Interview

„Mit Berliner Titeln muss Schluss sein“

Mannheims NHL-Star Jochen Hecht sehnt sich vor dem Prestigeduell bei den Eisbären nach einem neuen Meister

Die Erinnerung an sein bislang letztes Spiel in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in Berlin fällt nicht schön aus. Im April 2005 unterlag Jochen Hecht mit den Adlern Mannheim im Finale dem EHC Eisbären, die ihren ersten Titel holten. Hecht war damals Profi in der nordamerikanischen NHL, die hatte aber gerade ihre Spieler wegen Gehaltsstreitigkeiten ausgeschlossen, und der gebürtige Mannheimer schloss sich vorübergehend den Adlern an. Nachdem der 36-Jährige seine Karriere in der NHL, wo er für St. Louis, Edmonton und Buffalo auflief, beendet hat und in die Heimat zurückgekehrt ist, kommt es am Freitag in Berlin zum Wiedersehen mit dem EHC (19.30 Uhr, O2 World), der inzwischen sieben Titel gewonnen und Mannheim (fünf DEL-Titel) den Rang abgelaufen hat. Marcel Stein sprach mit dem ehemaligen Nationalspieler, der 892 NHL-Spiele (200 Tore, 295 Vorlagen) absolvierte und zu den besten deutschen Profis aller Zeiten gehört, über die neue Ausrichtung der Adler, die Gründe für die Rückkehr und die Sehnsucht nach einem neuen Meister.

Berliner Morgenpost:

Herr Hecht, gerade waren acht Spieler der Adler Mannheim mit der deutschen Nationalmannschaft beim Deutschland Cup unterwegs. Bei den Eisbären dagegen konnten sich alle Spieler ausruhen. Haben die Adler jetzt einen kleinen Nachteil?

Jochen Hecht:

Da gibt es eine positive und eine negative Seite. Zum einen sind unsere Jungs im Spielrhythmus drin, andererseits tut bei einer so langen Saison eine Pause immer gut. Wir hoffen, dass alle trotzdem genügend Saft im Akku haben.

Es kommen sogar noch ein paar Spieler zum Nationalkader hinzu, die jetzt verletzt waren. Das halbe DEB-Team besteht aus Mannheimern. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Das zeigt natürlich, dass Mannheim klar auf deutsche Spieler setzt. Das Kontingent an Ausländern ist bei uns auch noch nicht aufgebraucht. Damit hat der Klub zuletzt gute Erfahrungen gemacht und ist auch jetzt gut unterwegs.

Oft heißt es, dass der Klub mit den besten deutschen Spielern Meister wird in der DEL. Gemessen an der Zahl der aktuellen Nationalspieler müsste die Sache ja schon zugunsten der Adler gelaufen sein. Oder?

So einfach ist das nicht. Wir können natürlich gut spielen, aber es ist uns auch bereits einige Male nicht gelungen, unser Potenzial abzurufen.

Trotz der Vielzahl an sehr guten Spielern in Mannheim sind Sie der Topscorer. Heißt das nicht, dass Sie locker noch in der NHL hätten weiterspielen können?

Da mache ich mir keine Gedanken drüber. Ich habe mich schon während des vergangenen Jahres entschieden zurückzukommen. Was wäre wenn, das gibt es jetzt nicht.

Und Sie haben es bis heute nicht bereut?

Auf keinen Fall. Es war einfach der richtige Schritt für mich und meine Familie.

Waren es denn überwiegend sportliche oder mehr private Gründe, die Ihre Entscheidung forciert haben?

Überwiegend private Gründe. Nachdem ich die Saison zuvor mit einer Gehirnerschütterung beenden musste, wollte ich vergangene Saison noch einmal zeigen, dass ich es noch kann. Das ist mir auch gelungen, ich habe einen guten Abschluss gefunden in Nordamerika. Jetzt zählt für mich vor allem, dass meine Kinder die Heimat für sich entdecken, dass sie richtig Deutsch lernen und einen Freundeskreis aufbauen.

War es für Sie immer klar gewesen, dass Sie zum Abschluss Ihrer Karriere noch ein bisschen für die Adler auflaufen?

Wegen der Verletzungen in der jüngeren Vergangenheit war das nicht immer klar gewesen. Als zuletzt aber wieder alles gut lief, hatte ich noch keine Lust aufzuhören. Und Mannheim ist ganz sicher eine Topadresse, wenn man in Deutschland Eishockey spielen möchte.

Hätte Ihre Heimatverbundenheit auch einen anderen Klub zugelassen?

Weniger, da hätte schon eine Menge passieren müssen.

Über die Jahre hat sich eine starke Rivalität der Adler mit den Eisbären entwickelt, deren Höhepunkt im April 2012 erreicht wurde. Die Adler lagen in Finalspiel vier mit drei Toren kurz vor Schluss vorn und hatten eine Hand am Meisterpokal. Letztlich gewannen doch die Berliner und holten ihren sechsten Titel. Wie haben Sie das aus der Ferne erlebt?

Ich habe das über Webradio und die DEL-Seite im Internet verfolgt. Für die Adler war das eine große Chance, die mit einer großen Enttäuschung endete. Aber es hat auch gezeigt, wie viel Selbstvertrauen die Eisbären in den vergangenen Jahren angehäuft haben.

Die Berliner haben die Mannheimer bei der Anzahl der Meisterschaften überholt, sind Rekordmeister der DEL, haben ihnen das Selbstverständnis als Ligakrösus kaputtgemacht. Jahr für Jahr setzen die Adler alles daran, die Bilanz endlich wieder zu eigenen Gunsten zu verbessern. Sind die Eisbären zu einem Trauma für die Adler geworden?

Mannheim will viel und der Druck ist groß, das Umfeld hier ist nicht einfach. Aber letztlich geht es doch inzwischen jedem in der Liga gleich: Alle wollen, dass endlich Schluss ist damit, dass die Titel dauernd nach Berlin gehen.

Die Eisbären sind in dieser Saison so schlecht gestartet wie seit Ewigkeiten nicht. Ist es deswegen schon Zeit, um sagen zu können: ein Konkurrent weniger im Kampf um den Titel?

Wir haben erst ein Drittel der Saison gespielt, das ist mir noch zu früh. Außerdem gibt es noch andere Mannschaften in der Liga wie Köln, die schwer zu schlagen sind.