Fußball-Bundesliga

„Es fehlt uns an Zentimetern“

Für Trainer Luhukay ist mangelnde Körpergröße ein Grund für Herthas Schwäche bei Standards

So richtig wollte Hertha-Trainer Jos Luhukay am Tag nach dem 0:2 gegen Schalke nicht über die offensichtliche Schwäche seiner Mannschaft reden. Hertha kassierte acht seiner insgesamt 14 Gegentore nach Standardsituationen. Drei allein in den vergangenen zwei Partien, die Berliner brachten sich somit um den Lohn für den betriebenen hohen Aufwand. Auf der Haben-Seite stehen nach den Spielen beim FC Bayern und gegen FC Schalke null Punkte.

„Ich ärgere mich mehr über die vergebenen Torchancen als über Standard-Gegentore. Das ist nur ein mediales Thema“, wehrte der Trainer erste Versuche ab. Vielleicht fürchtete er eine erneute Diskussion um seinen Keeper Thomas Kraft, der gegen Schalke beim Versuch, den Eckball von Aogo zu fangen, nicht rechtzeitig vor dem Torschützen Adam Szalai an den Ball kam und ins Leere flog. Ein ähnliches Missgeschick war dem Torhüter schon am Wochenende zuvor in der Münchener Arena unterlaufen.

Kollegen schützen Kraft vor Kritik

Schützend stellte sich nicht nur Luhukay vor seinen Torwart, indem er klarstellte: „Thomas Kraft hat mein vollstes Vertrauen. Wir gewinnen gemeinsam, und wir verlieren gemeinsam.“ Auch die Teamkollegen nahmen ihren Keeper aus der Schusslinie. Ein bisschen musste Johannes van den Bergh schmunzeln, als er gefragt, wurde, wie er seinem Torhüter jetzt beisteht: „Ich glaube nicht, dass er Unterstützung braucht. Er spielt doch eine gute Saison.“ Auch Kapitän Fabian Lustenberger, der schon direkt nach Abpfiff Kraft den Rücken gestärkt hatte, sah keinen Handlungsbedarf: „Ich mache mir keine Sorgen um Thomas. Er ist selbstbewusst genug.“

Doch der Fakt der vielen Gegentore nach Standards bleibt bestehen. Drei Freistöße, drei Ecken und zwei Elfmeter führten zu den Treffern gegen Hertha. Als der Trainer merkte, dass es nicht darum ging, seinen Torwart als Alleinschuldigen darzustellen, ließ er seine Abwehrhaltung fallen und analysierte die Schwäche seines Teams offen. Einen Grund sieht der Niederländer in der Körpergröße seiner Spieler: „Es fehlt uns an Zentimetern. Wir haben keine vier bis fünf Spieler mit der Länge von 1,90 Meter. Genau genommen sind mit Adrian Ramos und Sebastian Langkamp nur zwei richtige Kopfballspieler in unserem Team.“

Neben Langkamp (1,90 Meter) stand zu Saisonbeginn noch John Brooks (1,93 Meter) in Herthas Innenverteidigung. Doch der 20-Jährige kämpft sich nach seiner Armverletzung noch an den Kader heran, bekommt momentan in der U23 Spielpraxis. Sein Ersatz Fabian Lustenberger kommt auf 1,80 Meter Körpergröße. Ein Nachteil bei hohen Flankenbällen in den Strafraum nach Ecken oder Freistößen. Trotz seines jugendlichen Aussehens ist nicht anzunehmen, dass der 25-Jährige noch in die Länge schießt. Da gilt es, woanders anzusetzen.

Das hat der Trainer seinem Mannschaftskapitän in einem persönlichen Gespräch bereits erläutert: „Gegen Bayern kommt er unabhängig von seiner Größe nicht zum Kopfball gegen Mandzukic hoch, weil der Bayernstürmer seinen Ellenbogen auf die Schulter von Lustenberger drückt und ihn so am Boden hält. Da brauchen wir mehr Cleverness.“ Um den Zweikampf zu demonstrieren, schlüpft der 1,67 Meter große Luhukay in die Rolle des zwanzig Zentimeter größeren Bayern-Stürmers und stützt sich auf die Schulter eines Journalisten.

Es ist nicht bekannt, ob der 50-Jährige seinem Mannschaftskapitän die Situation ähnlich plastisch erklärte. Aber der Schweizer hat sich bereits vorgenommen, wie er den Nachteil seiner Körpergröße ausgleichen kann: „Noch aggressiver verteidigen, den Gegner gar nicht erst an den Ball kommen lassen und weniger Standards zulassen.“ Sollte das funktionieren, könnte es in der Rückrunde Mandzukic sein, der Probleme bekommt, zum Kopfball hochzusteigen. Dabei ist es für einen Abwehrspieler ungleich gefährlicher, im Strafraum zu ähnlich verbotenen Mitteln zu greifen wie für die Angreifer. Bei Stürmerfoul gibt es einen Freistoß, sieht der Schiedsrichter einen Regelverstoß des Verteidigers, pfeift er Elfmeter.

Jos Luhukay verbucht die Schwäche beim Verteidigen von Standards als Lerneffekt seines Teams. Die Qualität der Gegner in der Bundesliga ist in diesen Situationen höher als noch in der Zweiten Liga. Da erzielte Hertha nach Standards 27 Tore. Die Qualität der Berliner beim ruhenden Ball war für keinen Gegner in den Griff zu bekommen. „Das lag an unserem Freistoßexperten Ronny und Adrian Ramos als exzellentem Kopfballspieler. In der Bundesliga hat jeder Klub einen Rechts- und einen Linksfuß für solche Situationen und dazu mehrere kopfballstarke Spieler. Deswegen sind solche Momente schwer zu verteidigen“, sagte der Niederländer.

Gegenbauer beim Auslaufen dabei

Wie es im Verein um die Unterstützung für den Trainer bestellt ist, zeigte ein Detail am Rande. Hertha-Präsident Werner Gegenbauer kam ausnahmsweise zum Auslaufen der Profis und tauschte sich in Ruhe mit dem Niederländer aus. Zwei Niederlagen in Folge, erst recht gegen Rekordmeister Bayern München und Champions-League-Teilnehmer Schalke sorgen bei den Berlinern nicht für Hektik. „Wir wissen intern, dass Hertha auch dreimal hintereinander verlieren kann“, sagte der Trainer.

Richtiges Kopfzerbrechen macht Luhukay die Schwäche nach Standards nicht. Stattdessen versucht er, das Positive zu sehen. Nur sechs Gegentore ließ Hertha in elf Partien aus dem Spiel heraus zu. Wurde vor Saisonbeginn noch an der Bundesligatauglichkeit der Mannschaft gezweifelt, gibt es darüber keine Diskussionen mehr. Das Team wird auch von den Top-Mannschaften der Liga nicht auseinandergenommen und hat sich Respekt erspielt. Die Schwäche nach Standards hält der Coach für behebbar: „Wenn das wirklich unser Problem ist, haben wir ein kleines Problem.“