Fußball

Union fordert die Nummer 1 heraus

Abseits des Rasens ist der Tabellenzweite mit Köln aber schon auf Augenhöhe

Erster gegen Zweiter, der 1. FC Köln gegen den 1. FC Union – mehr geht momentan nicht in der Zweiten Liga. Es sind die beiden besten Fußballmannschaften des Bundesliga-Unterhauses, die sich heute Abend am Rhein gegenüberstehen werden (20.15 Uhr, Sport1 und Sky). Beide haben 24 Punkte in den ersten zwölf Saisonspielen geholt. Grund genug für einen Vergleich der Geißbock-Elf mit den Eisernen vor dem Spitzenspiel.

Defensive Es gilt das ungeschriebene Gesetz: Die Defensive gewinnt Meisterschaften. Legt man die vergangenen Partien zugrunde, dann sind sowohl die Kölner als auch die Berliner heiße Kandidaten auf die Nachfolge von Hertha BSC als Zweitliga-Champion. Die Berliner sind seit fünf Pflichtspielen, also 540 Minuten, ohne Gegentor. Nicht umsonst lobt Kölns Trainer Peter Stöger Union als „kompakte Einheit“, die es erst einmal zu knacken gilt. Das Innenverteidiger-Duo Fabian Schönheim/Roberto Puncec sowie die Doppelsechs mit Damir Kreilach/Baris Özbek (oder auch Michael Parensen) hat sich zum verlässlichen Block in der Mitte entwickelt.

Die Kölner wiederum haben insgesamt erst fünf Gegentore kassiert. Union-Trainer Uwe Neuhaus spricht von einem „unfassbaren Bollwerk, in diesen Bereich kommen nur noch der FC Bayern und Borussia Dortmund“. Die Abwehr vor Torhüter Timo Horn ist der Garant dafür, dass die Kölner noch ungeschlagen sind. Köln gewann 51,83 Prozent seiner Zweikämpfe, Union 52,17 Prozent. Urteil: unentschieden.

Offensive Bei Union hat sich die Ein-Stürmer-Variante durchgesetzt mit einem offensiven Trio dahinter. Die große Frage ist, wer den Gelb-gesperrten Torsten Mattuschka in der Zentrale ersetzen wird. Neuhaus hält sich noch bedeckt, nennt den Ersatzmann für den Kapitän nur „Mr. X“. Ein Kandidat ist Martin Dausch. „Ich denke, ich habe dem Trainer zuletzt gegen Aue gezeigt, dass ich Mr. X sein kann“, sagte der Ex-Aalener. Auch Benjamin Köhler kann diese Rolle nach überstandenem Magen-Darm-Virus übernehmen, sollte der Trainer ihn nicht wie gewohnt auf die linke Seite stellen. Köhler, Brandy auf rechts und Angreifer Simon Terodde zeichnen für neun Union-Tore verantwortlich, dazu hat Neuhaus mit Adam Nemec (vier Treffer) noch einen Brecher in der Hinterhand.

Wer an Kölns Offensive denkt, denkt automatisch an Anthony Ujah, Marcel Risse sowie den Bundesliga-erfahrenen Patrick Helmes. Elf der 17 Tore gehen auf ihr Konto. Um allein dieses Trio in Schach zu halten, fordert Neuhaus „eine top disziplinierte, selbstbewusste und engagierte Leistung“ seiner Mannschaft. Völlig auszuschalten dürften die Drei jedoch nicht sein. Vorteil Köln.

Fans Die Unterstützung, die die Berliner Woche für Woche erfahren, ist fast schon legendär. „Je länger es gegen Aue 0:0 stand, desto lauter wurden die Fans“, blickte Terodde zurück. Positive Anfeuerung statt Pfiffe, wenn es mal nicht nach Plan läuft, egal ob daheim oder auswärts, das zeichnet die Union-Anhänger aus. Terodde: „Auch in Paderborn hat man nur unsere Fans gehört.“

Dass dies auch in Köln der Fall sein wird, darf jedoch bezweifelt werden. Die große Mehrheit der erwarteten 50.000 Zuschauer werden den Gastgebern die Daumen drücken. Doch die Gelassenheit ist längst nicht so groß. Die Ungeduld auf den Rängen kann schnell in Unmut umschlagen. „Es sollte eine Chance für uns sein, wenn wir hinten lange gut stehen – was wir in den vergangenen Spielen sehr gut gemacht haben – und das Kölner Publikum dann anfängt zu pfeifen, weil es merkt, es läuft heute nicht so“, sagte Schönheim. Vorteil Union.

Umfeld Köln war Gründungsmitglied und der erste Deutsche Meister der Bundesliga. Allein vom Selbstverständnis sehen sich die Rheinländer immer noch als Mitglied der deutschen Eliteliga. Das Ziel hat der neue Sportdirektor Jörg Schmadtke klar formuliert: „Wir wollen natürlich aufsteigen.“ Das erzeugt zusätzlichen Druck.

Union-Trainer Neuhaus sieht den Gegner dabei jedoch nicht im Hintertreffen: „Für Köln ist es normal, mit Druck umzugehen.“ Druck, den die Köpenicker bislang nicht kennen. Zwar hat Klubchef Dirk Zingler im Morgenpost-Interview zu Saisonbeginn klar gemacht: „Wir wollen in die Bundesliga.“ Doch er fügte auch hinzu: „Das Wann steht bei uns nicht an erster Stelle.“ Soll heißen: Union kann aufsteigen, muss aber nicht. Vor diesem Hintergrund lässt es sich beim Spitzenreiter befreit aufspielen. Vorteil Union.

Trainer Dass Uwe Neuhaus für den sportlichen Aufschwung bei Union in den vergangenen Jahren steht, ist unstrittig. Der 53-jährige Westfale hat aus einem mäßigen Regionalligisten ein Zweitliga-Team geformt, das nun ganz oben anklopft. Statt auf Stars setzt er auf Teamgeist und Leidenschaft. Als akribischer Arbeiter hat er es zum dienstältesten Trainer (seit 2007 bei Union) im deutschen Profifußball gebracht.

Bei Köln hat sich Peter Stöger als Glücksgriff erwiesen. Der 47-jährige Österreicher kam zu Saisonbeginn und hat den Spielern in kürzester Zeit sein Konzept vom organisierten und schnellen Angriffsspiel vermittelt. Stöger gibt sich durchaus volksnah, man sieht ihn schon mal Straßenbahn fahren oder in der Kneipe ein Kölsch trinken. Das schafft Identifikation. Urteil: unentschieden.

Finanzen Union bestreitet das Spieljahr mit seinem bislang größten Spieleretat (ca. elf Millionen Euro). Der Verein ist praktisch schuldenfrei, weil die 15 Millionen Euro Verbindlichkeiten gegenüber Michael Kölmel mindestens bis 2025 mit Rangrücktritt versehen sind, also nur fällig werden, wenn Union ein großes Plus erwirtschaftet. Köln stellt mit 15 Millionen Euro den größten Spieleretat aller Zweitligisten, schleppt jedoch auch eine Last von 32 Millionen Euro Schulden mit sich. Schon deshalb ist der Aufstieg Pflicht. Vorteil Union.

Fazit Abseits des Rasens kann Union mehr als nur mithalten mit den Kölnern. Ob die Berliner auch in der Lage sind, die sportlichen Nachteile ausgleichen zu können, wird sich am Abend zeigen.