Sicherheit

Kampfansage an Krawallmacher

Nach der hitzigen Diskussion über Stadionsicherheit zeigen sich in Berlin bereits Fortschritte

Im Rückblick sieht die hyperventilierende Diskussion um unsichere Fußballstadien, die im Dezember 2012 im Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ mündete, geradezu unwirklich aus. Vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Arenen wurde gewarnt, in der Talkshow von Johannes B. Kerner gar eine Schaufensterpuppe mit einer Pyrofackel angezündet. Fans hingegen befürchteten Nacktkontrollen am Stadiontor und die Abschaffung der Stehplätze, protestierten deshalb schweigend zu Anfang der Partien. Davon ist heute keine Rede mehr. Berlins große Vereine, Hertha BSC und der 1. FC Union, hatten die Forderungen des Sicherheitspaketes der Deutschen Fußball-Liga (DFL) größtenteils schon lange vor der Verabschiedung umgesetzt. Die Herausforderung bleiben die Vorfälle bei den An- und Abreisen zu den Ligaspielen.

Hendrik Große Lefert klingt erleichtert, wenn er die Situation vor einem Jahr mit heute vergleicht. Beim Sicherheitsbeauftragten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) landeten viele öffentliche Forderungen: „Die Aufregung hat sich gelegt. Zudem hat sich gezeigt, dass vorher gezeichnete Horrorszenarien sich nicht bewahrheitet haben. Die Diskussion war emotional zu hoch gedreht.“ Es war mehr als ein Hintergrundgespräch nötig, um die Debatte zu entspannen und Sachlichkeit einkehren zu lassen.

Elf Becherwerfer per Video erkannt

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) findet nur lobende Worte für das Sicherheitskonzept: „Der Senat sieht darin einen Erfolg versprechenden Ansatz, die Gewalt bei Fußballspielen, insbesondere in den Stadien einzudämmen.“ Die Zahlen für die abgelaufene Saison sehen tatsächlich beunruhigend aus. So ordnete die Berliner Polizei insgesamt 1190 Fußballfans der Kategorie B (gewaltbereit) und 195 der Kategorie C (gewaltsuchend) zu. Die Beamten zählten insgesamt 59 verletzte Personen bei Einsätzen an Spieltagen. Dazu wurden 335 Straftaten durch die Polizei angezeigt, davon 214 bei Hertha und 121 bei Union. Auch der Personalaufwand zur Bewältigung eines Ligaspiels ist beachtlich. Bei den Heimspielen von Union wurden im Schnitt 293 Beamte eingesetzt, bei Hertha sogar 325.

In 16 teilweise sehr kleinteiligen Anträgen hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) am 12. Dezember 2012 Kompetenzen neu geregelt und Professionalisierung wie zum Beispiel verbindliche Standards für den Ordnungsdienst oder für die Videoüberwachung festgeschrieben. Der 1. FC Union lehnte das Paket komplett ab. An der Begründung hat sich bis heute nichts geändert. „Wir haben es nicht abgelehnt, weil wir inhaltlich nicht einverstanden waren, sondern weil wir die Punkte für selbstverständlich halten“, sagte Sprecher Christian Arbeit.

So begleitet der Ordnungsdienst der „Eisernen“ die eigenen Fans bei Auswärtsfahrten schon seit mehreren Jahren. In der vergangenen Saison sechsmal und in der aktuellen Hinrunde bis jetzt viermal. Erst im Sicherheitspaket wurden für diese deeskalierende Maßnahme verbindliche Regeln aufgestellt. Auch bei Hertha ist der Ordnungsdienst in der Bundesliga seit Jahren bei jedem Auswärtsspiel dabei. Beide Klubs setzen auf eine Mischung aus eigenen Ordnern und gewerblichen Sicherheitsleuten. Alle sollen nach DFB-Vorgaben geschult sein.

Bei Zweitligaspielen bei Union kommen bei regulären Spielen gut 300, bei Risikospielen bis zu 400 Ordner zum Einsatz. Im Olympiastadion arbeiten bei normalen Partien 720 bis 750 Mitarbeiter des Ordnungsdienstes. Bei Risikospielen wird die Zahl entsprechend dem erwarteten Zuschauerandrang erhöht. Sowohl Herthas Sicherheitsbeauftragter Sascha Binder als auch sein Köpenicker Kollege Sven Schlensog nahmen bereits vor den Beschlüssen an einem von DFL und DFB initiierten Zertifikatsstudium für Sicherheitsbeauftragte teil.

