Wintersport

Rückkehr des Zauberers

Simon Ammann verblüfft mit dem Auftaktsieg bei der Vierschanzentournee. Doch das wahre Ziel des Schweizers ist Sotschi

„Nein, nein, daran werde ich gar nicht denken.“ Simon Ammann weigerte sich. Er wollte bloß nicht an die Zukunft denken, bloß nicht an das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. Einfach nur im Hier und Jetzt bleiben. Der Sieg beim Auftaktwettbewerb der Vierschanzentournee in Oberstdorf war nicht das Ziel seiner Träume, aber es ist ein Zwischenhoch, das sich der Schweizer Skisprungstar verdammt hart erarbeitet hat. Viele hatten den 32-Jährigen schon abgeschrieben, so weit entfernt schien er manches Mal von seinen Glanzleistungen der Vergangenheit. „Das war fantastisch. Ich habe so lange auf diesen Tag gewartet, an dem ich es wieder schaffe“, sagte er.

Dem zweimaligen Doppel-Olympiasieger Ammann wachsen in diesem Winter wieder Flügel. Er ist das Stehaufmännchen des Skispringens. Und ausgerechnet zum Start der Vierschanzentournee, die er in seiner langen Karriere noch nie gewann, springt er nach einer Durststrecke wieder auf das oberste Podest. Mister Olympia ist zurück aus dem Nirgendwo – und das wenige Wochen vor den Winterspielen im Februar in Sotschi. Das kann kein Zufall sein. „Beim Simmi von einer urplötzlichen Rückkehr zu sprechen, ist spätestens seit 2010 Geschichte. Er weiß schon haargenau, was er macht und wie er was anpacken muss“, lobte Severin Freund, die größte deutsche Tournee-Hoffnung, die schon in Oberstdorf über 22 Punkte auf Ammann verlor.

Er zaubert wieder, der Schweizer, der einst als Harry Potter der Lüfte selbst die Amerikaner für Skispringen begeisterte. Das war 2002. Damals holte er in Salt Lake City zwei olympische Goldmedaillen. Danach kam das Tief. 2010 schlug er bei den Winterspielen in Vancouver erneut doppelt zu – und wieder lief es danach nicht gut. „Es war ein langer Kampf zurück. Als es jetzt in Oberstdorf gereicht hat, war es das Genialste und einer der schönsten Momente für mich im Weltcup“, sagte Ammann. „Mit 32 Jahren so einen Tag zu haben, ist supercool.“

Und dann sagte er noch diesen Satz: „Die Reise begann 2011.“ Im Klartext heißt das wohl: 2011 entschloss sich der Schweizer gegen das Karriereende und für einen neuen Anlauf auf Olympia. Simon Ammann macht nichts ohne ausgetüftelten Plan. Und seiner endet in Sotschi. Die Vierschanzentournee ist dabei mehr als bloßes Beiwerk für ihn, immerhin jagte er dem Sieg bei dieser prestigeträchtigen Veranstaltung jahrelang vergeblich und zu verkrampft hinterher. Meistens hatte er sich schon in Oberstdorf den Weg zum Gesamterfolg verbaut. „Ein Rückstand nach dem ersten Springen macht den Rest der Tournee extrem hart. Dass ich nach all den Jahren wieder die Möglichkeit habe mitzumischen, ist sagenhaft. Ich habe eine Wahnsinnsfreude.“ In der Saison 2008/09 hatte er ebenfalls das Auftaktspringen gewonnen, am Ende triumphierte der Österreicher Wolfgang Loitzl. Ansonsten „war es oftmals zu schwierig für mich, oder ich hatte auch Pech“, so Ammann. Doch nun könnte der Traum doch noch in Erfüllung gehen. „Ich traue ihm den Sieg zu. Er hat ein gutes Paket beisammen“, sagte Bundestrainer Werner Schuster, „aber es wird eine Riesenherausforderung, denn er hat große Konkurrenz.“

Bis zum letzten Tournee-Wettbewerb am 6. Januar in Bischofshofen ist es außerdem noch weit, selbst an das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen denkt Ammann noch nicht. Er will einfach nur genießen. Ob er sich jetzt nicht unter Druck setze, weil der bisher fehlende Sieg bei der Vierschanzentournee möglich sei? Simon Ammann winkt ab. „Ach“, sagt er. „Meine Karriere wäre nicht unvollendet ohne den Tourneesieg.“ Trotzdem will er natürlich nichts unversucht lassen: „Ich muss jetzt meine Emotionen in den Griff bekommen.“ Mit Lockerheit ist schon der Österreicher Gregor Schlierenzauer nach Jahren des vergeblichen Versuchens auf den Tournee-Thron gestiegen.