Olympia

Bittere Wahrheiten aus Sotschi

40 Tage vor den Winterspielen wächst in der russischen Bevölkerung die Wut über die Belastungen durch Olympia

Zunächst eine gute Nachricht: Es hat geschneit in den Bergen bei Sotschi. Dass man sich ausgerechnet in Russland Sorgen um den Schnee im Winter machen musste, klingt bizarr, aber es sind ja auch keine gewöhnlichen olympischen Winterspiele, die da am 7. Februar eröffnet werden. Mit Kosten von 37,5 Milliarden Euro sind die „Winterspiele unter Palmen“ das teuerste und umstrittenste Sportfest der Geschichte. Die Stadt Sotschi, gelegen am Schwarzen Meer auf dem gleichen Breitengrad wie Nizza, bleibt auch im Winter grün. Aber rund um die Skiresorts von Krasnaja Poljana liegt seit Mitte Dezember eine dicke Schneeschicht. Im russischen Fernsehen kommen nun täglich Meteorologen zu Wort, die versichern, dass es dort oben auch im Februar weiß bleiben wird. Zur Sicherheit waren nach dem warmen und regnerischen Winter im vergangenen Jahr insgesamt 450.000 Kubikmeter Schnee konserviert worden, das allein kostete rund 5,5 Millionen Euro.

Oligarch bedient Kredite nicht

„Das war eine einzigartige Operation“, sagt eine Managerin des Skiresorts „Rosa Khutor“. Dort werden im Februar die alpinen Wettbewerbe in insgesamt 15 Disziplinen ausgetragen: Ski, Snowboard, Freestyle. Derzeit werden Tribünen für die Zuschauer aufgebaut, Betonmischer rotieren, Dutzende Arbeiter sind beschäftigt. Zum Resort gehört auch das olympische Dorf, in dem gerade noch an der temporären Kantine für die Athleten gewerkelt wird.

„Rosa Khutor“ ist ein privates Projekt des russischen Oligarchen Wladimir Potanin, der es gern „russisches Courchevel“ nennt, nach dem Skiort in Frankreich. Früher war hier nur ein Dorf, in dem Skifahrer Zimmer mieten konnten. Jetzt wurden in den Bergen Dutzende Hotels aus dem Boden gestampft. Ob sie sich nach den Spielen füllen werden? Allein in „Rosa Khutor“ wurden 1,5 Milliarden Euro investiert, der Großteil davon dank eines Kredits der Staatsbank VEB. Im November kam heraus, dass dieser und andere Kredite nicht rechtzeitig zurückgezahlt werden können. Potanin bat kurzerhand um staatliche Hilfe und Steuererleichterungen.

Nicht nur er hofft, dass die Anlagen später Touristen in die Region locken. Noch bis Anfang Januar sind mehrere Pisten für Ski- und Snowboardfahrer geöffnet. Fast alle Besucher kommen aus Russland, wie Alexej Rogaljow aus Noworossijsk. „Im Moment ist es, was die Pisten angeht, der beste Skiort in Russland“, sagt der Direktor eines Logistik-Unternehmens, er werde auch später hierherkommen. Er und seine Frau haben ihre Skiurlaube bislang in Österreich und Italien verbracht. Im Vergleich dazu gebe es in Sotschi allerdings noch Nachteile in Sachen Service. Gerade die Sicherheitskontrollen machen die Atmosphäre für Rogaljow weniger entspannt.

Die Nachnutzung der sechs komplett neuen Stadien an der Küste des Schwarzen Meeres wirft ebenfalls Fragen auf. Im subtropischen Klima sind Instandhaltung und laufender Betrieb von Eisarenen ein kostspieliges Unterfangen. Die Eisschnelllaufhalle soll gleich nach den Spielen in ein Messezentrum umgebaut werden. Das Stadion, in dem die Eiskunstlaufmedaillen vergeben werden, wird zu einer Radrennbahn. Fehler bei Planung und Kostenkalkulation treten dabei auch ans Licht. Die kleinere der beiden Einhockeyhallen, die von einem privaten Investor finanziert wurde, soll nach den Spielen auseinandergebaut und in Krasnodar oder Nischni Nowgorod wieder aufgebaut werden. Nach der Fertigstellung stellte sich jedoch heraus, dass es billiger ist, sie der Stadt Sotschi einfach zu schenken.

