Fußball

Herthas Höhenflug geht weiter

3:2 gegen Bremen ist bereits der siebte Saisonsieg des Aufsteigers, der wieder auf Platz sechs klettert

Per Skjelbred humpelte, Tolga Cigerci hatte Krämpfe und Marcel Ndjeng bekam keine Luft mehr. Aber alle Herthaner hatten ein breites Grinsen im Gesicht. Gegen Werder Bremen hielt der Höhenflug des Aufsteigers an. Mit dem 3:2 (2:2) holten die Berliner ihren siebten Saisonsieg. Und schoben sich mit 25 Punkten für zumindest zwei Nächte auf Platz sechs vor den FC Schalke (24), der erst Sonntag spielt. „Es war nicht immer gut, es war ein offenes Spiel“, sagte Hertha-Trainer Jos Luhukay und gab seine Erleichterung zu: „Zum Glück haben wir die Führung halten können.“

Hertha hatte sich etwas vorgenommen, die Gäste hatten etwas gutzumachen – entsprechend begann die Partie vor 48.721 Zuschauern. Bei Werder war nach der 0:7-Schmach gegen den FC Bayern eine Trotzreaktion gefragt. Also spielten die Bremer nach vorn. Aaron Hunt setzte sich auf der linken Seite durch, in der Mitte rutschte Herthas Innenverteidiger John Brooks weg. Die dreiviertel Sekunde, die der Herthaner brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen, reichte Nils Petersen. Der Stürmer zog aus 15 Metern halbhoch ins linke Eck, Hertha lag 0:1 zurück (15.).

Nicht geschockt vom Rückstand

Die Hausherren waren kein bisschen geschockt. Im nächsten Angriff spielte Per Skjelbred Doppelpass mit Ronny, wurde im Werder-Strafraum von Gebre Selassie abgeräumt, Schiedsrichter Christian Dingert reagierte sofort: Elfmeter. Den legte sich Adrian Ramos zurecht. Lief langsam an und schob den Ball mit der Innenseite in die rechte Ecke, 1:1 (17.), Hertha war wieder im Spiel.

Und legte nach. Per Skjelbred, der auf ungewohnter Position im linken Mittelfeld spielte, schickte Ramos. Der Kolumbianer enteilte leichtfüßig gleich zwei Verteidigern und schoss am herausstürzenden Torwart Raphael Wolf ins lange Eck, 2:1 (26.). Damit rückte Ramos, der später mit einer Schulterverletzung ausgewechselt wurde, mit nun zehn Saisontreffern auf Platz zwei der Torjäger-Wertung vor. Während die Stadionregie den Gassenhauer „Das ist die Berliner Luft“ einspielte, sprintete Torwart Thomas Kraft an die Seitenlinie zu Luhukay. Lautstark ging es zu. Und wenige Minuten später sollte Kraft recht behalten mit seiner Warnung, dass es in der Defensive nicht stimme. Aaron Hunt schleppte den Ball über 20 Meter, spielte ihn auf die linke Hertha-Seite. Hunt sprintete von John Brooks ungehindert weiter, erhielt den Ball zurück und schloss zum 2:2 ab, dahin war der schöne Vorsprung.

Es war nichts mit der Abwehrstärke, jener Qualität, auf die Hertha bisher aufgebaut hatte. Der Trainer reagierte. Brooks wurde vom Platz geholt, Hosogai (1,76 Meter) stellte nun mit Lustenberger (1,80 Meter) die kleinste Innenverteidigung der Liga. Neu dabei im defensiven Mittelfeld war Peter Niemeyer. „Es war abzusehen, dass der Trainer zur Pause nicht zufrieden war. Er ist laut geworden, und wir haben dann 3:2 gewonnen. Es ist also gut, wenn er seinen Emotionen freien Lauf lässt“, sagte Lustenberger. „Wichtig war in diesem Spiel, dass wir uns nicht haben unterkriegen lassen“, ergänzte Ndjeng.

Bei Werder steht Trainer Robin Dutt unter Druck. Was immer er seiner Mannschaft für die zweite Hälfte auf den Weg gegeben hatte, es war rasch hinfällig. Weil Hertha BSC das derzeit größte Mysterium der Bundesliga in seinen Reihen hat. Die Rede ist von Ronny. In der ersten Hälfte versuchte sich der Brasilianer vor allem als (erfolgloser) Distanzschütze. In der 48. Minute jedoch eröffnete sich ihm eine Gelegenheit, zu der er nicht nein sagen konnte. Cigerci tankte sich auf der linken Seite durch, seine weite Flanke köpfte Peter Pekarik aus sechs Metern aufs Werder-Tor, Bremens Torwart bekam eben noch die Hand an den Ball. Der landete vor den Füßen von Ronny, der das Spielgerät aus sechs Metern ins leere Tor schob, der Kunstschütze als Abstauber – 3:2 (48.). Ausgelassen feierte Ronny vor der Haupttribüne.

Werders Santiago Garcia nervte die gute Laune, der Argentinier holte den Brasilianer mit einem brutalen Foul von den Beinen (52.). Die Begegnung wurde aggressiver. Die Gäste drängten auf den Ausgleich. In der Schlussphase war das Glück auf Seiten der Hausherren. Kraft lenkte einen Freistoß von Hunt an den Innenpfosten, von dort sprang der Ball nach vorn, Levan Kobiashvili klärte mit einem Befreiungsschlag (87.). Dann war Zittern in der Dezemberkälte angesagt. Fünf Minuten Nachspielzeit wurden angezeigt. Werder spielt alles oder nichts, aber Hertha, organisiert vom starken Kapitän Lustenberger, wankte nicht.

Ein Spiel zum Haareraufen

Die Taktik hieß, den Ball weit weg halten vom eigenen Tor. Also lieferten sich die ballsicheren Ronny, Sandro Wagner und Marcel Ndjeng eine dreiminütige Zweikampf-Orgie mit drei Bremern vor deren rechter Eckfahne. Werder vermochte keinen Angriff mehr zu starten – Hertha feierte den fünften Heimsieg. „Wir sind froh, 25 Punkte nach 16 Spieltagen sind eine außergewöhnliche Leistung“, sagte Manager Michael Preetz, „auch wenn das Spiel zum Haareraufen war.“