Fußballweltmeisterschaft

„Wer lamentiert, hat schon verloren“

Bundestrainer Löw nimmt willkürliche Fifa-Festlegung der Lostöpfe für die WM-Auslosung betont gelassen hin

Wenn Joachim Löw an diesem Mittwoch nach rund 20-stündiger Anreise im malerischen Costa do Sauípe ankommt, wird er kaum einen Blick für die Schönheiten Brasiliens übrig haben. Den Bundestrainer hat nicht nur wegen der anstehenden Auslosung der Vorrundengruppen am Freitag (17 Uhr MEZ, ARD live) im brasilianischen Badeort an der Atlantikküste längst das WM-Fieber gepackt.

Erhöht wird die Spannung durch eine kuriose Situation bei der Auslosung der acht Vorrundengruppen. Denn bei der Einteilung der Lostöpfe durch den Weltverband Fifa gibt es noch eine große Unwägbarkeit. Die neben Gastgeber Brasilien gesetzten Mannschaften Spanien, Deutschland, Argentinien, Kolumbien, Belgien, Schweiz und Uruguay standen vorher aufgrund der Fifa-Weltrangliste vom Oktober fest. Bei der Einteilung der drei weiteren Töpfe spielten neben sportlichen auch regionale Kriterien eine Rolle.

Daraus ergibt sich eine Besonderheit. In Topf vier befinden sich derzeit nämlich noch neun europäische Mannschaften. Vor der eigentlichen Gruppenauslosung wird eine europäische Mannschaft in Topf zwei gelost, damit sich in allen Töpfen acht Teams befinden.

Warnung an die Stars

Die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) könnte nun zum Beispiel in einer Gruppe mit Italien, der Elfenbeinküste und den USA mit Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann spielen. Anstelle von Italien könnte es auch England, die Niederlande oder Portugal sein. Erst am Freitag vor der Gruppenauslosung wird ebenfalls gelost, welche der europäischen Mannschaften dem Topf wirklich zugeteilt wird. Es wäre aber auch eine vergleichsweise leichte Vorrunde mit Bosnien-Herzegowina, Algerien und Honduras möglich.

Schon vor der 90-minütigen Mega-Show im noblen „Resort Costa do Sauípe“ und gut ein halbes Jahr vor Turnierbeginn (12. Juni bis 13. Juli 2014) richtet Löw angesichts der besonderen Umstände in Brasilien eine klare Botschaft an seine Stars. „Wer beginnt, mit diesen Dingen zu hadern und zu lamentieren, der hat schon verloren, der vergeudet zu viel Energie. Wir wissen, dass es Unwägbarkeiten geben wird, aber mit diesen werden wir leben müssen“, betonte er.

Die Spieler um Kapitän Philipp Lahm müssten sich allein auf Fußball fokussieren, unterstrich der Bundestrainer, „und alles andere komplett ausblenden. Die Uhren ticken dort anders. Da ist es laut, da ist es heiß. Aber wer Weltmeister werden will, muss das alles verdrängen. Ich bin mir aber sicher, dass wir das bewältigen.“

Seit seinem Besuch im Sommer beim Confed-Cup beschäftigen den 53-Jährigen die besonderen Begebenheiten im Gastgeberland, in dem „eine Urkraft“ herrsche, „eine Energie für Fußball, die ich so noch nicht erlebt habe“. Das Klima sei zudem speziell. „Die Bedingungen können ständig wechseln, die Luftfeuchtigkeit kann extrem hoch sein. Die Reisezeiten, die Entfernungen, die Organisation sind ganz anders als in Europa“, sagte Löw nach seinen ersten Erfahrungen.

Die Vorfreude auf die WM ist bei ihm dennoch spürbar. „Ich bin auf jeden Fall mit großer Freude in Brasilien. Das ist das Fußball-Land schlechthin. Diese Begeisterung, diese Intensität habe ich so noch nie erlebt. Das wird eine sehr emotionale WM werden.“

Am Dienstag machte sich der DFB-Coach von München aus über São Paulo ins rund 11.500 Flugkilometer entfernte Salvador da Bahia auf. Die letzte Etappe ins 75 Kilometer entfernte Costa do Sauípe wollte die DFB-Delegation, der neben Löw noch dessen Assistent Hansi Flick, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Generalsekretär Helmut Sandrock und Teammanager Oliver Bierhoff angehören, mit dem Auto bewältigen.

Sorge um verletzte Spieler

Die beschwerliche Anreise bot genügend Zeit, um auch noch einmal mögliche Konstellationen für die Auslosung umfassend durchzugehen. Doch Löw macht sich keine Sorgen, auch wenn eine überaus schwere Gruppe mit möglichen Gegnern wie Italien, den Niederlanden oder Portugal droht. „Nein, schlaflose Nächte bereitet mir das nicht. Jede Nation muss schon in der Gruppenphase mit gewissen Hindernissen rechnen. Das Niveau ist unglaublich hoch“, sagte er gelassen.

Nach der weltweit beachteten Zeremonie sollen dann endlich auch die Planungen in Bezug auf das Basis-Quartier in Brasilien und die WM-Vorbereitung abgeschlossen werden. Löw und Co. werden noch einmal die beiden möglichen Quartiere in Salvador und São Paulo in Augenschein nehmen. Die Entscheidung sei davon abhängig, „wo spielen wir, wie sind die Anstoßzeiten?“, sagte der Bundestrainer: „Wir spielen mehrere Möglichkeiten durch und werden uns dann in Ruhe entscheiden.“ Bis zum 18. Dezember läuft die Fifa-Frist.

Gedankenspiele gibt es bei Löw angesichts einiger verletzter Nationalspieler (Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Ilkay Gündogan, Lukas Podolski, Mario Gomez) aber auch in Bezug auf seinen WM-Kader. Noch mache er sich keine großen Sorgen, „aber ich hoffe natürlich inständig, dass unsere Leistungsträger nicht verletzt sind. Das ist schon eine wichtige Voraussetzung, wenn man die WM gewinnen will. Es ist das Allerschwierigste überhaupt, Weltmeister zu werden. Da muss alles passen, gerade in Brasilien.“

Trotz aller Unwägbarkeiten hat der Bundestrainer genaue Vorstellungen von seinem 112. Länderspiel. „Natürlich wäre es ein Traum, wenn dieses in Rio stattfinden würde. Und wenn wir dann schon im Finale stehen, dann wollen wir es natürlich auch gewinnen. Aber bis dahin ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg.“ Nicht wegen der Auslosung.