Remis

Misstöne in Mailand

Im Jubiläumsspiel von Bundestrainer Joachim Löw kann die deutsche Nationalmannschaft erneut nicht gegen die Italiener gewinnen

Die Glückwünsche zu seinem 100. Länderspiel als Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nahm Joachim Löw nur so nebenbei entgegen. „Ich bin schon zufrieden, wie das Spiel insgesamt lief. Wir haben kämpferisch eine gute Leistung abgeliefert und defensiv gut agiert“, sagte Löw nach dem Spiel gegen Italien. Der Bundestrainer klang dabei sehr analytisch. So als wären die vergangenen 90 Minuten in Mailand fast derart emotionslos verlaufen, wie Freundschaftsspiele zuweilen nun einmal verlaufen können. Doch das 1:1 (1:1) zwischen der Squadra Azzurra und dem DFB-Team war alles andere als langweilig.

Thomas Müller brachte es auf den Punkt. Die Italiener seien „taktisch sehr gut“ gewesen, sagte der Mittelfeldspieler. Müller ärgerte sich aber vor allem über die Nickligkeiten: „Das waren die Italiener, wie man sie kennt. Und der Schiedsrichter hat es das ganze Spiel über mitgemacht.“ Toni Kroos wollte die Härte nicht überbewerten. „Nur so etwas bringt einen weiter“, meinte er. Die Szene, als Thiago Motta ihm nach einem Gerangel den Finger ins Auge stach, ärgerte ihn dennoch: „Das nennt man wohl Tätlichkeit. Aber wurscht.“

Höwedes trifft den Pfosten

Nein, wenn Deutschland auf Italien trifft, kann man nicht von einem normalen Länderspiel sprechen. Das war am Freitagabend auch vor 40.000 Zuschauern der Fall. Zum einen, weil sich die deutsche Mannschaft erstmals in ihrem komplett weißen WM-Outfit präsentierte. Zum anderen, weil nach 18 Jahren endlich wieder ein Sieg gegen den viermaligen Weltmeister gelingen sollte. Wie dicht die Gäste am Ende der Durststrecke dran gewesen sind, verdeutlichte wieder Müller: „Das gibt’s doch nicht“, entfuhr es dem Münchner bei Ansicht des Pfostenschusses von Benedikt Höwedes in der Nachspielzeit: „Aber ich weiß nicht, wem ich dafür einen Vorwurf machen soll. Das passte zum Spiel. Ich hätte es gerne gewonnen.“ Beim Nachschuss hatten sich zudem Sven Bender und Marco Reus gegenseitig behindert.

„Wir hätten hier locker gewinnen können, weil wir die besseren Chancen hatten“, ärgerte sich auch Kapitän Philipp Lahm nach seinem 104. Länderspiel. Damit hat er Franz Beckenbauer (103) in der ewigen Länderspielrangliste überholt. Offensiv deutete die deutsche Elf in der starken ersten halben Stunde ihr großes Potenzial an. Das Experiment mit der „falschen Neun“ funktionierte jedoch erneut nicht richtig. Zunächst mühte sich in Abwesenheit von Rekord-Torjäger Miroslav Klose und Mario Gomez Mario Götze vergeblich in vorderster Front, dann löste ihn Mesut Özil ab und machte es wie zuletzt gegen Irland (3:0) kaum besser.

Für die verletzten Schweinsteiger und Gündogan setzte Löw im defensiven Mittelfeld neben Khedira überraschend wieder auf Lahm. Der 30-Jährige hatte die Rolle in der DFB-Auswahl zuletzt in der Schlussphase in Schweden eingenommen. Rechtsverteidiger spielte dafür Höwedes. Den erkrankten Abwehrchef Per Mertesacker ersetzte Mats Hummels. Zur Stabilität trugen die Veränderungen zunächst nicht bei. Schon nach 41 Sekunden verfehlte Mario Balotelli knapp das Ziel. Zwei Minuten später senkte sich ein Freistoß von Italiens Routinier Andrea Pirlo über das Tor.

Umso überraschender ging das DFB-Team dann bei ihrer ersten Offensivaktion in Führung. Nach Eckball von Kroos war Hummels zur Stelle: Dessen Kopfball prallte unhaltbar für Gianluigi Buffon vom Innenpfosten ins Netz. Das DFB-Team wäre kurz darauf beinahe zum 2:0 gekommen. Erneut war Kroos mit einer Ecke Vorbereiter, diesmal verfehlte der Kopfball von Höwedes nur um Zentimeter das Ziel. Pech hatte Khedira bei einem Pfostenschuss (17.), ebenso wie André Schürrle, dessen Schuss die Latte streifte (32.).

Nach knapp einer halben Stunde fingen sich die Gastgeber wieder etwas. Der Ausgleich wurde aber von den Deutschen begünstigt. Zunächst landete ein Ball von Hummels statt bei Kroos bei Ignazio Abate. Der spielte Doppelpass mit Leonardo Bonucci, den wiederum Khedira nicht entscheidend attackierte. Beim anschließenden Schuss von Abate hatte Manuel Neuer keine Chance.

Khedira verletzt sich am Knie

Nach dem Wechsel wurde das Spiel ruppiger. Müller fiel im Zweikampf mit Andrea Barzagli unglücklich auf die Hand und musste behandelt werden. Kurz darauf musste Khedira nach Foul von Domenico Criscito behandelt werden. Dies hemmte den Spielfluss der Gäste. Doch Neuer bestand seine erste Bewährungschance gegen Claudio Marchisio (51.), dann nutzten Balotelli und Riccardo Montolivo die Konfusion im deutschen Strafraum nicht (57.). Am Ende regierte die Hektik. Thiago Motta entging nur durch Glück der Roten Karte.

Am Dienstag (21 Uhr/ARD) wartet auf den Weltranglistenzweiten in London gegen England, das Freitagabend 0:2 (0:1) gegen Chile verlor, der nächste Klassiker. Dabei droht nach Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan der dritte „Sechser“ auszufallen. Khedira verletzte sich beim Zweikampf gegen Andrea Pirlo am Knie (66.).