Motorsport

Vettels neue Herausforderungen

Die Formel 1 freut sich schon auf 2014: Neue Regeln sorgen dann wieder für mehr Spannung

Sebastian Vettels ärgster Verfolger hat schon kapituliert. „Red Bull hat derzeit einen Vorteil von rund einer Sekunde“, sagt Ferrari-Star Fernando Alonso vor dem Großen Preis von Brasilien am Sonntag in Sao Paulo (17 Uhr, RTL): „Deshalb ist es egal, welchen Auspuff oder Motor sie nächstes Jahr einbauen, sie werden immer noch auf der Poleposition stehen.“

So sicher wie der Spanier sind sie sich beim österreichischen Seriensieger ganz und gar nicht. „Zum jetzigen Zeitpunkt weiß niemand wirklich, was passieren wird“, sagt Weltmeister Vettel, der in dieser Saison zwei Drittel der Rennen für sich entschieden hat und allein mehr Punkte gewinnen konnte als Mercedes, Lotus und Ferrari: „Die großen Teams werden sicher wieder vorn sein, klar ist nur nicht, in welcher Reihenfolge und mit welchen Abständen.“ Die Poleposition für das Brasilien-Rennen ging wie gewohnt an den Heppenheimer, vor Nico Rosberg (Mercedes) und Alonso.

108 Tage nach dem Finale dieser Saison, die als eine der einseitigsten in die Geschichte eingehen wird, beginnt die Punktejagd von vorn. Doch die Voraussetzungen werden anders sein, so fundamental anders, dass sie Vettels und Red Bulls Dominanz ernsthaft gefährden. Die Morgenpost blickt voraus und zeigt, wo die größten Gefahren für Vettels Mission „WM-Titel Nummer fünf“ lauern.

Hässliche Autos: Seit vier Jahren beherrschen die von Adrian Newey entworfenen Red-Bull-Boliden die Formel 1. Grund dafür war eine Regeländerung im Sommer 2009. Da verbot der Weltverband Fia den Doppeldiffusor, der zuvor Jenson Button sechs Siege in den ersten sieben Rennen beschert hatte. Danach begann der Aufschwung der Österreicher, wenngleich Button von seinem Punktevorsprung zehrte und am Ende Weltmeister wurde. Seither hangelte sich Newey von einer Evolution zur nächsten, jedes Mal profitierte er bei der Entwicklung des neuen Autos von der Überlegenheit des Vorgängermodells. 2014 kommt es jedoch zur Revolution. „Nächstes Jahr erwartet uns durch die neuen Regeln eine gewaltige Aufgabe“, sagt der Brite: „Die Veränderungen in der Aerodynamik sind nicht ganz so heftig wie 2009, aber immer noch absolut schwerwiegend.“ Es gäbe „eine ganze Menge“ Variablen – nichts bereitet Ingenieuren mehr Kopfzerbrechen. Gleichzeitig bietet der Neustart den Abgehängten die Chance, den Rückstand mit einem einzigen Geniestreich aufzuholen. Sicher ist für Designer Newey nur eines: „Die neuen Regeln machen es schwer, das Auto schön aussehen zu lassen.“

Neue Aerodynamik: Hinter den neuen Regeln verbirgt sich vor allem eine Erneuerung der Motorenformel. Die Auswirkungen betreffen beinahe jeden Teil des Autos. „Es ist nicht so wie früher“, sagt etwa Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali, „dass ein neuer Motor gebaut und einfach in das Chassis integriert wird.“ Der von den Auspuffgasen angeblasene Heckflügelbereich etwa, einer der größten Vorteile von Red Bull, wird komplett wegfallen – kein anderes Auto im Feld hat dadurch so viel Stabilität gewonnen wie Vettels. Stattdessen werden die Abgase von 2014 an durch ein zentrales Auspuffrohr in der Mitte des Heckbereichs geleitet. Um auch dort eine Anströmung des unteren Heckflügels zu verhindern, ist dieser Flügel nächstes Jahr verboten. Hinzu kommt die Einführung des Strafpunktesystems ähnlich einer Verkehrssünderkartei. Für jedes Vergehen sammeln die Fahrer Punkte, die sich irgendwann zu seinem Rennausschluss oder einer Strafversetzung summieren können. Der Katalog, der von den Piloten zurückhaltenderes Fahren verlangt, muss nur noch von den Teams abgesegnet werden.

Kleinerer Motor: Die Umstellung von Acht- auf Sechszylinder-Turbomotoren gilt als eine der größten technischen Revolutionen der Formel-1-Geschichte. Zu der Herausforderung, die neuen Aggregate überhaupt zu bauen und so zuverlässig zu gestalten, dass sie eine ganzes Rennen durchstehen, gesellt sich die Reduzierung der Tankkapazität von 150 auf magere 100 Liter. Da die Autos dadurch leichter werden, muss auch die Balance neu abgestimmt werden. Nicht zuletzt verändert sich auch die Reifenabnutzung, die die Rennställe schon in diesem Jahr vor Probleme gestellt hat. „Die Erfahrung der Piloten wird 2014 möglicherweise eine größere Rolle spielen als ihre Fähigkeit, gute Rundenzeiten aneinanderzureihen“, glaubt auch Jackie Stewart.

