Unfall

Sein schwerster Kampf

Zwischen Leben und Tod: Michael Schumacher liegt auf der Intensivstation. Ärzte wagen keine Prognose. Große Anteilnahme in aller Welt

Das Universitätsklinikum von Grenoble ähnelt einer Pilgerstätte. Vor dem Krankenhaus am Boulevard de la Chantourne treffen am Montag immer mehr Fans ein, nachdem sie die schockierenden Nachrichten über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher gehört haben. Viele tragen das Ferrari-Rot aus Schumachers einstigen Zeiten bei der Scuderia. Vor dem Krankenhaus bangen sie um das Leben des Formel-1-Rekordweltmeisters.

Zugang zur Klinik erhält aber nur die Familie – Ehefrau Corinna sowie die beiden Kinder, Sohn Mick, 14, und Tochter Gina-Maria, 16, und enge Freunde. Die Familie war bereits kurz nach der Einlieferung in dem ehemaligen Olympia-Ort eingetroffen. Die Familie sitze am Bett des Patienten, heißt es aus dem Krankenhaus. Angeblich soll Sohn Mick beim Skiunfall dabei gewesen sein. Bestätigt wurde das von der Familie aber nicht.

Mit besorgten Mienen treten die Ärzte der Universitäts-Klinik Grenoble vor die Journalisten, und was sie über eines der größten deutschen Sportidole zu sagen haben, klingt nicht gut. „Schweres Schädeltrauma“, „Lebensgefahr“, „künstliches Koma“ – der Zustand des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters nach dem schweren Skiunfall in den französischen Alpen ist dramatisch, die Ärzte wagen keine Prognose.

Ebenfalls zu Wort kommt Neurochirurg Gerard Saillant, Freund und Arzt Schumachers, der noch am Sonntagabend nach Grenoble gereist war: „Ich bin nicht hier als Arzt, sondern als Freund. Ich möchte mich für alles bedanken, was hier chirurgisch geleistet wurde. Wir sind alle beunruhigt, ich, seine Frau, seine Kinder.“

Unfall abseits der Piste

Es ist Sonntag, 11.07 Uhr, als Schumacher bei einer Abfahrt abseits der markierten Pisten im Skiort Méribel stürzt und mit voller Wucht mit dem Kopf auf einen Felsen prallt. Wie weit abseits, ist noch unklar. Nach ersten Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft verliert Schumacher vermutlich das Gleichgewicht, als er über einen anderen Felsen fährt. Ein Verschulden Dritter schließen die Ermittler derzeit aus.

Schnell sind Rettungskräfte am Unglücksort. Schumacher ist bei Bewusstsein, aber „verwirrt, unruhig“, auf Fragen kann er nicht antworten, wie der Neurochirurg Stephan Chabardes später sagt. Der Zustand des 44-Jährigen verschlechtert sich rapide: Als Schumacher eineinhalb Stunden nach dem Unfall mit dem Hubschrauber in die Uni-Klinik Grenoble transportiert wird, befindet er sich bereits im Koma.

Die Ärzte stellen ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, Blutungen im Schädelinneren und Gehirnprellungen fest, Schumacher wird sofort operiert. Seitdem wird er im künstlichen Koma gehalten, seine Körpertemperatur auf 34 bis 35 Grad Celsius heruntergekühlt, um weitere Schädigungen des Gehirns zu verhindern. Eine zweite Pressekonferenz am Montagnachmittag, zunächst angekündigt, entfällt. Es gibt kein weiteres Bulletin. Die nächste Information sei für den späten Dienstagvormittag vorgesehen, sagte eine Mitarbeiterin der Klinik-Pressestelle. Weltweit zittern die Fans um den Mann, der mit Geschwindigkeiten von mehr als 300 Stundenkilometern sieben Formel-1-Weltmeistertitel und 91 Grand-Prix-Siege einfuhr und der sich nun bei einem Unfall bei deutlich geringerem Tempo lebensgefährlich verletzte.

Die Familie des Verunglückten bedankt sich nicht nur bei den Ärzten, sondern verleiht auch ihrer Rührung über die Anteilnahme aus aller Welt Ausdruck. „Wir möchten uns beim Ärzteteam bedanken, von dem wir wissen, dass es alles tut, um Michael zu helfen. Außerdem danken wir den vielen Menschen aus der ganzen Welt, die ihr Mitgefühl ausgedrückt und beste Wünsche für Michaels Genesung übermittelt haben“, lässt Schumachers Ehefrau Corinna über das Management des ehemaligen Formel-1-Rennfahrers mitteilen.

