Handball

Das Risiko der Füchse wird belohnt

Nach radikalem Umbruch hat der Berliner Handballklub noch in drei Wettbewerben Chancen

Bob Hanning erinnert sich noch genau an die Reaktionen. „Viele haben den Untergang des Abendlandes heraufbeschworen“, sagt der Geschäftsführer der Füchse Berlin. Bereits im Januar dieses Jahres hatte der Handball-Bundesligist nämlich angekündigt, dass er im Sommer einen radikalen Umbruch vollziehen und mit einer ziemlich neuen Mannschaft die Saison 2013/2014 angehen werde. Sechs gestandene Profis verließen nach der vergangenen Spielzeit teils freiwillig, teils unfreiwillig den Klub. Drei Schweden, ein Tscheche sowie zwei Berliner Nachwuchsspieler kamen dafür.

Zittersieg gegen Balingen

Heute muss Hanning, 45, grinsen, wenn er zurückblickt. Denn es ist weder das Abendland untergegangen, noch ist es mit den Füchsen bergab gegangen. Mit einem 30:29 (19:12)-Heimsieg – nach einem allerdings teils indiskutablen Auftritt – gegen den Tabellenvorletzten HBW Balingen-Weilstetten vor 8226 Fans verabschiedeten sich die Berliner Handballer am Donnerstag bis Anfang Februar 2014 (Pause wegen der EM in Dänemark). Die Gesamtbilanz am Jahresende fällt dennoch positiv aus. „Die Wechsel haben sich ausgezahlt“, erklärt Trainer Dagur Sigurdsson, 40.

Rückblick: Im vergangenen Juli, in der Saisoneröffnungs-Pressekonferenz, während der auch der neue Sportkoordinator Volker Zerbe vorgestellt wurde, hatte der isländische Coach einen eher nachdenklichen Eindruck gemacht. „Ich bin mal gespannt...“, meinte er damals. Er war sich bewusst, dass er mit seiner runderneuerten Mannschaft auf einem schmalen Grat wandeln würde. „Sicher sind wir ein Risiko eingegangen“, sagt Hanning fünf Monate später, „aber unser Plan ist aufgegangen.“ Die Berliner können sich auch weiterhin auf eine sehr starke Defensive mit dem besten Torhüter-Duo der Liga (Silvio Heinevetter, Petr Stochl) verlassen, insgesamt ist das Team noch schneller geworden.

Die Mannschaft wird vom Publikum sehr gut angenommen. Nach zehn Heimspielen kamen im Schnitt 8118 Zuschauer in die Max-Schmeling-Halle. In der Spielzeit 2012/2013 waren es durchschnittlich 7656 Besucher.

Nach der Blutauffrischung durch Jesper Nielsen, Mattias Zachrisson, Fredrik Petersen, Pavel Horak (mit acht Toren bester Berliner Werfer gegen Balingen) sowie die Füchse-Talente Fabian Wiede und Jonas Thümmler liegt Berlin noch in allen drei Wettbewerben auf Kurs. „Wir können sehr viel erreichen“, erklärt Rückraumstratege Bartlomiej Jaszka.

In der Bundesliga sind die Füchse Fünfter, mit Tuchfühlung zu den Spitzenteams Kiel, Flensburg, Hamburg und Rhein-Neckar Löwen. Nur einmal, zuletzt in Eisenach (22:23), gab es Punktverluste, die nicht eingeplant und „unentschuldbar“ (Hanning) waren. Gegen die Großen standen die Berliner sogar einige Male vor einem Sieg oder Remis.

„Endlich haben wir mal etwas Losglück gehabt“, freut sich Hanning mit Blick auf den nationalen Pokal. Während der Klub in der Vergangenheit zumeist früh – und oft an Kiel – scheiterte, hießen die Gegner bisher Friesenheim und Hildesheim (beide 2. Liga). Wahrscheinlich am 26. Februar trifft Berlin im Viertelfinale in eigener Halle auf den TBV Lemgo. Für die Füchse die große Chance, erstmals ins Final Four in Hamburg (12./13. April 2014) einzuziehen.

Zwar war es erst einmal ein Rückschritt, dass die Füchse nach zwei Jahren in der Champions League diesmal europäisch nur im EHF-Pokal an den Start gehen. Sehr unglücklich wurde die Qualifikation für die Beletage gegen Titelverteidiger HSV Handball verpasst. Doch die Berliner haben die Vision, sich erstmals in der Klubgeschichte einen Titel zu holen – eben den EHF-Pokal. Hanning ist sogar ein hohes finanzielles Risiko eingegangen und hat die Vierer-Endrunde nach Berlin in die Schmeling-Halle geholt (17./18. Mai 2014). Aber noch haben sich die Berliner nicht für dieses Final Four qualifiziert. Anfang Februar beginnen die Gruppenspiele gegen Savoi HB Chambery (Frankreich), MSK Hlohovec (Slowakei) und das rumänische Team HCM Constanta. Die jeweils vier Gruppenersten und drei besten Zweitplatzierten qualifizieren sich für ein Viertelfinale im K.o.-Modus. Der Ausrichter des Endturniers, so er zu den sieben Teams gehört, darf das Viertelfinale auslassen und zieht direkt in die Runde der besten Vier in Berlin ein.

Zukunft ohne Iker Romero

Das alles ist noch weit weg. Viel aktueller sind die Planungen für die kommende Spielzeit, mit denen sich Hanning und Sigurdsson beschäftigen werden. „Ich bin mit meinen Überlegungen noch nicht so weit, wie ich es vor einem Jahr gewesen bin“, sagt Hanning. Seine Tätigkeit als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes hat ihn Zeit gekostet.

Hanning schweigt sich über Personalien aus. Klar ist: Die Verträge mit Kapitän Iker Romero, 33, Abwehrchef Denis Spoljaric, 34, Colja Löffler, 24, und Markus Richwien, 28, laufen aus. Dass Romero keinen neuen Vertrag bekommt, ist kein Geheimnis, für ihn soll der talentierte Paul Drux, 18, nachrücken.

„Ich setze auf Kontinuität“, erklärt Hanning. Einen erneuten Umbruch wird es 2014 sicher nicht geben. Unter diesem Aspekt könnten Spoljaric und Löffler die besten Karten haben. Auch eine vorzeitige Verlängerung mit Leistungsträgern ist nicht auszuschließen. Mit Heinevetter (bis 2018) und Jaszka (bis 2017) wurde dies bereits praktiziert.