Fußball-Bundesliga

Square Dance auf der Tartanbahn

Aufsteiger Braunschweig feiert seinen Torschützen Domi Kumbela und den ersten Heimsieg in der Bundesliga seit Mai 1985

Klub-Präsident Sebastian Ebel platzte fast vor Stolz. Mehr als 28 Jahre musste Braunschweig warten, ehe der Eintracht endlich wieder ein Heimsieg in der Fußball-Bundesliga gelang. Eigentlich war die Pressekonferenz im Stadion an der Hamburger Straße beendet, da griff sich Ebel das Mikrofon und sprach Trainer Torsten Lieberknecht vor versammelter Journalisten-Schar direkt an. „Lieber Torsten, ich danke dir und der Mannschaft für diesen Einsatz und die unbändige Leidenschaft. Es ist einfach irre, was ihr leistet“, bekannte der Präsident über seinen Trainer öffentlich.

Das Erfolgserlebnis nach exakt 10.410 Tagen setzte enorme Emotionen frei. „Das war Ekstase pur“, jubelte Lieberknecht nach dem historischen 1:0 (0:0) gegen Bayer Leverkusen. Wenige Minuten zuvor hatte er die Tränen der Freude oder Erleichterung kurz nach dem Schlusspfiff auf dem Spielfeld nur schwer zurückhalten können. Beim zuvor letzten Braunschweiger Heimsieg in der Bundesliga am 3. Mai 1985 war Lieberknecht elf Jahre alt (2:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern).

Es war ein Triumph, der das Zeitgefühl von Lieberknecht veränderte, zumindest an diesem für die Niedersachsen so historischen Tag. „Die vier Minuten der Nachspielzeit haben sich länger angefühlt als die mehr als 10.000 Tage davor ohne Heimsieg“, schmunzelte der Trainer.

Auf die Lobeshymne des Vereinschefs antwortete Lieberknecht geschwind. Allerdings wandte er sich an die Medienvertreter aus Leverkusen und erklärte: „Das war unser Präsident. Wir sind etwas anders hier. Nur damit Sie sich nicht wundern.“ Obwohl Braunschweig mit nun sieben Punkten gerade einmal den Anschluss an den Vorletzten Nürnberg geschafft hat, ist die Stimmung ausgerechnet vor dem Prestigeduell gegen Hannover 96 am Freitag bestens. „Wir wollen den Derbysieg“, forderten die euphorisierten Eintracht-Fans nach dem Spiel immer wieder.

Zehn Spieltage lang hatte der von vielen belächelte Aufsteiger Lehrgeld gezahlt und nur vier mickrige Pünktchen gesammelt. Nach 28 Jahren Erstliga-Abstinenz musste die Eintracht bis zum elften Spieltag auf den ersten Heimsieg warten. Dann entlud sich auf den Rängen bei Domi Kumbelas verdientem Siegtor in der 81. Minute beim Großteil der 22.720 Zuschauer die Anspannung. „Wir haben bewiesen, dass wir bestehen können“, sagte etwa Braunschweigs Bester, Karim Bellarabi, eine Leihgabe von Gegner Leverkusen.

Der Torschütze gab hinterher zu: „Ein wenig Glück war dabei.“ Der Eintracht-Stürmer stolperte den Ball mit dem linken Fuß gegen das rechte Knie und drückte ihn so aus zwei Metern freistehend über die Linie.

30 Millionen für das neue Stadion

Der Sieg passte zu einer anderen Positivmeldung. Am Abend vor dem Leverkusener Gastspiel war das runderneuerte Eintracht-Stadion endgültig und komplett seiner Bestimmung übergeben worden. Mit 30 Millionen Euro hat man die in die Jahre gekommene Arena – sie wurde 1923 errichtet – fit für die Zukunft des Traditionsklubs gemacht.

Dass die durchaus erstklassig sein könnte, davon ist man in Braunschweig seit dem Sieg gegen den Champions-League-Starter überzeugt. „Das war ein Spiel, das uns richtig weitergebracht hat. Wenn wir immer bis zum Schluss hoch konzentriert sind, können wir mithalten“, sagte Deniz Dogan. Der Eintracht-Kapitän war nach dem Schlusspfiff noch Anführer einer wilden Square-Dance-Party auf der Tartanbahn. „Das gibt Selbstvertrauen“, verkündete Mittelfeldspieler Kevin Kratz in Richtung Hannover schon einmal: „Mit breiter Brust werden wir dahin fahren.“

An das Derby gegen 96 wollte Lieberknecht dabei noch gar nicht denken. Der 40-Jährige, der nach Kumbelas Tor wie ein Flummi über das Spielfeld gehüpft war, will „nun erst einmal regenerieren“ und dann die „unglaubliche Aufgabe“ in Hannover angehen.