Skispringen

„Die Situation der Deutschen ist genial“

Skispringer-Legende Sven Hannawald über die Chancen seiner Nachfolger bei der Vierschanzentournee

Als Sven Hannawald vor zwölf Jahren alle vier Springen bei der Vierschanzentournee gewann, waren die aktuellen Hoffnungsträger noch Kinder. Seitdem gab es keinen deutschen Sieg mehr zu bejubeln. Mit Hannawald, heute 39 Jahre als und für Sky als Kommentator vor Ort, sprach Melanie Haack vor dem Tournee-Start am Sonntag.

Berliner Morgenpost:

Herr Hannawald, kribbelt es schon?

Sven Hannawald:

Na klar. Die Vierschanzentournee ist immer etwas Besonderes – auch im Olympiawinter. Wieder hat jemand die Chance, alle vier Springen zu gewinnen. Und wieder hoffe ich natürlich, dass ich meinen Rekord behalten kann. Welcher Sportler hängt schließlich nicht an seinen alten Rekorden? Von Jahr zu Jahr bin ich aber abgeklärter. Wenn es jemandem gelingen sollte, habe ich natürlich den vollsten Respekt. Ich weiß, was dazu gehört, was er durchmachen musste.

Sie waren damals mental völlig ausgelaugt, als es geschafft war. Der Druck wuchs mit jedem Wettbewerb.

Keiner wird nach vier Siegen herumspringen wie ein Duracell-Häschen, dazu arbeitest du zu viel mit dem Kopf, dazu wächst die Belastung von Springen zu Springen zu sehr. Aber es war natürlich das geilste Erlebnis meiner Karriere.

Derzeit ist das Feld sehr eng zusammengerückt. Wird die Serie der Österreicher mit fünf Tournee-Siegen in Folge reißen?

Das ist gut möglich. Nach der souveränen Serie wird es für die Österreicher dieses Mal so schwer wie schon lange nicht mehr. Gregor Schlierenzauer ist dennoch mein Topfavorit. Ich hoffe auch sehr und wünsche es Thomas Morgenstern, dass er nach seinem schweren Sturz in Titisee-Neustadt starten und gut springen kann. Er weiß, dass er in dieser Saison ein Siegspringer ist.

Auch Severin Freund hat schon einen Weltcup gewonnen. Wie sehr können die Deutschen ganz vorn mitmischen?

Sie sind auf einem sehr guten Weg und in der Lage, Einzelsiege einzufahren. Ich wünsche mir, dass es bei der Vierschanzentournee und bei den olympischen Winterspielen endlich mal wieder zu einem Einzelpodestplatz reichen wird. Aber die Konkurrenz ist hart.

Welchen deutschen Springer schätzen Sie am stärksten ein?

Severin Freund hat die größte Routine, ich traue ihm sehr viel zu. Ich weiß aber auch, dass Michael Neumayer die Schanzen liegen. Er war nicht umsonst 2008 auf dem Podest des Gesamtklassements (Dritter - d.Red.). Gegenüber den Jungen hat er den Vorteil, schon etliche Tourneen hinter sich zu haben. Er weiß am besten, auf was er sich einstellen muss.

Hatten Sie es leichter? Sie selbst gingen bei Ihrem Triumph maximal als Außenseiter-Tipp in die Tournee.

Stimmt, mit mir hatte damals fast niemand gerechnet. Für mich war das ein Vorteil. So konnte ich mich ohne Stress und Medienrummel vorbereiten. Ich selbst wusste aber, dass mein Paket passt. Dass es am Ende so sehr passen sollte, hatte ich aber natürlich auch nicht erwartet. Die erfolgreichen jungen Springer, allen voran wohl Andreas Wellinger, werden natürlich super motiviert sein. Ich hoffe, dass der ein oder andere Stern so richtig aufgeht, aber ich denke, dass Severin bei den Deutschen die Nase vorn haben müsste.

Trotz Engelberg? Da lief es nicht perfekt für ihn: ein Sturz, ein guter Sprung und einmal Windpech – das war seine Bilanz.

Severin hat während Weihnachten ein paar Tage zum Abschalten. Alle Wettkämpfe in der bisherigen Saison waren von den Bedingungen her nicht einfach und haben viele Nerven gekostet. Zur Tournee kommen aber alle frisch, und nicht zuletzt deswegen ist es im Vorfeld der Tournee immer schwierig, Favoriten zu nennen. Überraschungen kann es immer geben. Wellinger und Marinus Kraus haben gezeigt, dass sie die Spitzbübigkeit und Coolness besitzen, um vorn hineinzuspringen. Wenn dir das einmal bei der Tournee gelingt, kann viel passieren.

