Konkurrenten

Der nackte Wahnsinn

Duell zwischen Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic um den WM-Start elektrisiert nicht nur Portugal und Schweden

Ein so besonderer Spieler hat natürlich auch besondere Fans. Das wissen auch die von Cristiano Ronaldo. Vor dem WM-Play-off gegen Schweden gründeten sie im Internet die Seite: „Portugal nervt Ronaldo“. Denn wütend ist er am besten. Das belegen die letzten Wochen, als er Stänkereien von Portugals Fußball-Legende Eusébio, Portugals Trainerdenkmal José Mourinho und des Fußballs Übervater Joseph Blatter jeweils umgehend mit besonders brillanten Darbietungen konterte. Ronaldo war schon in den letzten Jahren ein unglaublich guter Spieler. Jetzt ist er noch besser. Nur die Fifa mit ihrer Wahl zum Weltfußballer will das nicht wahrnehmen.

Zuletzt irritierte Ronaldos Lager, dass im offiziellen Kandidatenprofil der Fifa für den Goldenen Ball 2013 die Mitbewerber Lionel Messi und Franck Ribéry ausführlicher und wohlwollender beschrieben wurden. Wie es heißt, habe er die Auszeichnung schon abgeschrieben und werde nicht zur offiziellen Gala im Januar nach Zürich kommen. Blatter kam ihm mit Messi, sein Ex-Trainer Mourinho mit dem „echten Ronaldo“ (dem brasilianischen) und Eusébio mit Ronaldos vermeintlichem Abtauchen in großen Spielen: Anders als er früher treffe sein Nachfolger, so Eusébio, halt bevorzugt gegen „Liechtenstein und Aserbaidschan“.

Ein Urteil, das der 28-Jährige beim 1:0-Hinspielsieg im WM-Play-off gegen Schweden nicht zum ersten Mal widerlegte. In der 82. Minute erzielte er per Kopf das einzige Tor. Vor dem Rückspiel am Dienstag sollte das für Portugal eine noch bessere Ausgangsposition bedeuten, als es das bloße Ergebnis vermuten lässt. Die Auswahl von Trainer Paulo Bento fühlt sich wohler, wenn sie verteidigen und auf Konter spielen kann. Und die Schweden wirkten in Lissabon zumindest in der zweiten Halbzeit hilflos. Dieser Umstand war dem grimmigen Blick von Zlatan Ibrahimovic zu entnehmen, als er schnellstmöglich vom Feld stapfte. „Auch ich habe es verdient, bei der WM dabei zu sein“, hatte er im Vorfeld kokettiert. „Ich bin zwar schon 32, war aber nie besser.“

Trotz als Antriebskraft

Das stimmt, wie zuletzt vier Tore an einem Abend in der Champions League unterstrichen, als ihm sogar die Fans des Gegners Anderlecht applaudierten. Den neuerlichen Beweis konnte er in Lissabon allerdings nicht erbringen, dafür fehlten ihm kompetente Nebendarsteller. Ibrahimovic hinterlässt immer ein paar aufregende Details, etwa wenn er planlose Bälle mit seiner einzigartigen Technik aus der Luft angelt. Aber selbst wenn er seine Elf noch zur Qualifikation führen sollte, wird die bei der WM nicht viel ausrichten können. Anders wohl als Ronaldos Portugal, bei der EM immerhin erst im Elfmeterschießen dem Dauerchampion Spanien unterlegen.

Unter den großen fünf des aktuellen Weltfußballs – neben Ribéry noch Messi und Brasiliens Neymar – sind Ronaldo und Ibrahimovic die schillerndsten Charaktere. Ihre offen zur Schau getragene Egozentrik provoziert. Aber ihr Beitrag ist so überragend, dass am Ende jeder Trainer ein Team für sie baut. Einzig Pep Guardiola verweigerte Ibrahimovic beim FC Barcelona den Sonderstatus. Er hatte schon Messi, und der war noch besser. Der Schwede reagierte destruktiv, forderte den Trainer heraus („Den Philosophen brauchen wir hier nicht“) und leitete damit seinen Abgang ein. Richtig geschadet hat es ihm aber nicht.

Der Antrieb der beiden Ausnahmeakteure ist derselbe: Trotz und Geltungsdrang. Wut, kanalisiert zu Größe. Beide kommen aus dem Slum, der eine aus Madeira, der andere aus Malmö. Beide haben sich gegen alle Widrigkeiten nach oben gekämpft. Aber Ronaldo ist noch kompromissloser. Er kann besser einstecken. Als unbedarfter Junge von der Insel ertrug er den Spott der Mitschüler in der Sporting-Akademie. In England stellte er sich dem Zorn einer ganzen Nation, nachdem er im WM-Viertelfinale den Platzverweis von Englands Liebling Wayne Rooney eingefädelt hatte: viele rieten ihm, Manchester zu verlassen, er blieb und leitete seine beste Zeit auf der Insel ein. Auch in Madrid hat er harte Tage erlebt, anfangs wurde er sogar ausgepfiffen. In den Stadien der Gegner geschieht das immer, und dann gibt es noch diesen einen Spieler aus Argentinien, der immer einen draufsetzt und ihn angeblich so aufregte, dass in seiner Anwesenheit der Name nicht genannt werden durfte.

Letztlich hat Ronaldo die Existenz von Lionel Messi aber immer als Herausforderung begriffen, selbst noch besser zu werden. Es ist schon erstaunlich: Ohne seit 2009, dem Jahr seines Wechsels zu Real, einmal Weltfußballer geworden zu sein – seine einzige Auszeichnung datiert von 2008 –, hat er seitdem in 216 Spielen für die Madrilenen 226 Tore geschossen. Wer vor ein paar Jahren eine solche Quote im modernen Fußball für möglich erklärt hätte, wäre wohl mit lebenslangem Stadionverbot wegen geistiger Verwirrtheit belegt worden.