Premier League

Mesut Özil ist der Supermann von London

Der deutsche Mittelfeldstar ist Arsenals Jungbrunnen

Die Engländer sind ein lustiges Völkchen, und weil sie neben Feiern und Trinken auch ein Faible fürs Verkleiden haben, gehen die Menschen dort gern verkleidet zur Weihnachtsfeier. Da machen die Fußballvereine keine Ausnahme. Beim FC Arsenal zum Beispiel überboten sich die Spieler mit ihren Outfits, als sie einen Doppeldeckerbus enterten, auf dem die Christmas-Party stattfand. Und irgendwie passten die Verkleidungen: Lukas Podolski kam als Muskelmann Hulk. Abwehr-Freibeuter Per Mertesacker war Jack Sparrow, Piratenkapitän aus „Fluch der Karibik“. Es gab einen Rambo, Zorro und Super-Mario. Mesut Özil kam als Superman eingeflogen.

Im Sommer war er in London gelandet, zwar ohne roten Umhang, aber mit ähnlich legendärem Ruf. Und mit durchschlagendem Erfolg. Gewinnt Arsenal heute (14.30 Uhr) das letzte Spiel 2014 gegen Newcastle United, beschließt der Klub das Jahr als Tabellenführer. Die Fans dürfen vom ersten Meistertitel seit zehn Jahren träumen. Auch dank Özil geht es hoch hinaus.

Auf Arsenal wirkt er wie ein Jungbrunnen. „Er bringt diese Gelassenheit am Ball mit, die du brauchst. Ich denke, er hat sie in den ganzen Klub gebracht“, lobt Thierry Henry, der von 1999 bis 2007 für die „Gunners“ stürmte. Der Franzose ist begeistert von der lässigen Eleganz des 25-Jährigen. Vier Tore schoss Özil in den ersten 15 Ligaspielen, bei denen er zum Einsatz kam, weitere sieben bereitete er vor. Damit ist er der zweitbeste Vorlagengeber der Premier League hinter Wayne Rooney (9). „Ich bin hochzufrieden mit meinem ersten halben Jahr“, sagt Özil, „ich habe das Gefühl, wirklich angekommen zu sein.“

Der Wechsel nach London ist auch ein Akt des Erwachsenwerdens, eine Abnabelung. Vater Mustafa Özil hatte im Sommer in einer Hauruck-Aktion seinen Sohn von Real Madrid nach London gelotst. Wer bezweifelt hatte, ob er mit seiner schwerelosen Spielweise in die rustikale Premier League passen würde, ist längst eines besseren belehrt worden. „Er hat schon jetzt eine Ära geprägt, in der Arsenal den vielleicht aufregendsten Fußball seiner Geschichte spielt“, sagt Jeremy Wilson, Arsenal-Reporter der Zeitung „Daily Telegraph“, „seine Präsenz garantiert, dass das Team immer Gefahr ausstrahlt.“

Özil ist in London einen Schritt weitergekommen, vielleicht den entscheidenden Schritt auf dem Weg zum absoluten Weltklassespieler. In Madrid war er einer unter vielen, in London ist er Anführer. Hier bezog er ein Haus mit seiner Freundin, der Sängerin Mandy Caprisco. Er lebt sein Leben jetzt selbstbestimmter, irgendwie erwachsener. Musste er bei Real noch um den Ball betteln, um einen Freistoß auszuführen, bekommt er ihn in London wie selbstverständlich. Auch bei den Ecken gibt es keine Diskussion. Das ist eine Aufgabe für den Mann mit der Nummer 11.

Der FC Arsenal bekommt Özil gut. In Spanien war er umtost von Machtspielchen. Dort kämpfte Trainer Mourinho gegen Präsident Perez, in der Mannschaft gab es verschiedene Lager – kein gutes Umfeld für den Harmoniemenschen Özil. Bei Arsenal gibt es nur das Wort von Arsene Wenger, dort Trainer und Manager seit 1996. Der 64-Jährige überzeugte Özil im Sommer persönlich davon, nach London zu kommen. „Wenn du Mesut auf dem Platz siehst und dich dann nicht in ihn verliebst, hast du keine Ahnung von Fußball“, schwärmt er.