Talent

Leanders großer Traum

2011 wechselte der Berliner von Hertha zum FC Arsenal. Jetzt hofft er auf den Sprung ins Profiteam

Es gibt zwei Leander Siemanns. Der eine betritt den Raum, und man erahnt, warum ihm manche zutrauen, bald ein ausgewachsener Stürmerschreck zu werden – groß, blonde Haare, breite Schultern. Der andere Leander Siemann hockt mit verschränkten Armen auf einer hölzernen Sitzecke in der Soccerhalle in Marienfelde und spricht schüchtern über seinen Traum. Ein Traum, der sich ja eigentlich schon längst erfüllt hat, der sich andererseits nun aber unaufhaltsam zu einem noch größeren auftürmt.

Vor zweieinhalb Jahren wechselte Siemann mit 15 Jahren aus der B-Jugend von Hertha BSC in die Nachwuchsabteilung des englischen Spitzenklubs FC Arsenal nach London. „Ich war unglaublich glücklich. Wann bekommt man schon mal so eine Chance“, sagt er heute. Kein aggressives Abwerben eines Talentes – wie bisweilen üblich in der Branche – war das damals. Siemann war ein Sonderfall.

250.000 Euro Ablöse

Quasi selbst eingeladen hatte sich der Abwehrspieler bei den Londonern: Eigentlich wollten seine Eltern, ein Kardiologe und eine Gynäkologin aus Schöneberg, dass ihr Sohn ein Jahr lang in England zu Schule geht, um die Sprachkenntnisse zu verbessern. Doch Siemann wollte auch Fußball spielen. Über private Kontakte organisiert, spielte er drei Mal bei Arsenal vor und schaffte es schließlich, sich gegen Dutzende andere Bewerber durchzusetzen. Siemann bekam einen Drei-Jahres-Vertrag mit einem fünfstelligen Monatsgehalt und Hertha bis zu 250.000 Euro Ausbildungsentschädigung vom 13-maligen englischen Meister.

Im Sommer 2011 zog Siemann nach Shenley, Hertfordshire, etwa 20 Meilen nördlich der Londoner City, wo Arsenals Trainingszentrum liegt, zu einer Gastfamilie. Gastfamilien sind ein Erfolgsmodel bei Arsenal: Der Spanier Cesc Fabregas war in einer, ebenso der aktuelle englische Nationalspieler Jack Wilshere. Plötzlich war der Junge aus dem Hertha-Nachwuchs ganz dicht dran am großen Fußball, spielte für die U18 der „Gunners“ und aß gemeinsam mit den Profis, zu denen gerade der deutsche Nationalspieler Per Mertesacker gewechselt war. „Es war großartig. Alles war so beeindruckend bei Arsenal“, sagt Siemann.

Die Schule, das war die Bedingung der Eltern, sollte der Gymnasiast in London weiter bis zum Abitur machen. Zweimal in der Woche kommt ein Privatlehrer auf das Arsenal-Gelände, um den heute 18-Jährigen auf die Prüfungen im kommenden Frühsommer vorzubereiten. Abseits davon aber dreht sich alles um Fußball. Bei Arsenal trainieren die Nachwuchsspieler gemeinsam. An den Wochenenden werden sie je nach Leistungsstand in drei unterschiedlichen Teams eingesetzt: neben der U18 noch in der U21 und seit dieser Saison auch in der sogenannten Youth League, der Jugend-Champions-League. Zweimal schon durfte Siemann dort spielen.

Berliner Brooks als Vorbild

Während er sich in den Jugendteams für höhere Aufgaben zu empfehlen versucht, haben sich die „Gunners“ mittlerweile zu einer veritablen Außenstelle des deutschen Fußballs entwickelt (siehe Infokasten): Neben Mertesacker stehen nun auch die beiden Nationalspieler Lukas Podolski und Mesut Özil beim FC Arsenal unter Vertrag. Mit Serge Gnabry hat es zudem ein deutsches Talent ins Team von Trainer Arsene Wenger geschafft. Der flinke Angreifer ist ebenfalls erst 18 Jahre alt und kam 2011 zeitgleich mit Siemann vom VfB Stuttgart. Ende September erzielte er sein erstes Premier-League-Tor und gilt seitdem als neues „deutsches Wunderkind“. Während aber Gnabrys Karriere in London steil bergauf geht, hängt Siemann weiter in den Nachwuchsteams fest. „Es geht mir gerade etwas zu langsam“, gibt er zu. Viel hänge davon ab, ob sich – wie in Gnabrys Fall – etablierte Spieler verletzen, und der Nachwuchs so seine Chance bei den Profis bekomme. „Zurzeit“, sagt Siemann, „ist die Premier League für mich noch ziemlich weit entfernt.“

Das hat Siemann und seine Familie auch ein bisschen nachdenklich gemacht. Der Schritt mit 15 von zu Hause weg sei für ihn vielleicht etwas zu früh gekommen, sagt Siemann. Nachdem die Anfangseuphorie abebbte, kam das Heimweh. Freunde und Familie fehlten. Dass Siemann zudem ein introvertierter Jugendlicher ist, machte es nicht einfacher. Das Abenteuer London, es wurde auch zu einer Belastungsprobe: „Wenn man so will, habe ich zwei Jahre meiner Kindheit für meinen Traum vom Profifußball geopfert. Ich hoffe, dass es sich irgendwann auszahlen wird“, sagt Siemann. Bereut habe er seine Entscheidung für Arsenal jedoch nie: „Fußballerisch war es das Richtige, denn ich habe mich enorm weiterentwickelt.“ Auch Frank Friedrichs, der eine kleine Fußballschule in Berlin führt und Siemann seit der Kindheit und weiter während der Pausen in England individuell trainiert, sieht das so: „Er ist bei Arsenal ein besserer Fußballer geworden.“

Siemanns Vertrag in London läuft im Sommer aus. Noch habe es keine Gespräche über die Zukunft gegeben. Sorgen aber macht er sich nicht: „Es gab bereits Anfragen aus der ersten und Zweiten Liga in Deutschland“, sagt der beidfüßige Verteidiger. Auch eine Rückkehr zu Hertha könne er sich vorstellen. Dort schaffte jüngst auf seiner Position im Abwehrzentrum der 20 Jahre alte John Brooks den Durchbruch. „Bei ihm lief es perfekt“, sagt Siemann. „Wenn ich das ähnlich hinkriege, wäre ich glücklich.“