Im großen Stadion „Fischt“, das für die Eröffnungsfeier gebaut wurde, wird noch hektisch gearbeitet. Wenn das olympische Feuer in Sotschi ankommt, muss hier alles glänzen. Die Winterspiele sind das Prestigeprojekt von Präsident Wladimir Putin, das der ganzen Welt Russlands Stärke und Modernität demonstrieren soll. Doch nicht nur die gigantischen Bauprojekte bieten Anlass zur Kritik. Es geht um Korruption, mittelalterliches Chaos bei der Organisation, Missachtung der Umwelt und Interessen von Einwohnern sowie Ausbeutung von Bauarbeitern. So werden bei der Olympia-Eröffnung auf den Tribünen mehrere Staatschefs fehlen, weil sie nicht Teil der Inszenierung Putins werden wollen. Weder die modernen Sportanlagen noch die kurzfristige Amnestie politischer Gefangener können vom Demokratiemangel in Russland ablenken.

In Russland ist der Druck auf Umweltaktivisten, die die Spiele kritisieren, besonders groß. In der vergangenen Woche wurde Ewgeni Witischko zu drei Jahren Straflager verurteilt, weil er am Zaun der Privatvilla eines hochrangigen Beamten ein Protestplakat anbringen wollte. Er arbeitet für die Organisation „Umweltwache im Nordkaukasus“, seine Kollegen sind sicher, dass das Urteil gegen ihn ein Manöver zur Einschüchterung ist. Die Organisation wurde in diesem Jahr aufgefordert, sich offiziell als ausländischer Geheimdienst registrieren zu lassen. Wladimir Kimajew, ein anderer Aktivist der „Umweltwache“, erzählt, dass seine Wohnung und sein Haus im Frühjahr durchsucht wurden.

„Beim Planen und Bauen der Olympia-Objekte hat man nicht an die Umwelt und langfristige Folgen gedacht“, sagt Kimajew. Die Objekte in den Bergen seien ohne Genehmigungen in einem Naturschutzgebiet gebaut worden, seltene Bäume mussten dafür abgeholzt worden. Das Ökosystem des Flusses Msymta sei durch die neue Auto- und Eisenbahn, die zu den Sportanlagen in die Berge führt, verschmutzt worden. Millionen Kubikmeter von Baumüll seien in Vororten illegal vergraben worden, was zu Erdrutschen geführt habe. Mülldeponien bedrohen das Grundwasser.

Autobahn für 1,9 Milliarden Dollar

Besonders anschaulich werden die Belastungen für Umwelt und Einwohner in dem Dorf Achschtyr, das nur 150 Meter von der neuen und mit 1,9 Milliarden Dollar sagenhaft teuren Autobahn entfernt liegt. Eine Anbindung an die Autobahn war nicht vorgesehen, zum Dorf führt eine alte Umwegstraße. Jede Minute fahren hier schwere Lastkraftwagen zu der Kiesgrube, die für Olympia ausgebaut wird. „Als wir von den Spielen in Sotschi erfahren haben, haben wir uns zunächst sehr gefreut“, sagt Dorfbewohner Alexander Korobow. „Wir dachten, jetzt kommt die Zivilisation zu uns.“ Doch alles kam anders.

Nachdem neben dem Dorf tonnenweise Bauschutt abgeladen wurde, verschwand das Trinkwasser aus den Brunnen. Inzwischen mussten für den Wasserbedarf Zisternen errichtet werden. Früher erntete Korobow jedes Jahr drei bis vier Tonnen Kaki und Kiwi in seinem Garten. Seit drei Jahren kann er seine Früchte nicht mehr verkaufen, weil eine Schicht Baustaub auf ihnen liegt. Einige Häuser im Dorf bekamen Risse in den Wänden wie das Haus der 73-jährigen Nadeschda Kucharenko, das direkt neben der Kiesgrube steht. Eine Kompensation bekommen Einwohner von Achschtyr nicht, jedenfalls haben sie bisher keine bekommen.

Sotschi hat da deutlich mehr profitiert. Der Stadtteil Adler hat nun einen neuen Bahnhof, neue Straßen, Wasser- und Stromleitungen. Trotzdem wird die Stadt von Staus geplagt, der Strom fällt regelmäßig aus, in manchen Häusern funktionieren Heizung und warmes Wasser nur sporadisch.

Die Bauphase sei grauenhaft gewesen, erzählt Anwohnerin Natalia. „Die Straße vor meinem Haus wurde dreimal wieder aufgerissen“, sagt sie. „Man legte immer wieder neuen Asphalt und zerstörte ihn, zunächst für die Wasserleitung, dann für ein Stromkabel, das beschädigt wurde.“ Im Stadtzentrum wird immer noch fast an jeder Ecke gebaut, und der Druck steigt: Schon in 40 Tagen kommen die Olympiagäste.