Dann springen sie sich in einen Rausch?

Es kann sein, dass du Schwung bekommst und auf einer Euphoriewelle Unglaubliches zeigst. Gerade bei der Vierschanzentournee ist zwar Erfahrung gut, es kann aber auch immer ein No-Name verblüffen.

Wie Anders Jacobsen 2006/2007. Er ist in Norwegen ein Star, hat Andreas Wellinger auch das Zeug dazu?

Andreas hat ein unglaubliches Fluggefühl und von seiner Statur her gute Voraussetzungen. Er kann sein Potenzial vielleicht noch nicht so rigoros abrufen, aber das ist am Anfang der Weltcup-Karriere normal. Das lernt er mit der Zeit. Und: Er ist nicht in sich gekehrt, man merkt ihm an, wie viel Spaß er hat, dass er sich wohl fühlt. Das alles sind die besten Voraussetzungen. Auch Marinus Kraus wird sich noch weiter stabilisieren. Es ist eine unheimlich gute Stimmung in der Mannschaft, nur so können Leistungsexplosionen zustande kommen. Wenn es intern Herumgezicke gäbe, wäre das nicht möglich.

Sie klingen schon fast euphorisch.

Ich freue mich und kann es gar nicht erwarten, bis es noch einen Schritt weiter nach vorn geht. Wie Bundestrainer Werner Schuster das Team geformt hat, ist wirklich genial. Die Mannschaft muss sich nicht nur auf einen verlassen, hat gleich mehrere Kandidaten für das Podium. Das ist fast besser als zu meiner Zeit, eine geniale Situation. Die Deutschen schlagen nicht so zu wie wir damals, aber das kann sich ja noch entwickeln.

Kann der große Erfolg schon jetzt bei dieser Vierschanzentournee gelingen?

Unmöglich ist das nicht. Man muss aber in Ruhe weiterarbeiten und den Erfolg abwarten können. Es wäre ein super Erfolg, wenn ein Deutscher am Ende mal wieder auf dem Podium stünde. Das bedeutet viel mehr als ein Tageserfolg bei einem der vielen Weltcupspringen. Wer bei der Tournee auf dem Podium steht, hat es wirklich verdient.

Welche Wertigkeit hat für Sie die Tournee im Vergleich zu olympischen Winterspielen?

In meinen Augen war die Tournee immer das Höchste, weil selbst Olympia und Weltmeisterschaften Tageserfolge sind. Da musst du auch Glück haben. Es gab schon viele glückliche Olympiasieger und Weltmeister, dazu zähle ich mich auch. Aber es gab noch nie einen glücklichen Tourneesieger.

Sagen Sie deshalb, dass Schlierenzauer Ihr Topfavorit ist?

Erfahrung, Erfolg, seine Herangehensweise – das Gesamtpaket spricht für ihn. Hinter ihm ist jedoch eine wütende Herde, die schon mit den Füßen scharrt. Aber er weiß, damit umzugehen.

Erstaunlich weit vorn mischt auch Noriaki Kasai mit. Und das mit 41 Jahren. Wie macht er das?

Gute Frage! Mir gibt das Hoffnung für Martin Schmitt (35 Jahre alt – d. Red.). Kasai hat wieder ein ähnliches Gefühl wie früher, kommt wieder zum Fliegen. Genau so schnell kann es bei Martin gehen. Er hat ebenfalls seit Jahren seinen Sprungstil abgespeichert, auch wenn er ihn natürlich ein bisschen umstellen musste. Aber im Groben bleibt der Stil. Was Kasai geschafft hat, kann auch Martin schaffen. Er arbeitet eifrig.

Können Sie verstehen, dass Schmitt es immer noch versucht? Er war erfolgreich. Nun ist er bei der Tournee dabei, aber seine Chancen, zurück ins A-Team zu kommen, stehen nicht gerade gut.

Von Außen betrachtet mag das schwer nachvollziehbar sein. Wenn ich aber mit ihm telefoniere und er mir erzählt, dass er noch viele Dinge ändern muss, damit es besser wird, höre ich seine immer noch vorhandene Motivation heraus. So lange er die hat, wird er weiter machen. Ich würde mich auf jeden Fall sehr für ihn freuen, wenn er irgendwann einmal belohnt wird. Martin ist der letzte, der seine Hausaufgaben nicht macht.