Personalwechsel: In Peter Prodromou hat Red Bull seinen Chefaerodynamiker an McLaren verloren. Der Brite galt als Neweys rechte Hand und nimmt jede Menge Know-how von Milton Keynes mit nach Woking. Wer sein Nachfolger wird, steht noch nicht fest. Prodromou ist der erste hochkarätige Abgang, den Red Bull seit der ersten Konstrukteurs-Weltmeisterschaft zu verkraften hat. Zudem liebäugelt Teamchef Christian Horner mit einem Job im Team von Chefpromoter Bernie Ecclestone, der ihn am Freitag als „ideale Besetzung“ für seine Nachfolge bezeichnete. In der Vergangenheit war die Geschlossenheit stets eine der großen Stärken bei Red Bull. Nun ziehen sich erste Risse durch die sonst so feste Fassade.

Stärkere Konkurrenten: Bis auf Mercedes tritt jedes Topteam 2014 mit einer frischen Fahrerpaarung an. In erster Linie bläst Ferrari mit der Kombination der beiden Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen und Alonso zur Attacke. Doch auch McLaren schielt nach einer Seuchensaison wieder auf die vorderen Plätze. Der Mexikaner Sergio Perez wurde trotz üppiger Mitgift geopfert, um mit Kevin Magnussen einen der verheißungsvollsten Nachwuchspiloten in die Formel 1 zu holen. Der 21 Jahre alte Däne kommt als überlegener Champion der Formel Renault in die Königsklasse – bei 13 von 17 Rennen stand er auf dem Podest. „Kevin ist ein sehr talentierter und entschlossener Fahrer, und wir hegen große Hoffnungen für ihn“, sagt Teamchef Martin Whitmarsh. Spätestens mit dem Einstieg von Honda als Motorenlieferant 2015 will McLaren endgültig um den Titel mitfahren.

Unerfahrener Kollege: In Daniel Ricciardo wird 2014 ein alter Bekannter aus der Formel BMW neben Vettel in der Garage parken. „Ich habe keinen Druck“, sagt der Australier: „Alle erwarten Siege von Sebastian, nicht von mir.“ Während die teaminternen Streitereien, die sich der Hesse mit Mark Webber lieferte, damit beendet sind, ist fraglich, inwieweit Ricciardo den Rennstall voranbringen kann. Jeder Pilot testet im Windkanal und trägt mit seiner Expertise maßgeblich zur Weiterentwicklung des Autos bei. Dass der 24-Jährige aus Perth dazu auch auf dem Red-Bull-Niveau fähig ist, muss er erst noch beweisen. In dieser Saison nimmt er mit 19 Punkten lediglich Rang 14 der Fahrerwertung ein.

Exotische Strecken: Mit Sotschi und dem Red-Bull-Ring in Spielberg (Österreich) werden zwei neue Strecken in den Kalender aufgenommen. Das erweitert zunächst die Liste der Kurse, auf denen Vettel noch nicht gewonnen hat auf drei; auch in Silverstone konnte der 26-Jährige noch nie als Erster durch das Ziel fahren. Vor allem aber bringt eine solche Erweiterung des Kalenders Ungewissheiten für Teams und Piloten: Aus welcher Richtung weht der Wind auf die Strecke? Kann gut oder überhaupt nicht überholt werden? Welche Feinheiten gibt es bei der Boxeneinfahrt zu beachten? Bei Premierenrennen zählt jede Trainingssekunde, da alle Rennställe Neuland betreten. Kleine Fehler können hier besonders schwerwiegende Folgen haben, erst recht für die vermeintlich Überlegenen. Hinzu kommt die extreme Aufmerksamkeit, die das Red-Bull-Heimspiel in Österreich auf sich ziehen wird. Vettel wird als Aushängeschild mehr PR-Termine zu absolvieren haben als anderswo – all das sorgt für Ablenkung vom Wesentlichen.

Historische Rekorde: Vettel ist den Vergleich mit den Idolen seines Sports inzwischen gewohnt, gleichwohl er ihm nicht behagt. Mit dem vierten WM-Titel zog er gleich mit Alain Prost; 2014 werden Fünffach-Weltmeister Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher, der bislang als einziger Pilot fünf Titel in Serie erringen konnte, die letzte verbliebene Referenz sein. Zudem steht ein weiterer Höhepunkt bevor: Mit seinem dann 41. Grand-Prix-Sieg könnte Vettel mit Ayrton Senna gleichziehen. Als das vor gut 13 Jahren Schumacher gelang, brach der Kerpener in Tränen aus. So oder so: Die nächste Formel-1-Saison wird sicher emotionaler als diesmal.