World-Tour-Finale

Die neue Magie des Djokers

Novak Djokovic hat sein Tennis mal wieder reformiert und lässt Rafael Nadal damitim WM-Finale so hilflos aussehen wie nie

Am Ende schraubte er sich mit einer artistischen Pirouette in die Höhe, da sah es fast aus, als schwebte der Bewegungskünstler über dem Centre Court von London. Es war der Moment der völligen Leichtigkeit des Seins nach dem Sieg, in dem Novak Djokovic beim letzten großen Tennisturnier der Saison den rauschenden Schluss-Punkt gesetzt hatte. „Ich fühle ein mächtiges Glücksgefühl, ein großartiger Tag“, sagte der Serbe nach seinem 6:3, 6:4-Triumph über den Weltranglistenersten Rafael Nadal.

Als bestechend stark auftretender Titelverteidiger brachte sich mit Djokovic wieder nachhaltig einer in Erinnerung, den man in den Aufregungen dieser Saison 2013 zuweilen übersehen oder gar vergessen hatte. Viel gab es zu bestaunen in dieser bewegten Spielserie, das fulminante Comeback von Matador Nadal, seinen Aufstieg aus Verletzungsqualen zurück auf den Gipfel. Aber auch den historischen Wimbledonsieg von Andy Murray und die Krise Roger Federers.

Keiner spielte so gleichmäßig gut

Keiner aber spielte bis zum letzten Tag im Wanderzirkus so gleichmäßig auf hohem Niveau wie Djokovic, er war nie weg, auch wenn er nicht immer die Schlagzeilen produzierte – jener Meister der Solidität und Spielintelligenz, der einem zuweilen auch mit seinen abenteuerlichen Verrenkungen den Atem stocken lässt. „Wenn er über den Platz wirbelt, fragst du dich manchmal: Hat der überhaupt Knochen im Leib“, sagte Englands früherer Star Tim Henman.“

Djokovic hatte einst die Zweiteilung der Tenniswelt zwischen den Titanen Federer und Nadal aufgelöst und damit vielleicht die schwerste Herausforderung bewältigt, die einem jungen Profi überhaupt jemals aufgegeben war. Weit früher als Britanniens gerade verletzter, gleichaltriger Heroe Andy Murray erlangte der Belgrader eine Reife, die ihn zum Gewinn großer Titel und dem Sprung auf den Spitzenplatz der Rangliste bemächtigte – und anders als alle da vorne in der Führungselite hat der „Djoker“ auch nie wirklich nachgelassen in den letzten Jahren. Regelmäßig reformiert der 26-jährige sein Spiel, seine Taktik, überhaupt sein Leben als Professional in dieser sportlichen Tretmühle, um für alle Ansprüche und potenziellen Rätsel gerüstet zu sein. „Wenn du nicht bereit bist, dich jeden Tag verbessern zu wollen, bist du bald abgehängt“, sagt Djokovic dazu.

Welch noch stärkerer Geist in einem starken Körper steckt bei diesem Djokovic, bewies der Weltmeister nach den Enttäuschungen des Sommers. Da hatte er die Finals in Wimbledon und bei den US Open verloren, war zweimal aus seinen Grand-Slam-Träumen hingestürzt, doch wie er anschließend wieder aufstand, das war umso eindrucksvoller. Seit der New Yorker Endspiel-Niederlage gegen Nadal schlug ihn, den schillernden Tennis-Handlungsreisenden, keiner mehr aus dem Riesenheer der Rivalen, auch nicht der mallorquinische Kraftmeier, mit dem zusammen er die Saison prägte und modellierte. Der Sieg in der Nachtshow des Montags, beim World Tour Finale, war schon der 23. Sieg hintereinander, es sei die „zweitbeste Serie“ seiner Karriere, sagte Djokovic später, nur geschlagen von der Erfolgsausdauer des Jahres 2011.

Ähnlich wie in vergangenen Zeiten, als sich Federer und Nadal in einer reizvollen Wechselbeziehung zu immer neuen Höchstleistungen animierten, macht nun auch das sportliche Gegeneinander Djokovic und Nadal besser und besser. „Er holt immer das Beste aus mir heraus, vor allem er zwingt mich, mein Spiel ständig zu überdenken und zu verbessern“, sagte Djokovic über den Spanier. Kein Wunder, dass sie in dieser Saison 2013 auch drei der vier Grand Slam-Titel holten (Nadal 2/Djokovic 1) und acht der neun Masters-Turniererfolge für sich reklamierten. Wie in so vielen Jahren zuvor blieb für den Rest der Welt wenig übrig, nur Murrays Glanzkampagne in Wimbledon rückte einmal ganz und gar das Interesse von dem Spitzenduo weg. Auch bei der WM wirkten einige Mitstreiter nur wie Statisten für den Hauptakt, den gefühlt bloß der Serbe und der Spanier bestritten. Und im Finale sah Nadal dann so hilflos aus wie nie. Djokovic ist aber erfahren genug, um sich nie von Momentaufnahmen blenden zu lassen. „Der Tag, an dem ich glaube, nicht mehr 100 Prozent geben zu müssen, ist der Tag, an dem ich da vorne weg bin.“

Vorbei ist seine Saison noch immer nicht. Nach der Einzel-Kür soll für Djokovic nun noch der Hauptpreis mit dem serbischen Team folgen, im Davis Cup-Finale daheim gegen Tschechien. „Ich werde noch einmal alle Kräfte mobilisieren, ich will diesen Pott natürlich auch noch“, sagte Djokovic. Und wer wollte an diesem finalen Triumphzug zweifeln, gerade jetzt, da er mal wieder auf der Höhe seiner Kunst und Kraftentfaltung ist, der magische „Djoker“.