Bundesliga

Götze bricht die Dortmunder Herzen

Ausgerechnet Klopps verlorener Sohn bringt Bayern München beim 3:0-Erfolg auf die Siegerstraße

Ach herrje! Jetzt schieße ich ausgerechnet hier das Tor! Mario Götze sah aus, als wäre ihm dieser Gedanken als erstes durch den Kopf gegangen, nach seinem 1:0 für den FC Bayern bei seinem Ex-Klub Borussia Dortmund. Der Nationalspieler wirkte erschrocken, wollte kurz jubeln, brach dann ab und deutete mit den Händen auf den Boden, als wolle er sich selbst sagen: Junge, zeig hier jetzt keine Freude. Auch bei den weiteren Toren seines Teams, das 3:0 (0:0) gewann, jubelte er nicht.

Alle seine Kollegen liefen zu ihm und gratulierten, sie umarmten ihm, strichen ihm über den Kopf, und Götze war für einige Sekunden gar nicht zu sehen. Wahrscheinlich war ihm das ganz recht. Er wusste, dass er an diesem Abend der meist Gehasste im Stadion war. Nicht so bei Dortmunds Trainer Jürgen Klopp. Der verkniff sich jede Bemerkung und analysierte trocken: „Bis zum 1:0 hatten wir die größeren Chancen. Da musst du auch mal einen machen. Nach dem 2:0 hat die Mannschaft nen richtigen Knick bekommen.“

Es war Mario Götzes erster Auftritt in Dortmund seit seinem Wechsel zum Rekordmeister im Sommer. Nach zwölf Jahren hatte er den BVB verlassen, den Klub, in dem er es vom E-Jugend-Talent zum Nationalspieler gebracht hat. Ausstiegsklausel, 37 Millionen Euro Ablöse, und weg. Zum größten Rivalen. Das haben ihm die BVB-Fans nicht verziehen.

Warmmachen im Tunnel

Zu Beginn dieses für ihn so heiklen Sonnabendabends hatte sich Götze daher mit einem Trick beholfen. Kurz vor 18 Uhr joggten die Bayern zum Warmmachen auf den Rasen – ohne Götze. Er schlich erst rund eine halbe Minute nach der Mannschaft auf das Spielfeld, so unauffällig es eben geht vor 80.645 Zuschauern. Erstaunlicherweise zog der Trick, die erwarteten Pfiffe bekamen so zunächst seine bei den BVB-Fans ebenfalls unbeliebten Kollegen ab, Götzes Auftritt ging beinahe unter. Herzlich war der Empfang für ihn dennoch nicht: Die Zuschauer nahmen ihn nach und nach natürlich wahr, einer streckte ihm ein Plakat entgegen, auf dem stand: „Judas Götze“. Fans auf der Südtribüne riefen beim Warmlaufen der Mannschaften „Götze ist ein Hurensohn“, und als der Stadionsprecher die Namen vorlas, holten sie die Pfiffe gegen Götze nach und hielten ein Spruchband hoch: „BVB oder FCB. Echte Liebe oder Mia san Mia. Für dich war’s längst klar. Fick dich, Götze!“

In den Minuten vor dem Abpfiff sprach sich im Stadion rum, dass Götze in dieser so wichtigen und für ihn emotionalen Partie nicht zur Startelf gehört. Manche Dortmund-Fans freuten sich richtig darüber. Götze beim Bundesligagipfel nur Ersatz – symptomatisch für die vergangenen Monate im Leben des Nationalspielers. Er ist bei den Bayern dabei, Trainer Pep Guardiola wechselt ihn immer wieder ein, aber einer der entscheidenden Männer ist er (noch) nicht. Und dann dieses Tor. Der Fußball hat schon oft gezeigt: Solche Momente können sehr viel verändern. Götze hofft, dass es bei ihm so ist. Zuletzt gab es viel Kritik, vieles lief nicht wie erhofft.

Auch an diesem Abend, zumindest bevor ihn Trainer Pep Guardiola in der 56. Minute einwechselte. Offensichtlich hatte der Jungstar aber ganz schön Respekt vor der feindseligen Atmosphäre im Stadion. Zu Beginn der zweiten Halbzeit lief er sich im Spielertunnel warm – und nicht wie gewöhnlich am Spielfeldrand. Hier konnte ihn keiner sehen. Bei seiner Einwechslung pfiffen die Zuschauer so laut, dass das eigene Wort nicht zu hören war. Und machten damit bei jedem Ballkontakte Götzes weiter. Doch als er erst im Spiel war, zeigte sich Götze cool.

Schon in den Anfangsminuten erfüllte die Partie die Erwartungen. Die Bayern dominierten wie so oft mit Ballbesitz, Dortmund setzte auf sein schnelles Konterspiel. In der dritten Minute schoss Robert Lewandowski nach einem Pass von Jakub Blaszczykowski den Ball freistehend aus kurzer Distanz über das Tor. Für Blaszczykowski ergab sich nach Flanke von Kevin Großkreutz die zweite große Chance zur Führung (21.).

Umarmung mit Weidenfeller

Erstmals eingreifen musste BVB-Nationaltorhüter Roman Weidenfeller bei Schüssen von Mario Mandzukic und Thomas Müller (35.). Der Kroate Mandzukic hatte dann die Chance zum Führungstreffer, als er eine Flanke von Arjen Robben knapp verpasste (37.). Nach dem Wechsel war es schließlich Götze, der die Partie für die Bayern in die richtigen Bahnen lenkte. Arjen Robben (85.), der im Mai das deutsche Champions-League-Finale in Wembley entschieden hatte, mit einem Lupfer über Weidenfeller und Thomas Müller (87.) machten den Erfolg für den Triplesieger perfekt. Die Bayern bauten damit auch ihren Rekord aus, und sind nun seit 38 Ligaspielen ohne Niederlage. Kein Grund abzuheben – zumindest nicht für Arjen Robben. „Das 1:0 war ganz wichtig. Wir müssen auch nicht übertreiben. Bis zur 85. Minute steht es 1:0. Das Spiel war auf Augenhöhe. Wie viele kleine Jungs träumen davon, so ein Spiel zu spielen. Da muss man das Beste zeigen und Spaß zeigen auf dem Platz.“

Nach dem Abpfiff klatschte sich Götze mit seinen Kollegen ab und flog mit der Mannschaft noch am Abend zurück nach München. Auch mit Weidenfeller umarmte sich der Nationalspieler. Ein Statement zu seinem Auftritt an alter Wirkungsstätte wollte Götze nicht abgeben. Er ließ sich entschuldigen, er sei zu kaputt nach seinem Teileinsatz. Das Ansehen des 21-Jährigen dürfte nach diesem Auftritt bei den Fans seines neuen Vereins gestiegen sein. Sie waren ihm gegenüber bislang auffällig distanziert. Fremdgesteuert sei er, hörte und las man in München öfter. Auf der Jahreshauptversammlung vor knapp zwei Wochen las Klubchef Karl-Heinz Rummenigge die Namen aller Zugänge vor. Bei Götze fiel der Applaus ziemlich verhalten aus.

Mittwoch könnte Götze mehr Spielzeit bekommen, in der Champions League treten die Bayern bei ZSKA Moskau an. Der Druck ist nicht so groß wie in Dortmund, die Münchner sind souveräner Tabellenführer. Götze freut sich.