Vorbereitungen

Wettlauf mit den Schmerzen

Biathletin Miriam Gössner kämpft vor Olympia in Sotschi mit den Folgen eines Fahrradunfalls

Für ihren olympischen Traum beißt Biathletin Miriam Gössner auf die Zähne. „Die Schmerzen sind ja noch immer da. Eigentlich immer. Aber ich habe inzwischen gelernt, damit umzugehen“, sagt eine der größten deutschen Medaillen-Hoffnungen für die Winterspiele im Februar in Sotschi. Gut sieben Monate nach einem Fahrradunfall mit dreifachem Lendenwirbelbruch steht die 23 Jahre alte Skijägerin nun doch unerwartet pünktlich zum Saisonstart bereit.

Vor den ersten Einzel-Rennen von Mittwoch bis Sonntag beim Weltcup in Östersund (Schweden) weiß Gössner, „dass es nach wie vor ein langer Weg ist und es sicher in den kommenden Wochen nicht immer nur bergauf gehen wird“. Ob die dreimalige Weltcup-Siegerin der Vorsaison schon an diesem Mittwoch (17.15 Uhr/ZDF und Eurosport) beim Klassiker über die 15 Kilometer am Start sein wird, ist noch offen. „Das werden wir kurzfristig entscheiden. Beim Sprint am Freitag und im Verfolger am Sonntag sollte sie aber aller Voraussicht nach dann mit dabei sein“, meint Chefbundestrainer Uwe Müssiggang. „Wunderdinge werden wir ganz sicher keine erwarten. Es ist eh schon ein kleines Wunder, wie sie sich seit ihrem schweren Unfall zurückgekämpft hat.“

Neue Liebe zu Felix Neureuther

Die Garmischerin war mit ihrer Schwester Christina im Mai wie so oft in Norwegen, der Heimat ihrer Mutter, und radelte. Auf einer Schotterstraße nahe der Stadt Skarnes fuhr sie in in eine leichte Kurve – ab dann setzt die Erinnerung aus. Bis heute: „Das nächste, was ich wieder weiß: Ich lag am Boden und konnte meine Beine nicht bewegen. Ich versuchte aufzustehen, aber ich habe es nicht geschafft. Ich sagte nur: Bitte, lass mich wieder laufen können.“ Erst nach dreieinhalb Stunden konnten die Ärzte die Angst vor einem Leben im Rollstuhl verscheuchen. „Wenn du so etwas mitmachst, dann erkennst du, dass es nichts Wichtigeres gibt als die Gesundheit“, sagt Gössner heute.

Sie will nun langsam wieder in den Wettkampfrhythmus kommen und den Körper an die harte Rennbelastung gewöhnen. „Klar wäre es schön, wenn es schon wieder für eine vernünftige Platzierung reichen würde. Mein Ziel ist aber, dass ich dann ab Januar wieder aus eigener Kraft in der Lage bin, vorne anzugreifen. Darauf“, sagt sie, „habe ich seit dem Unfall den ganzen Sommer und Herbst über hintrainiert.“ Manchmal wachte sie am Morgen auf, war richtig motiviert und ging raus zum Training, um dann nach zehn Minuten wieder abzubrechen, weil die Schmerzen so groß waren. Die Schmerzen, die nach Auskunft der Ärzte immer wieder kommen können, jederzeit in den nächsten Jahren. Aber schon im Weltcup müssen die Ergebnisse halt stimmen, das Ticket nach Sotschi gibt es auch für eine wie sie nicht geschenkt. „Dieses Jahr geht es einzig und allein um Olympia. Da will ich ganz vorne mitkämpfen und eine Medaille gewinnen“, sagt Gössner. Im Biathlon und vielleicht sogar im Langlauf will sie an den Start gehen.

Am Schießstand war sie erstmals wieder im August. Zweieinhalb Wochen hat sie bei Joar Himle geübt, dem Schießtrainer von Norwegens Superstar Ole Einer Björndalen. „Es ist ja wohl bekannt, dass ich nicht die beste und stabilste Schützin bin, das alleine ist schon Anlass genug, dass ich da hoch gehe.“ In Norwegen habe alles „wirklich super funktioniert“, erzählte sie. Das will sie nun auch im Weltcup beweisen.

Und Gössner ist zudem frisch verliebt. In der Reha hat es gefunkt, das hat der ebenfalls verletzt gewesene Skirennfahrer Felix Neureuther erst kürzlich verraten. Nun will sich das neue Traumpaar des deutschen Sports erst einmal auf den Job konzentrieren.

Beim Doppel-Sieg ihrer Teamkollegin Andrea Henkel bei der Generalprobe vor eineinhalb Wochen im norwegischen Sjusjoen wurde Gössner mit der achten Laufzeit und zwei Schießfehlern immerhin Neunte im Sprint. Von Woche zu Woche wird nun entschieden, bei welchen Rennen sie dabei sein wird, „und wann es unter Umständen Sinn macht, dem Körper etwas Ruhe zu gönnen oder noch einmal einen Trainingsblock einzuschieben“.

Für Siege müssen anfangs also eher die anderen deutschen Skijägerinnen sorgen, allen voran die achtmalige Weltmeisterin Andrea Henkel. Die bald 36-Jährige geht offenbar bestens vorbereitet in ihre Abschiedssaison „Ich werde hoffentlich noch einmal alles genießen können und zufrieden aus dieser letzten Saison gehen. Die Siege in der Vorbereitung haben mir aber gezeigt, dass ich noch in der Lage bin, vorne anzukommen.“