Interview

„Ich fühle mich unglaublich befreit“

Als erste prominente deutsche Topsportlerin hat Diskuswerferin Nadine Müller am Silvestertag eine Frau geheiratet

Als starke Frau ist Nadine Müller, 28, bekannt. Die Leipzigerin gehört seit Jahren zu den besten Diskuswerferinnen der Welt. 2011 wurde sie WM-Zweite, die gleiche Platzierung glückte der Olympiavierten von London ein Jahr später bei der EM. Jetzt beweist die Polizistin auch großen Mut. Am letzten Tag des Jahres 2013 heiratete sie im Standesamt in Zwenkau/Sachsen ihre vier Jahre ältere Lebensgefährtin Sabine. Sie sprach darüber mit Gunnar Meinhardt.

Berliner Morgenpost:

Frau Müller, als erste prominente Sportlerin Deutschlands gehen Sie eine gleichgeschlechtliche Ehe ein. Was bewog Sie jetzt zu diesem Schritt?

Nadine Müller:

Weil wir uns jetzt dafür bereit fühlen. Wir wollen uns nicht weiter verstecken oder ständig irgendwelchen Beziehungsfragen aus dem Weg gehen. Wir wollten keine Scheinehe mehr führen. Wir stehen beide hinter unserer Entscheidung. Familie, Freunde und auch sehr viele Sportler wussten ja lange von unserer Beziehung und sind auch super damit umgegangen. Wir hatten nie Probleme oder sind irgendwo angeeckt. Das bisherige Versteckspiel war vor allem von meiner Seite ein Selbstschutz. Jetzt aber sollen auch die Presse und meine Fans erfahren, wen ich liebe und mit wem ich zusammenleben möchte.

Die Erlösung war groß?

Auf jeden Fall. Jetzt können wir uns im öffentlichen Leben ganz anders bewegen. Wir sind bislang nie Händchen haltend irgendwo durch eine Stadt geschlendert. Das wird sich ändern. Es ist extrem belastend, wenn du normale Dinge im Alltag nicht machst, nur weil du eine gleichgeschlechtliche Neigung besitzt und denkst, dass die Gesellschaft das nicht akzeptiert. Aber mittlerweile leben wir im 21. Jahrhundert. Jetzt zeigt keiner mehr auf derartige Beziehungen mit dem Finger oder wird sagen, was ist da los?

Glauben Sie das wirklich?

Zumindest gehe ich davon aus. Wenn jemand mit uns ein Problem hat, ist es dessen Problem. Sabine und ich sind glücklich, richtig doll glücklich.

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Über Freunde. Das war 2009. Wir wussten ziemlich schnell, dass da etwas sehr Besonderes zwischen uns ist. Jedoch war es sehr schwierig, da wir beide in relativ langen Beziehungen waren. So entstand zunächst eine Freundschaft. Egal, wo wir uns trafen, es folgten immer lange Gespräche, und es war, als sei ein Magnet zwischen uns. Denn es dauerte keine 30 Minuten bei jedem Treffen, und wir vergaßen unsere Umwelt. Erste klare Schritte Richtung gemeinsamer Beziehung wurden zu Weihnachten 2010 gelegt. So richtig funkte es Silvester 2010/2011. Kurz darauf trennten wir uns von unseren Freundinnen und bezogen eine gemeinsame Wohnung. Inzwischen haben wir uns ein Haus gekauft. Am 28. September haben wir uns verlobt und jetzt noch schnell geheiratet.

War es eine Traumhochzeit?

Na klar! Wir haben uns von einer Hummer-Limousine von zu Hause abholen lassen. Die Trauung im kleinen Familien- und Freundeskreis war so, wie wir sie uns gewünscht hatten. Danach dann haben wir es dann bei uns daheim krachen lassen. Mehr ging nicht.

Und jetzt geht es auf Hochzeitsreise?

Noch nicht. Wir werden eine machen, aber erst nach den Leichtathletik-Europameisterschaften im kommenden August in Zürich.

Wollen Sie mit Ihrer Heirat anderen Sportlerinnen oder Sportlern, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben, Mut machen, sich zu ihrer Neigung zu bekennen?

Warum nicht! Letztlich muss aber jeder für sich selbst entscheiden, wie er leben möchte. Ich bin froh, diesen Schritt endlich getan zu haben. Ich fühle mich so befreit, es ist unglaublich. Das Leben kann jetzt nur noch schöner werden.

Wie sieht es mit der Familienplanung aus?

Kinder wollen wir unbedingt. Wir sind dabei, das in Angriff zu nehmen, auf der Suche nach passenden Samenspendern. Meine Frau wird schließlich nicht jünger.