Arbeitsbedingungen

„Jeder Tote ist inakzeptabel“

Die Organisatoren der Fußball-WM 2022 räumen erstmals Mängel auf den Baustellen ein, wehren sich aber gegen Kritik aus dem Ausland

Katar hat teils inakzeptable Zustände für die Gastarbeiter auf seinen WM-Baustellen eingeräumt – aus der Ferne will sich das Emirat aber nicht be- und verurteilen lassen. Hassan Al-Thawadi, Generalsekretär des Organisationskomitees und daher so etwas wie der Krisenmanager der Fußball-WM 2022, kündigt nicht nur zügige Verbesserungen an. Er lädt auch den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach ein, sich selbst ein Bild der Lage zu machen.

„Ich habe sehr großen Respekt vor Herrn Niersbach“, sagte Al-Thawadi in Doha, „man muss allerdings Fakten von Fiktion trennen. Ich lade ihn ein, nach Katar zu kommen, mit uns zu sprechen und zu verstehen, was hier passiert.“ Generell hat der 35-Jährige für Einmischung und Ratschläge allerdings wenig Verständnis: Es gehe ja um Themen, „die zuerst uns am Herzen liegen sollten – und nicht anderen“.

Medienberichten zufolge sterben in Katar jeden Monat Dutzende Gastarbeiter, die das Emirat zu Hunderttausenden vor allem aus Nepal und Indien ins Land holt, an Folgen unmenschlicher Bedingungen – wie brutaler Hitze und mangelndem Zugang zu Gratis-Wasser. Laut der englischen Tageszeitung „The Guardian“ seien allein von Juni bis August dieses Jahres 44 nepalesische Arbeiter im Emirat bei Unfällen oder nach Herzattacken aufgrund der hohen Temperaturen gestorben. Wer durch das Land fährt, sieht, welche gigantischen Bauten auf Geröllwüsten aus dem Boden gestampft werden.

Selbstverständlich, versicherte Al-Thawadi, sei „jeder Tote, jeder einzelne Tote jenseits der Zahl Null inakzeptabel“. Doch er wolle Niersbach zeigen, „welche Maßnahmen wir umgesetzt haben, mit welchem Engagement wir dieses Thema angehen. Ich würde ihm erklären, warum es Zustände gibt, die sicherlich niemand akzeptieren kann. Wir arbeiten sehr hart, und die Regierung will diese Probleme so schnell wie möglich lösen“.

Er verwies in diesem Zusammenhang auf eine schon im März verabschiedete Arbeiter-Charta, die die „Sicherheit, Würde und Gesundheit eines jeden, der an der WM mitarbeitet“, sichere. Zudem überraschte er mit der Aussage, das Kafala-System, das ausländische Arbeiter teils in sklavenähnliche Verhältnisse treibt, stehe vor der Modifizierung.

Gastarbeiter müssen Pass abgeben

„Derzeit wird das System auf den Prüfstand gestellt. Es wird von den Ministerien überprüft, um zu schauen, wie man es der Entwicklung des Landes anpassen kann“, sagte Al-Thawadi. Er wolle allerdings dem Gesetzgeber nicht vorgreifen. Jede Veränderung müsse nachhaltig sein und das System verbessern. Gastarbeiter sind ihrem Bürgen, meist dem Arbeitgeber, der bei der Einreise gleich den Pass einzieht, derzeit ausgeliefert.

In der Diskussion über den WM-Termin sieht Katar den Ball beim Weltverband Fifa. „Um diese Frage muss sich hauptsächlich die Fifa kümmern. Präsident Joseph S. Blatter hat seine Vorliebe für diesen Zeitraum (November/Dezember 2022, d.Red.) erklärt. Es gibt eine Diskussion im Exekutivkomitee über den Termin, und wir warten gespannt auf eine Entscheidung“, sagte Hassan Al-Thawadi.

Die Fifa habe auch den ersten Schritt getan. „Sie berät. Ende dieses Jahres wird sie ein Ergebnis präsentieren. Wir haben noch Zeit. Lasst uns das Gewehr nicht zu früh abfeuern!“, sagte Al-Thawadi, der in Sheffield Rechtswissenschaften studiert hat. Sein Land sei weiter auch für eine Austragung im Sommer gerüstet.

Angesichts der Kritik, die auf Katar einprasselt, erhofft sich Al-Thawadi in neun Jahren einen historischen, einigenden Moment. Er greift sogar auf Vergleiche mit Deutschland und damit dem Wunder von Bern und dem Sommermärchen zurück.

Amnesty prangert Ausbeutung an

„Wenn eine Nation die Kraft des Fußballs versteht und gespürt hat, wie eine WM ein Land verändern kann, dann Deutschland. 1954 Weltmeister zu werden, hat Deutschland geholfen, aus einer sehr schwierigen Zeit herauszukommen“, sagte Al-Thawadi: „Die WM 2006 hat dann West- und Ostdeutschland wirklich zusammengeführt.“ Durch die WM habe die Welt einen anderen Blick auf Deutschland bekommen, „auf eine sehr warme, freundliche Gesellschaft. Sie hat das Land gezeigt, wie es ist: eine Nation, die Leistung abliefert – mit einem Lächeln“. Ähnliches wolle Katar nun auch erleben.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat dagegen in Katar ein „alarmierendes Ausmaß an Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit“ festgestellt. In einer am Sonntag vorgestellten Untersuchung prangerte Amnesty an, dass die Rechte von Arbeitsmigranten in dem Golfstaat „systematisch“ verletzt würden. Die Organisation forderte die Regierung in Katar ebenso wie die Fifa auf, „weitere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und zu zeigen, dass sie es mit den Menschenrechten ernst meinen“.

„Jetzt ist der Moment gekommen, um zu handeln“, sagte James Lynch, Verantwortlicher der Amnesty-Studie „The Dark Side of Migration: Spotlight on Qatar's Construction Sector Ahead of the World Cup“. Für die Untersuchung waren Mitglieder der Menschenrechtsorganisation im Oktober 2012 und im März 2013 zweimal in den Golfstaat gereist. Insgesamt sprachen die Menschenrechtler mit rund 210 Arbeitern.

Amnesty kritisiert besonders, dass ausländische Arbeiter in Katar monatelang auf ihr Gehalt warten müssten. Zudem seien die Arbeits- und Unterkunftsbedingungen phasenweise „unmenschlich“.