Der erste schwere Unfall des Sport- und Geschwindigkeitsfreaks ist es nicht: Schumacher war schon 2009 in Spanien mit dem Motorrad verunglückt und hatte sich dabei schwer am Kopf verletzt. Der Unfall verzögerte sein Comeback in die Formel 1.

Dass Schumacher außerhalb der Piste fuhr und damit wohl ein zu großes Risiko einging, veranlasste die französischen Behörden, Skifahrer erneut vor dem Verlassen der markierten Strecken zu warnen. In den vergangenen Tagen waren in der Region bereits zwei Skifahrer außerhalb der Pisten tödlich verunglückt. Die Staatsanwaltschaft von Albertville teilte mit, sie habe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Behörden werden untersuchen, wie es zu dem folgenschweren Unfall kommen konnte.

Schumachers Sturz ruft Erinnerungen wach an den schweren Skiunfall des damaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU), der am Neujahrstag 2009 in Österreich mit einer 41-Jährigen zusammengeprallt war. Althaus erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, die Frau starb. Wie damals Althaus trug Schumacher bei seinem Unfall am Sonntag einen Helm. Die „Bild“ berichtete, er sei beim Auffall geplatzt. Die Ärzte des Uni-Klinikums Grenoble machen dennoch keinen Hehl daraus, dass das Sportidol aus dem Rheinland sonst wohl an den Folgen des Unfalls gestorben wäre. Chefarzt Payen sagt es mit drastischen Worten: „Jemand, der so einen Aufschlag ohne Helm erlitten hätte, hätte es sicherlich nicht mehr zu uns geschafft.“ Aber übliche Ski-Helme können die lebensbedrohlichen Verletzungen, wie sie Schumacher erlitten hat, nicht verhindern. „Das ist wie bei einem Airbag oder einem Sicherheitsgurt im Auto: Es hilft, es ist wichtig, darauf zurückzugreifen, aber es ist auch kein Freibrief“, sagt Andreas König, Sicherheitsexperte im Deutschen Skiverband (DSV).

In der Saison 2012/2013 verletzten sich im alpinen Skisport 41.000 bis 43.000 Deutsche. Das geht aus einem Bericht der Auswertungsstelle für Skiunfälle in Zusammenarbeit mit der Stiftung Sicherheit im Skisport hervor. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie kommt es jedes Jahr zu 400 Schädel-Hirn-Verletzungen pro 100.000 Einwohner. 300 von ihnen müssen im Krankenhaus behandelt werden, 180 tragen bleibende Schäden davon, 40 sterben. Helme seien für die Normal-Geschwindigkeiten ausgelegt, „mit Spitzenbelastungen bis 70, 80 km/h“, erklärt König. Dies reiche für einen Aufprall auf einer präparierten Piste, „aber wenn ich einen starken Aufprall auf einem Baumstumpf oder einem Felsen habe, kann die Energie des Sturzes nicht zu hundert Prozent durch das Dämmmaterial im Helm aufgenommen.“

Viele Menschen geben auf verschiedenen Wegen Statements ab, um Schumacher alles Gute zu wünschen. „Ich bin schockiert und ich hoffe, dass es ihm so schnell wie möglich wieder besser geht“, sagt der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel über seinen Vorgänger, der zugleich sein Idol in Kindheitstagen war. Es gibt aber auch geschmacklose Kommentare im sozialen Netzwerk Facebook, wo „Rest in Peace“- Seiten großen Zulauf haben.

Genesungswünsche von Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt über Regierungssprecher Steffen Seibert Genesungswünsche übermitteln: „Wie Millionen von Deutschen waren auch die Bundeskanzlerin und die Mitglieder der Bundesregierung außerordentlich bestürzt, als sie von Michael Schumachers schwerem Skiunfall erfahren haben. Wir hoffen mit Michael Schumacher und seiner Familie, dass er die Verletzungen überwinden und genesen kann.“

Weltweit ist die Sorge groß um den Ausnahmesportler. Und natürlich auch in seiner Heimatstadt Kerpen im Rheinland, wo die einmalige Karriere Schumachers auf einer Kartbahn begann. Das neueste Bulletin von Schumachers Ärzten in Grenoble hat Bürgermeisterin Marlies Sieburg in tiefe Sorge um den berühmtesten Bürger ihrer Stadt gestürzt. „Die Angst ist groß. Nach den Aussagen der Ärzte wird einem angst und bange“, sagte die SPD-Politikerin.