Auch die Videoüberwachung der Fankurven genügt in beiden Stadien den Standards. Im Olympiastadion wurden zur Fußball-WM der Frauen 2011 zwei Panorama-Kameras angeschafft, die von der Tribüne aus hochauflösende Bilder des Gästeblocks und der Ostkurve von Hertha liefern. Die Polizei hat bereits seit 13 Jahren eine Vorrangschaltung für die Videokameras im Stadion. Bei Union gibt es diesen von der DFL seit Dezember vorgeschriebenen Zugriff auf die Kamerasteuerung durch die Sicherheitsbehörden erst seit der Einweihung der neuen Haupttribüne im Juli dieses Jahres, die die „Eisernen“ für eine komplette Modernisierung der Videoüberwachung nutzten. Ein Teil der elf mit zwei Jahren Stadionverbot belegten Becherwerfer der vergangenen Heimspiele wurde mit Hilfe der Kameras identifiziert.

Ein mittlerweile verbindlicher Fan-Dialog findet bei Hertha ebenso statt wie bei Union. Bei den Eisernen ist die Einbeziehung der Anhänger über die Fan- und Mitgliederabteilung institutionalisiert. „Wir führen bei Hertha den Dialog seit Jahren unabhängig von den Forderungen der DFL durch. Dazu gibt es mindestens einmal im Quartal eine Abstimmung mit der Fanszene“, sagte Thomas E. Herrich, bei den Blau-Weißen für den Bereich Sicherheit verantwortliches Mitglied der Geschäftsleitung.

Insgesamt scheint die Zahl der Vorfälle in den Stadien der Berliner Profivereine abzunehmen. Bei Hertha beispielsweise sank die Zahl der ermittelten Einzelvorfälle von 101 in der Saison 2011/12 auf 55 in der abgelaufenen Spielzeit. Auch der DFB-Sicherheitsbeauftragte Große Lefert präsentierte im September auf einer Konferenz in Hamburg vor Vermarktern von Sportstätten erstaunlich niedrige Zahlen. 286 verschiedene Vorkommnisse habe es 2012/13 bundesweit gegeben. Dabei wurden allerdings nur Vorkommnisse gezählt, bei denen der DFB-Kontrollausschuss Ermittlungen aufgenommen hat. Folgt man dieser Zählweise, gab es bei Union in der vergangenen Saison drei Vorfälle wegen des Werfens von Gegenständen und einen wegen Pyrotechnik im Stadion.

Der wirkliche Kampf um die Frage, wie sicher die Fußballstadien sind, findet bei der Interpretation der Zahlen statt. Die Polizei sammelt Einsatzdaten bei der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, ohne zu unterscheiden, ob ein Eingriff auf einem Bahnhof, vor einem Stadion oder in der Arena notwendig wurde. DFB, DFL und Vereine sehen sich als Veranstalter vor allem für das Stadiongelände zuständig. „Das sind unterschiedliche Perspektiven. Man muss beide Zahlen respektieren, aber auch verstehen, welche Datenbasis dahintersteht“, sagte Große Lefert auf die Diskrepanz angesprochen.

An- und Abreise sind das Problem

Es ist weniger die Situation in den Stadien, die Beobachtern Sorge bereitet, sondern die An- und Abreise bei Spielen. Bei den Auswärtsspielen von Union in Kaiserslautern und Bochum kam es beispielsweise zu Vorfällen auf den Bahnhöfen. Nach dem Auswärtsspiel zuletzt in Dortmund kam es auf der Rückreise zu Auseinandersetzungen zwischen Hertha-Anhängern und einheimischen Fans im Magdeburger Bahnhof. 40 Minuten lang war der gesamte Zugverkehr dort lahmgelegt. „Die Situation in den Stadien hat sich insgesamt deutlich beruhigt“, so Große Lefert. „Doch bei den Reisewegen der Fans haben die Vereine als Veranstalter der Spiele nur begrenzten Einfluss. Da hilft es, vor allem in Netzwerken an einer Verbesserung zusammenzuarbeiten. Nur den Schwarzen Peter hin und her zu schieben, würde nichts nutzen.“ Für den Netzwerkansatz ist die insgesamt weniger hitzige politische Situation hilfreich.

Hertha hat sich beispielsweise im April als erster Fußballklub bei der Vertragsverlängerung mit Hauptsponsor Deutsche Bahn auf präventive Maßnahmen gegen Vandalismus und Gewalt verständigt. „Wir haben bereits einen umfangreichen Maßnahmenkatalog erarbeitet“, so Herrich. Details dazu wollen die Blau-Weißen demnächst gemeinsam mit der Bahn bekannt geben.