Hertha BSC

Die Frühreifen

Warum Hertha zwar ein Aufsteiger ohne Stars ist, aber wie ein ausgebuffter Bundesligist auftritt

Das erste Drittel der Bundesliga-Saison ist absolviert. Und einige Vereine machen sich Sorgen: Die Europa-League-Starter Eintracht Frankfurt und der SC Freiburg stecken als Tabellen-15. und 16. mitten im Abstiegskampf. Ebenso wie Klassenneuling Braunschweig als Vorletzter sowie Schlusslicht 1. FC Nürnberg. Beim zweiten Neuling macht sich niemand Sorgen. Nach zwölf Spielen lügt die Tabelle nicht. Hertha BSC rangiert auf Platz sieben, mit 18 Punkten beruhigende zehn Zähler entfernt von den Abstiegszone. „Das haben wir uns absolut verdient“, sagte Trainer Jos Luhukay, „ich bin froh, so eine Mannschaft zu haben.“

Ein Umstand, der nach dreieinhalb Monaten in der ersten Liga auffällt: Hertha hat noch kein einziges ‚Aufsteiger-Spiel’ abgeliefert. Die Mannschaft um Kapitän Fabian Lustenberger ist nicht einmal nach 60, 70 Minuten auseinander gefallen und vom Gegner hergespielt worden. So, wie es Braunschweig passiert ist gegen den Hamburger SV (0:4), Mönchengladbach (1:4) oder gegen den VfB Stuttgart (0:4). Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen, warum Hertha so rasch gereift ist.

Kompaktheit So haben die Berliner eine Qualität des vorangegangenen Zweitliga-Jahres weiter ausgebaut: die Kompaktheit. Selbst das Starensemble des FC Bayern oder Champions-League-Starter FC Schalke taten sich schwer, Chancen gegen den Hauptstadt-Klub herauszuspielen. Gegentore fallen oft nach Standardsituationen. Auch die TSG Hoffenheim war am vergangenen Wochenende nicht aus dem Spiel heraus erfolgreich, sondern nur durch einen Foulelfmeter sowie einem direkten Freistoß (beide von Sejad Salihovic verwandelt).

Neues Mittelfeld Ein Schlüssel für die engmaschige Hertha-Defensive ist das Mittelfeld. Dort spielen mit Hajime Hosogai (von Bayern Leverkusen gekommen), Per Skjelbred (HSV) und Tolga Cigerci (VfL Wolfsburg) drei Profis, für die ihre bisherigen Klubs keine Verwendung hatten. Die sportliche Leitung mit Manager Michael Preetz und Trainer Luhukay hatte gehofft, dass die Neuen helfen würden. Aber selbst der Trainer ist überrascht, was dort abgeliefert wird. „Es ist unglaublich, was unser Mittelfeld an Metern macht, wie die sich reinhängen in die Aufgabe“, sagte Luhukay nach dem 3:2 in Hoffenheim. Auch Alexander Baumjohann hatte als Zugang zu Saisonbeginn alle Erwartungen übertroffen und Herthas Spiel auf ein neues, schnelleres Spiellevel gehoben (bis ihn ein Kreuzbandriss in Wolfsburg stoppte).

Teamgeist Die Folge des Radikalumbaus: In Hoffenheim saßen die Recken der Vorsaison, etwa Peter Niemeyer und Ronny, auf der Bank, Peer Kluge steht schon seit Wochen nicht mehr im Kader. Die Entwicklung ist für die Aufstiegshelden sicher ein Stück weit enttäuschend – aber sie stellen sich ihren veränderten Aufgaben. Niemeyer gab nach seiner Einwechslung in Sinsheim nicht zum ersten Mal in dieser Saison den zweikampfstarken Zerstörer.

Vielseitigkeit Mit Blick auf Ronny zeigt sich eine Hertha-Qualität, über die Topteams immer, Aufsteiger allerdings fast nie verfügen: Auf der Bank Spieler zu haben, die es dem Trainer ermöglichen, auf so gut wie jede Situation zu reagieren. Stellvertretend sei die Einwechslung von Sandro Wagner und Ronny in Hannover erinnert. Wagner wurde in seiner ersten Aktion gefoult. Ronny jagte den Freistoß mit seinem ersten Ballkontakt aufsehenerregend in den Winkel, selten ist ein 1:1-Ausgleich so spektakulär gefallen. Ronny hat alle seine drei Tore als Joker erzielt.

Gegen die offensivstarken Gladbacher überraschte Luhukay mit der Aufstellung des ältesten Bundesliga-Feldspielers, Levan Kobiashvili, 36. Folge: Der spielstarke Mittelfeldspieler half mit, dass die Borussen Raffael, Max Kruse und Juan Arango gar nicht erst ins Rollen kamen. In der Woche drauf, als es gegen Meister Bayern München ging, waren wieder die laufstarken Hosogai, Skjelbred und Cigerci im Einsatz.

Entwicklung Weiter fällt auf, dass sich unter Luhukay gleich mehrere Spieler weiterentwickeln. Adrian Ramos kommt in der Bundesliga besser zurecht als im Unterhaus, wo Hertha regelmäßig auf ein gegnerisches Abwehrbollwerk zugespielt hat. Mit sieben Toren (nach zwölf Runden) ist der Kolumbianer auf gutem Wege, seine bisher beste Bundesliga-Saison zu übertreffen (2009/10 kam Ramos auf zehn Treffer). Auch Änis Ben-Hatira, Sami Allagui oder Nico Schulz profitieren davon, dass es mehr Räume gibt als im Vorjahr.

Mentale Stärke Die Negativschlagzeilen um das Privatleben einiger Herthaner hat die Mannschaft ebenso weggesteckt wie das Frusterlebnis, erstmals seit anderthalb Jahren zwei Niederlagen in Folge kassiert zu haben (2:3 beim FC Bayern, 0:2 gegen Schalke). „Wir haben uns vorgenommen, dass wir uns nicht auseinander bringen lassen“, sagte Kapitän Fabian Lustenberger zum Zusammenhalt im Kader. Auch auf persönliche Durchhänger, wie sie Thomas Kraft in den genannten Spielen hatte, antwortete der Torwart mit einer herausragenden Leistung in Hoffenheim. Alles Indizien für die mentale Stärke des Kaders.

Der Trainer Der Fixpunkt, um den das Hertha-Universum kreiselt, ist Jos Luhukay. Der Coach hatte die vergangene Trainingswoche unter das Motto gestellt: „Ich will in Hoffenheim den ersten Auswärtssieg.“ Ob am Rande des Trainings oder nach dem Essen im Mannschaftshotel, hier und da führte der Trainer Einzelgespräche. Mit dem Resultat, dass die Mannschaft eine ebenso konzentrierte wie kampfstarke Leistung hinlegte – und 3:2 gewann. „Das war unglaublich wichtig, dass wir uns für die Aufwand belohnt haben“, sagte Luhukay. Und die Bundesliga staunt über eine Hertha, die keine Superstars hat, keine XXL-Gehälter zahlt, aber mit modernem Fußball unbeirrt durch die Liga pflügt.