Geschichte

Der Moment, als die Angst vorbei war

Heute vor 30 Jahren nutzte Falko Götz ein Spiel in Belgrad, um sich in den Westen abzusetzen. Erst jetzt spricht er darüber

Den Satz seines Trainers hat Falko Götz noch heute genau im Ohr. „Also Männer“, hört er Jürgen Bogs sagen, „in einer halben Stunde sehen wir uns wieder hier am Bus.“ Es ist der 2. November 1983, als Götz den Worten lauscht und schon ganz genau weiß: „Ich werde nicht zurückkommen.“

Götz ist damals Spieler des BFC Dynamo, des Klubs, der unter der Regentschaft von Erich Mielke steht, dem Chef des DDR-Geheimdienstes Staatssicherheit. Mielkes Klub muss an diesem Mittwochabend im Europapokal bei Partizan Belgrad antreten. Am Vormittag genehmigt der Coach einen Einkaufsbummel im Zentrum. Den nutzt Götz zur Flucht in den Westen. „Es war die Gelegenheit für mich, endlich in Freiheit leben zu können“, sagt Götz, damals 21 Jahre alt.

30 Jahre ist das her. Längst ist die DDR Geschichte. Deshalb arbeitet Götz heute in Aue, seit dem Frühjahr ist er Trainer des Zweitliga-Klubs FC Erzgebirge. Er wollte lange nicht über seine Flucht sprechen, jetzt tut er es. Bislang wollte er nur nach vorn schauen und nicht zurück.

Götz wächst in Ost-Berlin auf. Er ist neun Jahre alt, als er 1971 zum BFC Dynamo kommt. Mit 14 nimmt er an einem Lehrgang teil. Den 80 Spielern wird versprochen, dass die zehn Besten auf die Sportschule dürfen. Götz wird Drittbester und abgelehnt, ohne Begründung. So spürt er früh, dass er in einem Land lebt, in dem es nicht nach Leistung geht. „In einem Land, in dem es Schranken gab“, sagt Götz. Seine Familie hat durch Verwandtschaft West-Kontakte. Damit ist sie den Oberen ein Dorn im Auge.

Flug in Mielkes Dienstmaschine

Doch Götz steckt nicht auf. Auch ohne die Förderung an der Sportschule behauptet er sich beim BFC. Er ist so gut, dass er mit 19 in die DDR-Juniorenauswahl berufen wird. Bei einem Spiel in Schweden wird er von einem Scout aus dem Westen angesprochen. Rund drei Jahre später – Götz hat in der DDR-Oberliga knapp 40 Spiele absolviert und zwölf Tore erzielt – fasst er den Entschluss abzuhauen. „Der BFC hatte sich für den Europapokal qualifiziert, und auf einer der Reisen sollte es passieren.“

Im Sommer 1983 trifft er sich mit einem Freund, der kurz vor der Ausreise in den Westen steht. Er weiht ihn in den Plan ein, den er mit seinem Mitspieler Dirk Schlegel geschmiedet hat. Der will auch weg aus der DDR. Im September tritt der BFC Dynamo im Europapokal beim luxemburgischen Meister Jeunesse Esch an. Götz ruft seinen Freund im Westen an. Doch der kann nicht kommen. Götz und Schlegel sind enttäuscht. Sie beschließen, es bei der nächsten Gelegenheit auf eigene Faust zu versuchen.

Das nächste Mal ist Belgrad. Vor der Abreise verabschiedet sich Götz von den Eltern und seinen zwei Schwestern. Tränen fließen. Falko Götz weiß, dass er seine Familie lange Zeit nicht mehr sehen wird. „Meine Eltern haben mir zum Abschied gesagt, dass sie wissen, was auf sie zukommt. Aber sie sagten auch: Junge, die größte Freude, die du uns machen kannst, ist, wenn wir dich jeden Samstag in der Sportschau sehen.“

Mit Mielkes Dienstmaschine fliegt der BFC-Tross nach Belgrad. Am kommenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, geht es mit dem Bus in die Innenstadt. Mannschaft und Betreuer werden von mehreren Stasi-Mitarbeitern begleitet. Das war üblich auf Reisen der DDR-Vereine. „Wir standen unter ständiger Beobachtung“, sagt Götz. Dass er und Schlegel sich gleich absetzen würden, ahnt niemand dieser Stasi-Leute. „Ich hatte das Gefühl, dass die noch viel mehr Lust aufs Shoppen hatten als wir. Jedenfalls waren sie nicht besonders wachsam.“

