter einer wie ich. Immer penibel, immer zuverlässig im Auto. Wenn er etwas macht, dann immer mit hundert Prozent“, erklärt der 52-jährige Sainz. Bei Gottschalk klingt das emotionaler. „Carlos ist im Rallye-Sport eine Legende. Allein das hätte für mich gereicht, mich auf die Dakar zu freuen, obwohl ich fast schon mit den Wüstenrennen abgeschlossen hätte.“

Die Teilnahme des Berliner Diplom-Ingenieurs und Motorsportprofis an der Seite des Champions von 1990 und 1992 wurde erst in letzter Minute realisiert. Nach ihrem frühen Ausfall 2013 wollte man im Team kein Risiko eingehen, verzichtete sogar auf den kostengünstigen Transport per Schiff, um fünf Wochen zusätzliche Testzeit für den neuen Buggy zu generieren. Ende letzter Woche erreichte das Team mit dem über 300 PS starken Boliden per Flieger von Paris aus Buenos Aires.

„Dank der Entscheidung, Carlos’ Buggy per Flugzeug zu transportieren, hatten wir mehr Zeit, um am Auto zu arbeiten. Diese zusätzlichen Wochen haben wir dringend gebraucht. Am Ende geben bei so einem Wettbewerb immer die Kleinigkeiten den Ausschlag“, begründete Teammanager Philippe Gache, 2006 selbst Gesamtzwölfter bei der Dakar, den zusätzlichen Aufwand. Nach zwei Etappen belegen Sainz/Gottschalk den zweiten Rang hinter Rekordsieger Peterhansel (Frankreich) und vor Al-Attiyah.

Keine Kleinigkeit ist die Erstellung des so genannten Roadbooks. „Ich brauche in der Vorbereitung pro 100 Kilometer Strecke etwa eine bis eineinhalb Stunden“, so der „rasende Buchhalter“, dessen Liebe zum Geländesport als Junge auf einem knallroten MZ-Motorrad in der Ruppiner Heide begonnen hatte. Seinen berufsmäßigen Einstieg, von vornherein mit dem Ziel Co-Pilot zu sein, hat Gottschalk zielstrebig verfolgt. Als Pizzabote finanzierte er sein Ingenieurstudium der Fahrzeugtechnik, um das nötige Hintergrundwissen zu erlangen.

Keine Chance ohne Co-Pilot

Nach Einsätzen in der klassischen Rallye-WM, die immer noch seine eigentliche Liebe ist, wechselte er 2007 zu VW in den Marathon-Sport. Sein Dakar-Debüt 2009 mit Dieter Depping (Hannover) endete auf Platz sechs. Seine Rolle in der Öffentlichkeit beschreibt Gottschalk so: „Wenn der Co-Pilot einen Fehler macht, sieht man das sofort, denn meistens kostet es viel Zeit. Und wenn er keinen Fehler macht, dann heißt es, der Fahrer sei toll. Aber ein guter Fahrer mit einem schlechten Co hat keine Chance, vorne dabei zu sein.“ Und Gottschalk fügt hinzu: „Der Fahrer hat das Sagen, wie schnell wir fahren, ich habe das Sagen, wohin gefahren wird.“