Identitätsstiftend

„Die vierte Gewalt im Staat“

Eine Studie bescheinigt der Fußball-Nationalmannschaft enormen Einfluss auf die Gesellschaft

Der Traum erfüllte sich im Fitnessraum. Dienstagfrüh trainierte Roman Weidenfeller im Hotel „Hilton Tucherpark“ erstmals mit der Fußball-Nationalmannschaft. „Meine Kollegen haben mich sehr gut aufgenommen. Ich werde die Zeit hier genießen“, sagt der Torwart von Borussia Dortmund.

Lange galt er als zu unbequem. Am Freitag erlebt der 33-Jährige sein erstes Länderspiel – in Mailand geht es gegen Italien (20.45 Uhr, ZDF). In dieser Partie wird Manuel Neuer spielen. Im zweiten Test am Dienstag gegen England könnte Weidenfeller zum Einsatz kommen. Und falls er an dem Doppelspieltag gar nicht zum Zug kommt? Ist er auch nicht böse. „Ich stelle mich komplett in den Dienst der Mannschaft“, sagt der Dortmunder.

Eine Aussage, die Bundestrainer Joachim Löw gefällt. Vorbildliches Verhalten und Identifikation sind bei der Nationalmannschaft in diesen Tagen auch noch aus anderem Grund oft zu hören.

Die EBS Universität für Wirtschaft und Recht in München veröffentlichte Dienstag ihre Studie „Wir sind Nationalmannschaft“. Das Team um Professor Dr. Sascha Schmidt des Institute for Sports, Business and Society (ISBS) hat eineinhalb Jahre lang die Entwicklung der Nationalelf und die ihrer gesellschaftlichen Bedeutung seit 1998 analysiert. Und es lässt Schmidt zu der These kommen: „Die Nationalmannschaft ist die vierte Gewalt im Staat. Sie ist das letzte Lagerfeuer der Nation.“ Gesellschaftliche und politische Institutionen würden an Bedeutung verlieren, „die Nationalelf erweist sich als letzter Fels in der Brandung“.

Inoffiziell werden oft die Medien als vierte Gewalt im Staat bezeichnet (neben Gesetzgebung, Vollziehung und Rechtssprechung), insofern ist die Aussage mutig. Doch natürlich freut man sich beim DFB über den ersten wissenschaftliche Beleg für die Bedeutung seiner Nationalelf. „Wir haben das alles, was in der Studie ist, ja so ein bisschen gefühlt. Aber das sind schon starke Aussagen von Außenstehenden, wo wir einfach spüren, dass die Nationalmannschaft der Gesellschaft in vielen Bereichen noch Halt gibt“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff. In Auftrag gegeben hat die Studie allerdings sein Verband selbst, Bierhof sitzt zudem seit dem Vorjahr auch im Kuratorium des ISBS.

„Von der vierten Macht zu sprechen, ist eine gewagte These. Doch wir haben die gesellschaftlichen Themen noch nie so stark besetzt wie derzeit“, sagt Helmut Sandrock, Generalsekretär des DFB. Als Beispiele nennt er die Diskussion um die WM 2022 in Katar sowie die Diskussion über die inhaftierte Politikerin Julia Timoschenko rund um die EM 2012.

Befragt wurden für die Studie rund 3000 Menschen online, Schmidts Team führte zudem 52 Expertengespräche, unter anderem mit früheren Bundestrainern, einstigen Nationalspielern und Meinungsführern aus Wirtschaft und Politik. Und kommt zu dem Fazit: „Die Nationalmannschaft erreicht jeden Winkel der Gesellschaft.“ Sie sei sinnstiftende Quelle einer Volksidentifikation. Männer und Frauen, Groß- und Kleinstädter, Groß- und Geringverdiener, Eltern und Kinderlose – alle reden über die Mannschaft, sagt Professor Schmidt. Besonders stark identifizieren sich laut der Studie Kinder, Jugendliche, Alleinstehende und Ausländer, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben.

Dass die DFB-Elf seit 17 Jahren keinen Titel gewann, stört wenig. 84 Prozent der Befragten sehen ihr Auftreten als vorbildlich an. Den meisten sage die Philosophie der Mannschaft zu. Sie verkörpere Werte, die ihnen gefallen.

Enorm groß sind Kraft und Reichweite der Nationalspieler in den sozialen Netzwerken. Auf der Facebook-Seite von Spielgestalter Mesut Özil hatten 10,8 Millionen Menschen auf „Gefällt mir“ geklickt, auf der von Angela Merkel 336.000. Özil erreichte also 32-mal mehr Menschen als die Kanzlerin. Die zehn beliebtesten Politiker kamen gemeinsam auf 460.00 Fans – die zehn beliebtesten Nationalspieler auf 25,6 Millionen.

Bierhoff sieht die Studie als gute Grundlage für Gespräche mit den Vereinen, wenn es um die Anzahl der Länderspieler geht. „Die Studie zeigt, dass die Nationalmannschaft präsent und regelmäßig stattfinden muss. Sie ist wichtig für das Land“, so der DFB-Manager.

Klinsmanns Zeit war die wichtigste

Als wichtigen Grund für die Entwicklung der Nationalelf haben die Autoren die Zeit unter Jürgen Klinsmann ausgemacht (2004 bis 2006). Sie bezeichnen diese Ära als „Revolution“. Mit ihm als Bundestrainer habe es drastische Veränderungen und gemessen an der Weltrangliste einen Leistungsabfall gegeben. Langfristig sei dies aber wichtig gewesen. Generalsekretär Sandrock findet es daher wichtig, weiter „kritische Geister“ zu haben. „Wenn wir uns nur in den Armen liegen, werden wir die Zukunft nicht gestalten. Ich denke aber, dass wir eine gute Streitkultur entwickelt haben.“

Professor Schmidt betont zudem, die Nationalelf könne trotz aller Kraft nicht der universelle Reparaturbetrieb der Gesellschaft sein. Tatsächlich hat der Verband eigene Probleme. Verstärkt unterstützen will die Führung künftig vor allem die 1,7 Millionen Ehrenamtlichen.

„Dauerhafte Wettbewerbsvorteile sind nur durch rechtzeitige Anpassung der Erfolgsrezepte möglich“, lautet die letzte These der Studie. Laut Schmidt bedarf es aber keines radikalen Wandels, um bei der WM in Brasilien die „letzten Prozentpunkte rauszuholen“. Bierhoff steht daneben und lächelt beruhigt.