Borussia Dortmund

Für Klopp stand noch nie so viel auf dem Spiel

Champions League: Dortmunds Trainer erlebt die schwerste Phase seiner Laufbahn. Ein Sieg in Marseille soll heute den Glanz zurückbringen

Zuspruch tut besonders in schweren Zeiten gut. Ottmar Hitzfeld, der 1997 mit Borussia Dortmund die Champions League gewonnen hat, ist von einem Weiterkommen des BVB überzeugt – trotz aller Probleme, die sein Nachfolger zu ertragen hat. „Dortmund mit seiner Klasse, seiner Mentalität und diesem Trainer wird das packen“, sagte der frühere Erfolgstrainer des BVB und des FC Bayern. Und diese Sätze kamen an seiner alten Wirkungsstätte gut an vor dem entscheidenden Vorrundenspiel heute bei Olympique Marseille (20.45 Uhr, ZDF).

Besonders bei Jürgen Klopp, der noch vor einem halben Jahr für den begeisternden Offensivfußball, den seine Mannschaft in Europa hat spielen lassen, gerühmt worden war. Sogar als „Welttrainer des Jahres“ wurde Klopp neben Münchens Triple-Sieger Jupp Heynckes und Sir Alex Ferguson, der inzwischen in den Ruhestand abgewanderten Ikone von Manchester United, nominiert. In dem Jahr, das ihn zu einem Gesicht des europäischen Vereinsfußballs werden ließ, erlebt Klopp seine zurzeit wohl schwerste Phase in Dortmund.

In der Meisterschaft beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Bayern München bereits zehn Punkte, hinter dem zweitplatzierten Bayer Leverkusen hinkt der BVB schon sechs Punkte her. Da käme eine Erfolgsmeldung wie der Einzug in das Achtelfinale der Königsklasse gerade recht, ganz abgesehen von den 3,5 Millionen Euro an Prämie, die es für den Sprung in die K.o.-Runde gibt. Borussias Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wollte die Situation beim Abflug am Dienstagmittag nicht dramatisieren, doch eine gewisse Anspannung war ihm anzumerken: „Wir haben eine Feier nach der anderen gehabt. Aber wer geglaubt hat, es ginge immer so weiter, hat keine Ahnung von Fußball.“

Nachwuchsspieler müssen ran

Nie stand für Klopp mehr auf dem Spiel als heute Abend an der französischen Mittelmeerküste. Doch um die Nerven im Dortmunder Lager steht es nicht gut. Der BVB, soviel steht fest, muss gewinnen, um sicher weiterzukommen.

„Not macht manchmal erfinderisch“, sagte Klopp, der neben Mats Hummels, Neven Subotic, Ilkay Gündogan, Marcel Schmelzer und dem in der Champions League nicht spielberechtigten Manuel Friedrich nun auch noch auf Sven Bender verzichten muss. Bender, eigentlich Klopps Allzweckwaffe für die Defensive, hatte sich beim 0:1 gegen Bayer Leverkusen am Sonnabendabend eine Innenbanddehnung am rechten Sprunggelenk zugezogen. So wird dem Trainer diesmal nicht viel anderes übrig bleiben, als einen jungen, unerfahrenen Innenverteidiger zu bringen. Ob Koray Günter, 19, oder Marian Sarr, 18 – beide Youngster bestiegen gestern Mittag den Mannschaftsflieger, einer von beiden wird heute neben Sokratis im Abwehrzentrum spielen müssen.

Rhythmus geht verloren

Keine ideale Voraussetzung, schließlich fehlt den beiden Defensivtalenten fast jegliche Erfahrung. „Jugendförderung ist wichtig, aber entscheidend dabei ist auch, den richtigen Moment abzupassen, um die jungen Talente ins kalte Wasser zu werfen“, hatte Klopp noch vor drei Wochen gesagt. Dies war allerdings, bevor sich die personelle Situation so dramatisch zugespitzt hatte. An eine derart dünne Personaldecke noch vor Halbzeit der Saison können sich in Dortmund selbst langjährige Mitarbeiter kaum erinnern. „Das ist schon außergewöhnlich“, sagte Sportdirektor Michael Zorc, mittlerweile seit über 30 Jahren als Spieler und Funktionär im Verein: „Wir befinden uns in einer Extremsituation.“

Das Problem sei dabei nicht nur die Tatsache, immer wieder neue Stammkräfte ersetzen zu müssen und zu improvisieren – durch die immer neuen Ausfälle und die damit verbundenen Verschiebungen geht der Mannschaft zunehmend der Rhythmus verloren. Die Automatismen greifen nicht mehr. So leidet beispielsweise auch die Dortmunder Offensive massiv unter dem personellen Notstand, obwohl es speziell in diesem Bereich nur wenig Ausfälle zu beklagen gibt.

Mit Hummels und Gündogan fehlen dem BVB derzeit die entscheidenden Figuren für den Spielaufbau. Dies hatte zur Folge, dass zuletzt die Initiative für strategische Spielzüge ausschließlich bei Nuri Sahin zu finden war. Doch auch der türkische Nationalspieler ist mittlerweile ein Opfer der Verletzungsmisere geworden. Gegen Leverkusen hatte sich Sahin eine Außenbanddehnung zugezogen, er konnte nach seiner Auswechselung kaum noch auftreten. Zumindest bei ihm besteht aber noch etwas Hoffnung für das wichtige Spiel im Stade Velodrome. Die BVB-Physiotherapeuten und Teamarzt Dr. Markus Braun arbeiteten nach der Ankunft in Marseille fieberhaft daran, den Mittelfeldspieler fit zu bekommen.

Doch egal wie groß die Personalprobleme auch sind: Die Borussen gehen als Favorit in das Spiel gegen die Franzosen, die bislang keinen einzigen Punkt verbuchen konnten. Das sei allerdings weniger der Schwäche von Olympique, sondern vielmehr der Stärke der drei anderen Teams in der Gruppe geschuldet, glaubt Klopp, der davor warnt, Marseille zu unterschätzen. „Ich rechne hier mit erbitterter Gegenwehr, Olympique will sich nicht punktlos aus der Champions League verabschieden“, sagte der Coach.

Es trägt vielleicht etwas zur Beruhigung bei den Dortmundern und ihrem Anhang bei, dass es auch bei Olympique Marseille reichlich Probleme gibt. Am Wochenende trennte sich der Klub, der wettbewerbsübergreifend neun der vergangenen 13 Spiele verlor, von Trainer Elie Baup. Manager José Anigo soll bis Weihnachten als Interimslösung die Talfahrt bremsen, muss aber gegen den BVB auf die gesperrten Defensivspieler Nicolas Nkoulou und Alaixys Romaro sowie auf die verletzten Mathieu Valbuena und André Ayew verzichten.