Fußball

Italien zürnt seinem Helden

Mario Balotelli könnte mehr sein als ein Fußballstar. Doch er ignoriert einfach alle Erwartungen

Natürlich sprach da vor allem der professionelle Spielerberater in ihm, nicht der väterliche Freund. Auch wenn es Mino Raiola gern so verkaufen wollte. Aber bitte, der beleibte Mann hat einen Ruf als einer der Abgezocktesten der Fußballbranche. Und es ging um Italiens Nationalspieler Mario Balotelli.

So viel Druck, sagte Berater Raiola also, das ist doch unmenschlich. Das könne keiner bewältigen. „In Italien sprechen sie entweder über Politik oder über Balotelli.“ Alles, was er mache, werde zu einer Geschichte. „Sein ganzes Leben ist öffentlich. Das hält doch keiner 365 Tage im Jahr aus.“ Raiola überlege schon, ob es richtig war, ihn im Januar aus England nach Italien zurückzuholen, und ob sein derzeitiger Klub AC Mailand noch das richtige Pflaster für Balotelli sei.

Jesusgleich über das Wasser

Abgesehen davon, dass ein Verkauf auch ihm ein hübsches Sümmchen einbringt, hatten die zuvor erwähnten Dinge durchaus ihre Berechtigung. So viele nationale Debatten wie der 23 Jahre alte Angreifer löste in den vergangenen Monaten wohl höchstens noch sein Klubchef Silvio Berlusconi aus.

Es geht darum, wie viel Vorbild ein Nationalspieler sein muss, ob er einfach nur Fußball spielen darf, wo die Grenze zwischen Naivität und Verantwortungslosigkeit verläuft und wie viel Exzentrik sich mit dem Beruf verträgt. Nicht erst seit dem Sommer 2012 geht das so, als ausgerechnet er, das Einwandererkind mit ghanaischen Wurzeln, Deutschlands EM-Traum-Verderber wurde. Als sich Balotelli nach seinen zwei Toren im Halbfinale von Warschau des blauen Trikots entledigte und in einer Pose für die Ewigkeit erstarrte, aufs Feld gemeißelt wie eine griechische Bronzestatue. Die Gazetten machten ihn zum Symbol des neuen Italien. Der erste Schwarze im Nationalteams eines Landes, in dem sich der Ausländeranteil in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt hat.

Am Freitag (20.45 Uhr, ZDF) geht es wieder gegen Deutschland, mittlerweile ist die Lesart eine andere. Sportlich läuft die Saison miserabel, für seinen Klub AC Mailand, aber auch für Balotelli. Im Champions-League-Spiel beim FC Barcelona (1:3) ließ ihn Trainer Massimiliano Allegri zuletzt gar die erste Hälfte auf der Bank. Noch vor der Saison hatte Balotelli getönt, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo seien die einzigen Zwei, die er noch vor sich sehe. In Demut und Bescheidenheit ist er noch nie erstarrt.

„Der interessanteste Mann der Welt“, titelte „Sports Illustrated“ im Sommer und ließ Balotelli beim Fotoshooting jesusgleich übers Wasser schweben – wenige Tage vor einer Audienz der Nationalmannschaft beim Papst. Jene dank Plexiglas geschaffene Illusion war nach Balotellis Geschmack. Er, der das Unmögliche schafft. So sieht er sich gern.

Seine Begabung stellt keiner infrage. Sein kapriziöser Charakter und sein divenhaftes Gehabe aber geht vielen gehörig auf die Nerven. All seine Gelben und Gelb-Roten Karten wegen irgendwelcher Ungezogenheiten, es zieht sich durch seine Karriere. „Er muss endlich lernen, wann er den Mund halten muss“, watschte ihn Trainer Allegri vor ein paar Wochen ab, als Balotelli beim Ligaspiel in Neapel noch nach Schlusspfiff Gelb-Rot kassierte. Mal wieder hatte er sich mit dem Schiedsrichter angelegt. Drei Partien musste er aussetzen.

