Hertha BSC

Vertauschte Leben

Tolga Cigerci erlebt bei Hertha eine Saison, wie sie sich Peer Kluge für sich vorgestellt hatte

Stammplatz. Lob vom Trainer und vom Manager. So soll es sein. So hatte sich Peer Kluge das vorgestellt. Schließlich war es fast immer so in seiner Karriere. Aber irgendwie ähnelt diese Saison keiner anderen davor für Herthas Mittelfeldspieler. Zehn Minuten nur kam Kluge in der aktuellen Bundesligaspielzeit zum Einsatz. Lediglich zweimal eingewechselt kurz vor Schluss. Zuletzt stand der Sachse, der mit Schalke 04 bereits acht Mal in der Champions League gespielt hatte, nicht einmal im Kader der Berliner und musste sogar im Regionalliga-Team aushelfen.

Stammplatz. Lob vom Trainer und vom Manager. All das war noch Ende August in ziemlich weiter Entfernung für Tolga Cigerci. Da war der 21-Jährige beim VfL Wolfsburg bestenfalls Nummer 18 im Kader mit der Aussicht, einen Großteil der Saison im Kreise der Amateure zu fristen. Knapp drei Monate später hat sich Cigercis Welt auf den Kopf gestellt. Nachdem Hertha den Mittelfeldspieler am letzten Tag der Transferperiode als Reaktion auf die schwere Verletzung Alexander Baumjohanns ausgeliehen hatte, mauserte sich der Sohn türkischer Eltern bei den Berlinern zum Stammspieler. In den vergangenen drei Partien stand er jeweils über 90 Minuten auf dem Feld. „Er wird von Spiel zu Spiel besser“, lobte Jos Luhukay. „Gerade beweist Tolga, dass er eine echte Bereicherung für uns sein kann“, schloss sich Herthas Manager Michael Preetz den anerkennenden Worten des Trainers an.

Noch vor der Saison galt Kluge als elementarer Bestandteil des Teams und wurde von Luhukay als Vizekapitän bestätigt. Nun muss er mitansehen, wie Cigerci auf seiner Position im defensiven Mittelfeld das Lob bekommt, das in der Zweitligasaison zuvor noch er selbst abonniert hatte. Als hätten beide die Leben vertauscht. Der eine spielt die Saison, die der andere eigentlich hätte spielen sollen.

Auch Cigerci ist das aufgefallen, und er macht sich so seine Gedanken: „Fußball ist eigentlich ziemlich krank“, sagt er. „Von heute auf morgen kann plötzlich alles anders sein. So schnell kann man gar nicht gucken.“

Quasi über Nacht packte er seine Sachen und zog nach Berlin. Schon im Sommer hatte er gespürt, dass es im prominent besetzten Kader der Wolfsburger kaum Platz für ihn geben würde. „Leider konnte ich mich da nicht durchsetzten. Zum Glück kam dann Hertha und hat mir eine neue Chance geboten.“ Bei den Blau-Weißen hat sich Cigerci vor allem durch seine Laufstärke auf der Position des Umschaltspielers zwischen Abwehr und Angriff etabliert. „Ich kann viel rennen. Das ist meine Stärke“, sagt er. Vor seiner Ankunft galt Cigerci vielen in der Hauptstadt als Wundertüte. Eine Menge Erfreuliches kann drinstecken, muss aber auch nicht. Derzeit laufe es ziemlich gut für ihn, sagt er. „Dass ich jetzt spiele, gibt mir Selbstvertrauen.“

Mit Kluge, dessen Weg zurück in die Mannschaft auch aufgrund Cigercis überzeugenden Auftritten immer länger wird, habe er sich nicht über die Situation ausgetauscht, sagt er. Dabei eint beide der Kampf um die eigene Karriere: Während sich der bald 33 Jahre alte Kluge gegen das Etikett des Auslaufmodells stemmt, versucht sich der elfeinhalb Jahre jüngere Cigerci in Berlin für einen Anschlussvertrag zu empfehlen, wenn das Leihgeschäft zwischen Hertha und dem VfL am Saisonende ausläuft. Preetz hat sich für den gebürtigen Niedersachsen eine Kaufoption in Höhe von rund einer Million Euro gesichert. „Im Frühjahr werden wir entscheiden, ob wir sie ziehen“, sagte er. Bis dahin, so Cigerci, sei jedes Spiel und jedes Training eine Bewerbung, „aber ich versuche, so wenig wie möglich darüber nachzudenken“.

Gewissheiten gebe es nicht in seinem Beruf: „Ich habe jetzt drei Spiele durchgespielt. Aber das heißt nix“, sagt Cigerci vor dem Spiel am Sonnabend gegen Leverkusen. „Der Fußball schaut nie zurück. Da geht es immer nur von vorn los.“