Tischtennis

Chinas neues Wunderkind

Der erst 16-jährige Fan Zhendong gewinnt die German Open im Endspiel gegen Dimitrij Ovtcharov

Alle gaben ihr Bestes. Die über 5000 Zuschauer in der Schmeling-Halle feuerten den neuen deutschen Tischtennis-Star mit „Dima, Dima“-Rufen an. Bundestrainer Jörg Roßkopf versuchte, dem Europameister in den Satzpausen Wege zu beschreiben, wie er dieses Finale der German Open noch gewinnen könnte. Dimitrij Ovtcharov selbst, immerhin Nummer fünf der Weltrangliste, gab auch bei klaren Rückständen keinen Ball verloren. Doch alles Gute war nicht gut genug, weil auf der anderen Seite des Netzes einer stand, der einfach auf alles eine bessere Antwort hatte. Der erst 16-jährige Chinese Fan Zhendong (China) machte alle Bemühungen zunichte und gewann 4:1 (13:11, 11:7, 6:11, 11:1, 11:9).

„Er hat unglaublich schnell gespielt und verdient gewonnen“, gab der unterlegene Finalist zu. „Es ist unfassbar, wie schnell die Chinesen solche Leute auf den Markt bringen.“ Vor einem Jahr habe er ihn noch gar nicht gekannt. Dann wurde er Jugendweltmeister. Dann spielte er in der chinesischen Superliga, wo er Ovtcharov bereits besiegte; allerdings hatte der Deutsche damals einen Matchball vergeben. Von einer solchen Situation, muss man ehrlicherweise sagen, war er diesmal sehr weit entfernt.

Deutsche lassen sich nicht beirren

Stattdessen hat Fan Zhendong nach den Polish Open das zweite Turnier der World Tour in Folge und damit auch erneut 16.000 Dollar gewonnen, als jüngster Spieler aller Zeiten. Zwischenschritte auf dem Weg zu weit höheren Zielen, wie er lächelnd preisgab: „Als nächstes möchte ich Weltmeister und danach Olympiasieger werden.“ Er hat in Berlin erst seinen Landsmann Zhang Jike, der diese beiden Titel hält, sowie den EM-Zweiten Vladimir Samsonov und final Europas Champion Ovtcharov geschlagen. Erfolge, die ihm viel neues Selbstbewusstsein gegeben haben und zeigen, dass er alles andere als ein Träumer ist.

Sind das die Deutschen, die die Hoffnung nicht aufgeben, den Chinesen in greifbarer Zukunft einen der ganz großen Titel abzujagen? „Deutschland ist die größte Herausforderung für China“, urteilt Fan Zhendong respektvoll. So wie Ovtcharov sich durch diesen Rückschlag nicht beirren lassen will: „Ich glaube daran. Ansonsten hätte ich keine Motivation weiterzumachen. Irgendwann schaffen wir es vielleicht.“ So wie er es schließlich auch geschafft hat, Timo Boll als deutsche Nummer eins abzulösen. Im Halbfinale der German Open untermauerte der 25-Jährige seine nationale Vormachtstellung mit einem 4:2-Erfolg nach 1:2-Rückstand. „Es war ein schweres Turnier für mich, aber auch ein sehr erfolgreiches“, fand der gescheiterte Titelverteidiger, „ich bin froh, dass ich es hier ins Finale geschafft habe.“

Sie geben ihren Traum nicht auf. Auch Boll war trotz der Halbfinalniederlage keineswegs am Boden zerstört. Er habe beweisen wollen, dass er konkurrenzfähig sei, „und das habe ich bewiesen. Dima ist momentan einfach in ausgezeichneter Form“, lobte er seinen Kumpel Ovtcharov. Er sah große Fortschritte im Vergleich zum World Cup in Belgien, wo er vor drei Wochen noch mit 1:4 verloren hatte „und an der Platte stand wie eine Leiche“. Diesmal sei es spielerisch viel besser gelaufen, „was zeigt, dass ich nicht auf der faulen Haut gelegen habe“.

Rekordbesuch in Berlin

Das hat der 32-Jährige auch in naher Zukunft nicht vor. Zunächst wird er Vater, „es kann jeden Tag losgehen“, wie Boll lächelnd berichtet. Danach gilt seine Konzentration weiter zuvorderst dem Tischtennis. Zwar könne man derzeit schon von einer Wachablösung in Deutschland reden. Nicht allein, weil Ovtcharov ihn in der Weltrangliste von Platz fünf verdrängt hat. Dreimal in Folge hat Boll gegen Ovtcharov verloren, im Finale der German Open 2012 in Bremen, kürzlich in Belgien und nun in Berlin. „Aber es wird sicher bald wieder einen Sieg von mir geben“, kündigte der Rekordeuropameister an. „Ich bin noch extrem motiviert und ganz zuversichtlich.“

Eine Situation, von der auch das deutsche Tischtennis profitieren kann. Obwohl beide Spieler befreundet sind und nie ein gespaltenes Verhältnis haben werden wie einst die Tennis-Asse Boris Becker und Michael Stich oder die Fußball-Klubs Bayern München und Borussia Dortmund. Schon die Rivalität bei Tisch erhöht die Aufmerksamkeit für den Randsport, wie die Anwesenheit von ARD und ZDF bei den German Open belegt. Oder die über 12.500 Tischtennis-Fans, die während des Turniers zum Zuschauen kamen, so viele wie noch nie in der Geschichte der German Open.

„Konkurrenz belebt das Geschäft“, freut sich Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes. Er meint das weniger öffentlichkeitswirksam, mehr sportlich. „Dima und Timo marschieren als Tandem voran. Wir werden bei der Team-WM konkurrenzfähig sein.“ Die findet Ende April/Anfang Mai 2014 in Tokio statt. Zwei Deutsche in der absoluten Weltspitze gab es noch nie, und so erwartet Schimmelpfennig „ein extrem hohes Trainingsniveau. Beide werden bis zu den Olympischen Spielen 2016 an ihrer Entwicklung weiterarbeiten. In Rio haben wir vielleicht die beste Chance, die Chinesen anzugreifen.“ Auch wenn in Berlin gestern ein junger Mann deutliche Argumente dagegen ablieferte.