Kritik

Harting kritisiert Gauck für Sotschi-Verzicht

Berliner Diskus-Weltmeister nutzt die Sportler-Wahl in Baden-Baden, um den Bundespräsidenten zu attackieren

Der Chefkritiker des deutschen Sports war mal wieder voll in seinem Element. Nachdem Robert Harting bei der Ehrung der „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden das Duell der Weltmeister auf der Zielgerade gegen Formel-1-Star Sebastian Vettel gewonnen hatte, nahm sich der Diskus-Riese den Bundespräsidenten vor. „Das ist das falsche Signal“, sagte der Berliner und stand nicht allein mit seiner Kritik an Joachim Gauck und dessen Verzicht auf einen Besuch der olympischen Winterspiele im Februar 2014 in Sotschi/Russland. Auch die Speerwerferin Christina Obergföll, kurz zuvor zur „Sportlerin des Jahres“ gekürt, stimmte mit ein: „Ich finde den Verzicht des Bundespräsidenten auf die Sotschi-Reise sehr schade. Wenn er schon keine politischen Gründe dafür anführt, wirkt das auf mich so, als würde er unserem Sport die willkommene Unterstützung versagen.“

Auf einer Linie mit Merkel

Damit lagen die beiden Leichtathletik-Stars in etwa auf einer Linie mit Kanzlerin Angela Merkel, die Stunden zuvor laut „FAZ“ kritisiert hatte, bei rechtzeitiger Information durch das Bundespräsidialamt hätte man Gauck von diesem Schritt abgeraten. Harting nutzte die Kanzlerin für seine Argumentation. „Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel die Fußball-Nationalmannschaft im Trainingslager besucht, hat das eine starke Symbolik. Es heißt für die Bevölkerung: Das ist ein wichtiges Ereignis. Und wenn Joachim Gauck nicht kommt, ist das auch ein Zeichen.“

Gauck hatte vor einer Woche erklärt, er werde die Winterspiele nicht besuchen, dies aber nicht offiziell begründet. Allerdings hatte er zuvor rechtsstaatliche Defizite und die Behinderung kritischer Medien angeprangert. Ähnlich handhabte es am Sonntag Frankreichs Präsident Francois Hollande, der ebenfalls eine Sotschi-Reise ausschloss. EU-Kommissarin Viviane Reding ist allerdings die bislang einzige hochrangige Politikerin, die ihren Verzicht auf einen Olympia-Besuch als Protest gegen die Politik von Präsident Wladimir Putin verstanden wissen wollte.

Russland steht vor Olympia auch wegen seines Anti-Homosexuellen-Gesetzes und der andauernden Unterdrückung der Opposition international in der Kritik. Bei den Sommerspielen und den Paralympics 2012 in London war Gauck vor Ort gewesen.

Laut Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) plant Gauck eine Willkommensfeier für die deutsche Olympiamannschaft in München. Der DOSB habe Gauck eingeladen, „die deutsche Olympiamannschaft bei dieser Gelegenheit zu empfangen und zu begrüßen“. Dies empfinde die Mannschaft als Zeichen der Anerkennung und des Ansporns. IOC-Präsident Thomas Bach hatte gesagt, Gauck verzichte auf die Reise nach Sotschi „aus protokollarischen Gründen“. „Ich kenne Bundespräsident Gauck und weiß, dass er ein sehr direkter Mann ist. Wenn er seinen Verzicht als Protest verstanden gewusst haben wollte, hätte er dies auch so gesagt.“ In Baden-Baden saß Bach an einem der runden Festtische und war „glücklich“, dass er auch als IOC-Boss den Termin wahrnehmen konnte.

Mit an seinem Tisch saß der neue DOSB-Präsident Alfons Hörmann – der Gaucks Entscheidung bedauerte: „Ich hätte den Bundespräsidenten in Sotschi gerne dabei gehabt“, sagte der 53-Jährige. „Ich erinnere mich gut und gerne an einen gemeinsamen Tag mit Horst Köhler 2006 bei Olympia in Turin. Das war für die Mannschaft eine tolle Auszeichnung. In Vancouver hat es dann nicht mehr geklappt, und in Sotschi nun auch nicht.“

Die Kritik an Bundespräsident Gauck verhinderte freilich nicht, dass Harting seine Wahl zum „Sportler des Jahres“ im Kurhaus ausgiebig mit seiner Lebensgefährtin Julia Fischer – wie Harting ebenfalls Diskuswerferin – feierte. Kulinarisch wurde in Baden-Baden einiges geboten. Es gab gebratene Riesengarnelen auf grünem Spargel oder auch Rinderlende und hausgemachtes Maracuja-Sorbet. Zuvor war der Berliner vor 700 geladenen Gästen zum zweiten Mal in Folge zur Nummer eins in Deutschland gewählt worden. Harting, der bei der Leichtathletik-WM im August in Moskau sein drittes WM-Gold in Serie errungen hatte, lag knapp vor dem viermaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel und Stabhochsprung-Weltmeister Rafael Holzdeppe.

Vettel mit Kampfansage

Vettel, der nicht in Baden-Baden erschienen war, ließ per Videobotschaft durchblitzen, dass er nicht der Typ für zweite Plätze ist. Der Heppenheimer sagte mit einem Augenzwinkern. „Vielleicht muss ich anfangen, meinen Anzug zu zerreißen.“ Es war eine Anspielung auf Hartings Triumph-Pose. Bei jedem seiner Titelgewinne zerriss sich der Muskelprotz bisher stets vor laufenden TV-Kameras sein Trikot, die Bilder gingen um die Welt. Harting fühlte sich durch Vettels Kommentar geschmeichelt: „Diese Aussage habe ich gut gefunden.“

Harting war der erste Sportler seit Boris Becker 1990, dem die Wiederholung seines Vorjahreserfolgs gelang. Die Auszeichnung gebe ihm „sehr, sehr viel Selbstvertrauen“, sagte der Diskusstar. „Der Preis bestätigt mich, gegen Ungerechtes zu kämpfen.“ Dazu zählt er die teils unzureichende Förderung von Sportlern. Und dazu will Harting am Dienstag den Lizenzantrag zur geplanten Sportlotterie einreichen. Wie es danach weitergeht? Abwarten.