Interview

Eine Fußball-Weltmeisterschaft für die reichen Leute

Giovane Elber über das Turnier in seiner Heimat Brasilien

Für Brasilien absolvierte Giovane Elber 15 Spiele. Er stürmte neun Jahre für den VfB Stuttgart und Bayern München und schoss dort 133 Tore. In Londrina betreibt der 41-Jährige heute eine Rinderfarm und eine Firma für Tiernahrung. Mit Klaus Schlütter sprach Elber über die WM 2014.

Die Berliner Morgenpost:

Müssen wir uns Sorgen machen, dass bei der WM 2014 auf Baustellen gespielt wird?

Giovane Elber:

Nein, es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Die Arbeiten werden rechtzeitig fertig sein. Wir Brasilianer erledigen gerne alles auf den letzten Drücker. Wir sind halt so.

Seit geraumer Zeit wird vor den Stadien heftig protestiert, die Menschen gehen auf die Straße. Was läuft falsch in Brasilien?

Die letzten Stadien wurden für die WM 1950 gebaut, sie müssen erneuert werden. Es wird sehr viel Geld in den Fußball investiert. Andererseits herrscht große Armut. Wir haben schlechte Krankenhäuser. Unser Bildungssystem ist unzureichend, weil die Lehrer schlecht bezahlt werden. Ich schicke meine beiden Kinder auf eine Privatschule, aber das können sich nur die wenigsten leisten.

Die ist alles nicht neu. Warum demonstrieren die Leute erst seit dem Confed-Cup?

Weil ihnen der Confed-Cup erst richtig vor Augen geführt hat, dass bei der WM die ganze Welt auf Brasilien schaut. Sie haben gesehen, dass die nötige Infrastruktur fehlt. Auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs wird verzichtet. Die Leute sind auf überteuerte Flüge zwischen den Spielorten angewiesen.

Man spricht von Wucher. Stimmt es, dass Flugpreise teilweise verzehnfacht wurden?

Es läuft eine entsprechende Klage gegen die Fluggesellschaften. Ich hoffe, sie ist erfolgreich, und die Teuerung wird nicht so extrem wie befürchtet.

Warum wird in zwölf Städten gespielt? Bei den teuren Auflagen der Fifa hätten acht auch gereicht.

Jeder Kommunalpolitiker hat versucht, die WM in seine Stadt zu holen. So entstehen Stadien, die nach dem Turnier leer stehen. In Natal wird nicht wirklich Fußball gespielt, in Cuaibá ebenso. In Manaus gibt es keine Erstligamannschaft. Wer soll nach der WM dort spielen? Die Affen? Oder die Krokodile?

Welche Rolle spielt etwa die Korruption?

Das war bei uns schon immer ein Thema. Bisher konnten die Politiker machen, was sie wollten, die kamen nie ins Gefängnis. Jetzt müssen sie aufpassen. Die Leute machen das nicht mehr mit. Ein großer Kämpfer gegen Korruption ist der frühere Weltstar Romario, der jetzt Parlamentsabgeordneter ist. Er hat sich dem Ex-Verbandspräsidenten Ricardo Teixeira, der viel Geld in die eigene Tasche gewirtschaftet hat und nach Miami geflüchtet ist, an die Fersen geheftet und fordert eine parlamentarische Untersuchung.

Die Ticketpreise sind horrend. Kann sich der normale Fan überhaupt die WM leisten?

Nein, das wird eine WM für die reichen Leute. Das war schon beim Confed-Cup so. Ich war bei einem Spiel in Fortaleza. Da habe ich nur Ausländer oder Leute von hier in dicken Autos gesehen.

Was für eine Atmosphäre erwartet den WM-Besucher aus dem Ausland?

Ich bin sicher, während der WM werden die Leute die unerfreulichen Begleitumstände im Vorfeld vergessen und die Stimmung wird großartig sein. Wer nach Brasilien fliegt, braucht nicht unbedingt eine Eintrittskarte. Es gibt Public Viewing in den Städten, die Schulkinder haben acht Wochen Ferien. Die WM wird ein zweiter Karneval.