Nationalmannschaft

Löws Baustellen auf dem Weg zur WM 2014

Sorgen gibt es im Sturm und in der Abwehr

Ursprünglich wollte Joachim Löw Italien meiden. Zu oft war der Bundestrainer vom Land hinter den Alpen erschüttert worden. Kurz vor der WM 2006 raffte eine Test-Niederlage (1:4) um ein Haar ihn und seinen damaligen Chef Jürgen Klinsmann hinweg. Das anschließende Sommermärchen hätten die beiden sich abschminken können, es gab sogar Politiker, die im Bundestag über das Führungsteam der Nationalelf abstimmen lassen wollten. „Ein einschneidendes Spiel, ein Moment, wo der öffentliche Druck so groß war, dass es nach dem nächsten Test gegen die USA Änderungen in der Besetzung des Trainerpostens hätte geben können“, erinnert sich Teammanager Oliver Bierhoff.

Noch härter war das 1:2 im Halbfinale der Europameisterschaft im vergangenen Jahr, das Löw aus dem Status des Fastunbezwingbaren hinunter auf Normalniveau stürzen ließ. „Das war eine bedeutende Niederlage. Seither wird von außen mehr in Frage gestellt als vorher“, sagt Bierhoff.

Aber was soll Löw machen mit dem Land, in dem sein Lieblingsgetränk in einer Perfektion zubereitet wird wie nirgendwo anders? Nein, er grollt nicht mit den Italienern – und wenn, lässt er sich gern mit Espresso bestechen. „Die italienische Kultur“, hat er einmal gesagt, sage ihm schon sehr zu. Sogar die Fußballkultur. Jedenfalls schwärmte er am Mittwoch: „Die Italiener sind clever und abgebrüht. Und sie können sich mit Situationen auseinandersetzen, wenn es nicht läuft – vielleicht besser als wir. Sie sind Meister der Anpassung.“

Nun soll Italien zum Wegweiser werden (am heutigen Freitag, 20.45 Uhr), auf freundschaftliche Art. Was nichts daran ändert, dass das Ergebnis und das Auftreten seiner Mannschaft für Löw hohe Relevanz haben werden.

Spiele gegen große Nationen sind immer Gradmesser für die aktuelle Form. Das gilt für Italien ebenso wie für England, auf das Deutschland am Dienstag in London treffen wird. Umso mehr, als Löw mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Brasilien mehr Baustellen im Team hat, als ihm lieb sind.

Zuvorderst im Sturm. Ausgerechnet gegen Italien fallen die Italien-Profis Miroslav Klose (Lazio Rom) und Mario Gomez (AC Florenz) aus. Löw düst im Blindflug nach Brasilien, was seinen Angriff angeht.

Der gesetzte Klose ist mittlerweile 35 Jahre alt und kann nicht mehr verleugnen, dass die Zahl der Zipperlein zunimmt. Bei Stellvertreter Gomez sind die Sorgen nicht ganz so groß, doch als Stürmer Nummer eins wird Löw ihn kaum mit nach Südamerika nehmen. Die Vorbehalte gegen den ehemaligen Münchner sind weiterhin groß.

Mario Götze statt Miro Klose?

Löw liebäugelt schon länger damit, auf eine reine Sturmspitze zu verzichten und eine Art Zwitter aus offensivem Mittelfeldmann und Stürmer einzusetzen; Mario Götze gilt als der Prototyp dieses Spielerformats. Wird Löw trotzdem zwei reine Mittelstürmer mitnehmen, da er neben Götze auch Andre Schürrle, Marco Reus und Max Kruse hat, die ebenfalls einen „Neuneinhalber“ geben können?

In der Abwehr bereitet, seit Philipp Lahm auf die rechte Seite gewechselt ist, die Position des linken Verteidigers Sorgen. Der Dortmunder Marcel Schmelzer spielt links passabel bis gut, ist aber nicht nach Löws Gusto. Die Alternativen sind nicht besser: Marcell Jansen vom HSV ist in seinen Leistungen so beständig wie sein abstiegsbedrohter Klub.

Auch in der Innenverteidigung gibt es Probleme. Routinier Per Mertesacker, der sich zuletzt durch gute Leistungen empfahl, fällt gegen Italien aus und stößt erst in England zum Team. Mats Hummels funktioniert im Nationaltrikot erstaunlicherweise kaum halb so gut wie im BVB-Dress. Jerome Boateng ist zwar hochbegabt, aber auch der fleischgewordene Schlendrian. Und Benedikt Höwedes benötigt noch Zeit zu reifen. Holger Badstuber, der als gesetzt galt, wird nach zwei Kreuzbandrissen wohl kaum rechtzeitig fit werden.

„Im Defensivbereich kommen leider nicht so viele Spieler nach wie in der Offensive“, analysiert Frank Wormuth, der deutsche U20-Trainer, „auf dieser Position ist Erfahrung noch wichtiger als auf anderen. Darum sind Abwehrspieler der Weltklasse meist Mitte bis Ende 20.“