Porträt

Eine Frau, die viele rasend macht

Vom Hürdensprint in den Bob: Lolo Jones vermarktet sich dabei so aggressiv, dass die Teamkollegen murren

Olympische Winterspiele in Russland, das verspricht viele Geschichten. Beispielsweise die von der Verschwendung der Milliardensummen nach einem intransparenten Vergabeprozess an den Schwarzmeerort Sotschi, die den hochrangigen deutschen Sportfunktionär Helmut Digel inzwischen sogar fürchten lässt, das „die Spiele irgendwann nur noch in autoritären Systemen möglich sind“. Oder jene von Provokationen einiger Athleten gegenüber Wladimir Putin, die wegen dessen Anti-Homosexuellen-Gesetzen im Februar (7.bis 23.) erwartet werden.

Und natürlich solche über ungewöhnliche Sportler wie Lolo Jones, 31. Die Amerikanerin war der Sportwelt bislang als 100-Meter-Hürden-Sprinterin ein Begriff, nun will sie sich als Anschieberin im Zweierbob für Sotschi qualifizieren. Beim Weltcup in Übersee sorgt sie gerade für ungewöhnlich großes Medieninteresse an der Randsportart.

Sex sells, das gilt offenbar auch bei Lolo Jones. Mit ihren Fotos im hautengen Bobanzug verkauft sie sich jedenfalls besser als eine Elana Meyers, die es trotz beachtlicher Erfolge (Olympia-Bronze, WM-Silber) daheim nie in die Schlagzeilen schafft. „Lolo Jones macht die Bob-Auswahl interessant“, schrieb „USA Today“, als Jones mit Pilotin Jamie Greubel beim Weltcup in Park City in der Vorwoche Zweite wurde – hinter Meyers, das sei hier noch angemerkt.

Auch Lauryn Williams sitzt im Bob

Dabei muss Jones im Gegensatz zu Meyers noch um das Olympia-Ticket zittern. „Du musst hier alles geben. Denn jede kann jederzeit durch eine andere ersetzt werden“, weiß die 31-Jährige. Eine ihrer Konkurrentinnen ist Lauryn Williams. Die war 2005 in Helsinki sogar 100-Meter-Weltmeisterin und gewann in London 2012 als Vorläuferin der US-Staffel Olympiagold. Doch auch sie steht klar im medialen Schatten von Lolo Jones.

Dass die Dame so beliebt ist, liegt auch am Drama ihres Olympia-Finales 2008 in Peking. Als Jones klar in Führung liegend im 100 Meter-Hürden-Endlauf an der vorletzten Hürde strauchelte, litt Amerika mit. Der Liebling mit dem goldigen Lächeln wurde am Ende zwar nur Siebte, doch acht Großfirmen schlossen mit ihr Sponsorenverträge ab.

Im Vorfeld der Sommerspiele 2012 in London rückte sich Jones dann wieder eher unsportlich ins Rampenlicht, als sie in einem TV-Interview betonte, noch Jungfrau zu sein. „Das ist ein Geschenk, das ich meinem Mann geben möchte. Aber bis zur Hochzeit eine Jungfrau zu bleiben, ist härter, als für die Olympischen Spiele zu trainieren“, so Jones. Ihr vierter Platz wurde daraufhin mehr beachtet als die Silber- und Bronzemedaillen ihrer Landsfrauen Dawn Harper und Kellie Wells.

Das sorgt für Neid. Und frostig wird die Stimmung ihr gegenüber längst auch im Bobteam. Im Frühjahr hatte Jones ein Video ins Internet gestellt mit einem Scheck vom US-Verband in Höhe von 741,84 Dollar. Es war ihre Aufwandsentschädigung für die gerade beendete Debütsaison im Eiskanal. „Sieben Monate im Bob, die gesamte Saison. Das ist alles?“, klagte sie. Nicht weniger arrogant klang ihre Schlussfolgerung. Jones greift zu ihrem Handy und spricht hinein: „Ich werde in diesem Monat mit meiner Rente etwas spät dran sein.“

Viererbob-Olympiasieger Steven Holcomb empfand dies als „Schlag ins Gesicht für jeden im US-Verband“. Jones’ Aktion sei „versnobt“ gewesen und bei keinem gut angekommen, betont er. „Die Leute waren beleidigt. Du hast 741 Dollar mehr verdient, als die Mehrheit der anderen Athleten in unserem Sport. Worüber beschwerst du dich also?“, schimpfte Holcomb. Jones ruderte zwar zurück und stellte klar, dass sie nur auf Ungerechtigkeiten aufmerksam hätte machen wollen. Doch ihr Ruf litt weiter, als sie während eines Sommer-Trainingslagers in Lake Placid in einer Bar die Stieftochter der US-Bob-Legende Tony Carlino ausknockte. Der Verband untersuchte den Fall und legte ihn mit der Begründung „Jones hat gegen keine Teamvorschriften verstoßen“ erst einmal beiseite. Am 19. Januar benennt der US-Verband aber seine Olympiastarter. Egal, ob Lolo Jones dabei sein wird oder nicht – die Schlagzeilen werden dann auf jeden Fall ihr gehören.