Vor ein paar Tagen nun bestellte Milan seinen Berater Raiola ein. Dass nach dieser Unterredung die Geschichte die Runde machte, der Verein habe Balotelli einen Aufpasser zur Seite gestellt, gar einen ehemaligen Elitesoldaten, brachte Raiola reichlich in Rage. So weit kommt es noch, insistierte er: „Das ist alles eine Erfindung der Medien.“

Rein optisch aber ging Balotelli auf Deeskalation, er opferte seinen Irokesen. Selbst die großen Brillis im Ohr sollen der Vergangenheit angehören. Mit ihnen hat er sich ablichten lassen, wann immer es ging. Ob nun vor seinem bizarren Mosaik-Brunnen im Garten seines Hauses, den er mit seinen Initialen und seiner Trikotnummer 45 bestückt hat. Oder aber vor der lebensgroßen Statue seiner EM-Jubel-Pose. Auch seinem auffälligen Ferrari werde er abschwören, selbst das gehörte zu den auferlegten Erziehungsmaßnahmen. Dass Balotelli wenige Tage danach mit einem Audi in eine wenn auch harmlose Karambolage verwickelt war, lieferte die nächste Anekdote.

Weit größere Debatten aber entbrannten, als Balotelli im Kreise der Nationalmannschaft weilte. Jene Auswahlzeit war für ihn immer ein Hort der Glückseligkeit. In Nationaltrainer Cesare Prandelli hatte er stets einen Befürworter. Und in der Nationalmannschaft lieferte Balotelli ab. Sein Elfmetertor beim 2:1 gegen Tschechien sicherte Italien schon zwei Spieltage vor dem Ende der Qualifikation das WM-Ticket für Brasilien 2014. Diskutiert aber wurde darüber, warum gerade Balotelli den privaten Besuch von Italiens Integrationsministerin Cécile Kyenge, zudem die erste schwarze Ministerin des Landes, im Trainingslager der Squadra Azzurra verschlafen hatte. Balotelli ließ sich entschuldigen, seine Mittagsruhe sei ihm wichtiger, gab er an, „es war doch kein Pflichttermin“.

Als Dummkopf tituliert

Wie überladen manche Debatten um Balotelli geführt werden, zeigte sich auch wenige Wochen später in Neapel. Gemeinsam mit seinen Auswahlkollegen trainierte er auf dem Platz einer Amateurmannschaft, die einst von Camorra-Bossen befehligt wurde. Als Symbolfigur im Anti-Mafia-Kampf erhob die „Gazzetta dello Sport“ daraufhin Balotelli. Ihm war das alles zu viel. Er twitterte nur: „Wenn ihr meint.“ Er sei da, um Fußball zu spielen. Das Echo auf seinen Eintrag war immens. Als Dummkopf wurde er tituliert. Einer, der nicht zum Vorbild tauge und nicht unterscheiden könne zwischen Gut und Böse. Auch weil er sich vor Jahren mit zwei Mafia-Bossen ablichten ließ. Als das damals hohe Wellen schlug, sagte er, er dachte, das seien Fans, und er sei gelinkt worden.

Dass ihm bei der Abreise aus Neapel auf dem Flughafen auch noch die Sicherungen durchbrannten, befeuerte sein Image als Rüpel der Nation. Nationaltrainer Prandelli hat bereits gemahnt, man solle den Jungen doch bitte in Ruhe lassen. Und all die Twitterei gehe ihm sowieso auf die Nerven. Bei der WM in Brasilien mögen die Seinen darauf verzichten. Eine Lex Balotelli? Die Interpretation liegt nahe. Denn nach Prandellis Schelte ist Ruhe. Balotellis letzter Twittereintrag ist auf den 16. Oktober datiert. „Hört auf zu reden, zu reden und zu reden“, schrieb er. „Leben und leben lassen. Lebt und lasst mich leben, und seht den Unterschied.“