Boxen

Don King trommelt für seinen Indianer

Wirr wie immer wirbt der Promoter in Berlin für den WM-Gegner von Jürgen Brähmer

Die schwere, dunkelbraune Holztür mit goldfarbenen Beschlägen öffnet sich lautlos. Ins Blickfeld gerät ein Sicherheitsmann im obligatorischen, immer eine Nummer zu eng gewählten schwarzen Anzug. Dann ist die auch schon die Bühne frei für den möglicherweise letzten Auftritt in Deutschland von Don King, dem nach wie vor größten Entertainers in der Profiboxszene.

Der dicke Teppich im Konferenzraum des Hotel Kempinski schluckt jedes Bewegungsgeräusch, das dröhnende Lachen des 82 Jahre alten Amerikaners und sein mit schrill-schnarrender Stimme vorgetragenes „Ich bin ein Berliner“ schluckt das Bodentextil nicht. Die vermeintlichen Hauptakteure, Jürgen Brähmer und Marcus Oliveira, stehen auf einer kleinen Bühne, bemühen sich ernst zu bleiben, und sind genau wie alle anderen Anwesenden im Bann des Mannes mit der Starkstromfrisur. Und es soll noch einige Zeit vergehen, bis sich King zum Anlass seines Deutschlandbesuches, dem Profibox-Weltmeisterschaftskampf zwischen den beiden Halbschwergewichtlern am Sonnabend in Neubrandenburg (22.10 Uhr, ARD), äußert.

Mit Mandela und der Kanzlerin

Was bisweilen skurril bis grotesk wirkt, ist Kalkül. King ist sicher, eine Botschaft zu haben – immer, auch wenn er unvermittelt Begriffe wie „Eisbein“ oder einen Satz wie „Die Deutschen sind unsere Brüder“ von sich gibt. Aus dem obligatorischen Bündel von Fähnchen, das er stets mit sich führt, sortiert er die von Südafrika heraus. „Nelson Mandela ist tot, aber sein Geist wird weiter leben“, setzt King an, und alle sind neugierig, wie er den Bogen zum WM-Duell um den vakanten Titel nach Version der World Boxing Association (WBA) schlagen wird. „Ich bin glücklich, dass ich eine Zeit mit ihm verbringen durfte. Mandela hat mich zum Botschafter für den Frieden ernannt. Für ihn galt immer: verstehen, vergeben, aber nie vergessen. Er war kein Mann der Rache“, schwadroniert King. Um dann urplötzlich umzuschalten auf Entertainer. „Neubrandenburg“, schnarrt es wieder unter dröhnendem Gelächter , „ist eine Stadt mit vier Toren. Durch die werden die Menschen am Sonnabend hereinströmen um Marcus Oliveira und“ , King unterbricht seinen Redefluss und fragt mit Blick auf Jürgen Brähmer: „Wer sind sie?“.

Den Gegner gilt es klein zu halten. Den Gegner klein, den eigenen Mann groß. Also die Leute kommen, um Oliveira und Brähmer bei ihrer „einzigartigen Show“ zu sehen. Die selbstredend Oliveira gewinnen wird.

Die großen Nummern des Boxsports hat King derzeit nicht unter Vertrag, doch das blendet er aus: „Marcus Oliveria ist ein Mitglied des Stammes der Menominee-Indianer. Und er ist wie Häuptling Geronimo. Der hat alle Stämme zusammengerufen und General Custer besiegt. Wir werden auch alle Kraft zusammennehmen und Herrn Brähmer (dröhnendes Lachen) besiegen.“ Passend zum Kurztrip in Amerikas Geschichte fischt der Mann, der schon Muhammad Ali zu ungeahnten medialen Vorstellungen angetrieben hat, die Stammesfahne von Oliveira aus seinem Sortiment. Er wedelt, lacht, und schreit unvermittelt: „Herr Brähmer“. Der kann sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. Unter Umständen hat der 35-Jährige daran gedacht, dass Geronimo am Ende nicht auf der Seite der Gewinner stand.

Jedenfalls prallt Kings Redeschwall an Brähmer ab wie ein stumpfer Pfeil: „Ich freue mich auf den Kampf. Ich habe den Spaß am Boxen zurückgewonnen, seit ich vor rund einem Jahr beim Sauerland-Team unterschrieben habe. Ich werde den Ring als neuer Weltmeister verlassen“, gibt er sich selbstsicher. Dennoch sieht der lange Zeit als „Knast-Boxer“ („Bild") verschriene Ex-Champion seinen Lebensmittelpunkt nicht mehr in der Ringmitte. Partnerin Tatjana und Tochter Jasmin haben den Faustkampf auf Ranglistenplatz zwei verdrängt. Seinen Gegner sieht Brähmer als „schlagstarken Mann“ an. Intensiver beschäftigt hat er sich mit ihm aber nicht. „Ich vertraue auf meine Stärken. Videos schaut sich mein Trainer Karsten Röwer an.“ Brähmer drückt sich wesentlich sparsamer aus als Don King.

Der hat inzwischen die deutsche Fahne in der rechten Hand – und hält im Männersport Boxen die Frauenquote aufrecht. „Angela Merkel“, sagt er ohne Übergang, „eine Frau ist deutsche Kanzlerin.“ Warum er die CDU-Chefin ins Spiel bringt, bleibt sein Geheimnis. Nicht geheim seine Prognose: „Wir werden den Sauerland-Leuten das Weihnachtsfest vermiesen.“ Abgang King.