Er und Schlegel steuern einen Plattenladen an. Sie gehen durch die Regale, werfen sich einen Blick zu und verlassen dann das Kaufhaus durch einen kleinen Seiteneingang. Jetzt rennen sie. Nur nicht umdrehen. Ein Taxi, sie springen hinein. Götz sagt dem Fahrer, dass er sie bitte ganz schnell zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland bringen soll. Während der Fahrt reißen die beiden Spieler das BFC-Emblem von den Anoraks. Dem Pförtner sagen sie, dass sie DDR-Fußballer seien und um Asyl in der Bundesrepublik bitten. Nach einem Gespräch mit dem Botschafter entscheidet der, sie nach Zagreb zu bringen. Von Bodyguards begleitet geht es zum deutschen Generalkonsultat, dort erhalten sie Pässe mit falschen Namen und beschließen, auf eigene Faust mit dem Nachtzug Richtung München zu fahren.

Zunächst geht es mit dem Auto nach Ljubljana. Um kurz vor Mitternacht rollt dort der Zug los. Eine Stunde dauert die Fahrt bis zur Grenze zu Österreich. In Jesenice wirft ein Polizist kurz einen Blick auf die Pässe, hat nichts zu beanstanden. Jetzt ist es geschafft. Der Druck, die Anspannung, die Angst – alles fällt auf einmal ab. Götz und Schlegel liegen sich in den Armen. „Das war ein Moment der Freude, den ich so in dieser Form nie wieder erlebt habe“, sagt Götz heute.

Am Donnerstagmorgen erreichen die beiden München. In der „Bild“ lesen sie die Schlagzeile: „DDR-Fußballer geflüchtet“. Während Falko Götz die Freiheit genießt, greifen parallel in Ost-Berlin die Mechanismen des DDR-Regimes. Nachdem die Stasi-Mitarbeiter in Belgrad vergeblich nach ihm und Schlegel gesucht hatten, klingeln Beamte bei den Eltern und seiner Freundin. Um die Beziehung der beiden stand es vor der Flucht nicht mehr gut, ihr Kontakt wird ein halbes Jahr später abreißen. Zweimal je 16 Stunden werden Freundin und Mutter in einem Hotel in Berlin-Hohenschönhausen getrennt voneinander verhört.

Vater Gerd Götz bleibt dieses Martyrium erspart. „Noch bevor er gefragt wurde, hat er denen gesagt, dass sie doch selbst schuld seien. Ich hätte keine Wohnung bekommen und auch nicht die Zulassung zur Sportschule“, sagt Götz. Im Aufnahmelager in Gießen bitten er und Schlegel darum, ihnen einen Kontakt zu Jörg Berger herzustellen. Der inzwischen verstorbene Trainer arbeitete damals bei Hessen Kassel und war zwei Jahre zuvor ebenfalls über Jugoslawien in den Westen geflüchtet. Sie fahren nach Frankfurt und schauen sich das Bundesligaspiel der Eintracht gegen den FC Bayern an. Elf Bundesligaklubs zeigen Interesse an ihnen. Berger soll vermitteln. Sie entscheiden sich für Bayer Leverkusen. Götz erhält dort 5000 Mark Grundgehalt und 2500 für einen Job an der Kasse im Bayer-Kaufhaus. Den macht er, weil er nach seiner Flucht ein Jahr gesperrt ist.

Am 3. November 1984 erfüllt sich der Traum von der Bundesliga. Bayer tritt bei Arminia Bielefeld an. Schlegel spielt von Beginn an, Götz wird eingewechselt. Am Abend sitzen die stolzen Eltern in der DDR vor dem Fernseher und sehen ihren Sohn erstmals in der Sportschau. Für Falko Götz ist es der Startschuss für eine große Karriere. 1988 gewinnt er mit Bayer den Uefa-Pokal, er spielt danach mit dem 1. FC Köln unter Christoph Daum um die Meisterschaft und gewinnt 1993 und 94 mit Galatasaray Istanbul den türkischen Titel. Als Trainer arbeitet er in der Bundesliga unter anderem bei Hertha BSC und 1860 München. Jetzt in Aue.

„Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagt Götz rückblickend: „Ich habe die Entscheidung zu flüchten nie bereut.“ Als er 1992 Einsicht in seine Stasi-Akte erhielt, sah er sich in seinem Schritt in die Freiheit nur bestätigt. Vier Abende saß er damals über einem Berg von Akten und musste erfahren, wie sehr er bespitzelt wurde. Selbst in seinen ersten Jahren im Westen hatte die Stasi noch Agenten auf ihn angesetzt. „Ich wusste, ich hatte vor 30 Jahren alles richtig gemacht.“