Wasserball

Retter aus dem verlorenen Land

Der Ungar Andras Gyöngyösi soll die Wasserfreunde Spandau zurück zu alten Erfolgen führen

Andras Gyöngyösi steht hinter dem Wasserball-Tor. Der neue Trainer der Wasserfreunde Spandau hält eine Trillerpfeife im Mund und beobachtet gespannt, wie ein Teil seiner Mannschaft angreift und der andere mit vollem Einsatz zu verhindern versucht, dass ein Tor fällt. Wenn ihn etwas stört, unterbricht der Ungar die Aktion und erklärt geduldig, was es zu verbessern gilt. Gyöngyösi pfeift oft, die Wasserfreunde lernen ein neues Spielsystem. „Ich glaube an Defense“, erklärt er auf Englisch. Offensive gewinnt Spiele, Defensive Meisterschaften, alte Sportler-Weisheit.

Dafür haben ihn die Spandauer geholt: Titel in Serie abräumen, so wie früher. Nur im vergangenen Sommer hat die Konkurrenz vom ASC Duisburg die Berliner schön absaufen lassen, in Meisterschaft und Pokal. Schon im Mai, als sich das Debakel andeutete, hat Wasserfreunde-Präsident Hagen Stamm in Ungarn angerufen, seinen einstigen Gegenspieler in vielen deutsch-ungarischen Ländervergleichen nach Berlin eingeladen und ihm den Trainerjob in Spandau angeboten. Man war sich schnell einig.

„Ich fühle mich sehr wohl, in jeder Beziehung. Hier ist der richtige Platz für mich, um zu arbeiten und zu leben“, sagt der 45-Jährige. Aus den Worten klingt Freude über die Gegenwart ebenso wie eine Menge Traurigkeit über das Vergangene. „Ungarn“, sagt er leise, „ist ein verlorenes Land.“ 300 Euro durchschnittliches Monatseinkommen, aber Preise wie in Deutschland. Die neue Politiker-Kaste die alte, nur in demokratischer Verkleidung. Und nach oben zu kommen, ist sehr schwer. Gerade für einen wie ihn, dem Kriecherei zuwider ist. Man muss mit den Wölfen heulen. Er will aber nur arbeiten und seinen Lohn dafür haben.

Plötzlich blieb das Gehalt aus

Wie in Debrecen, seiner letzten Trainerstation. Dort führte er ein Team aus der dritten in die erste Liga. Doch mitten in der Saison blieb das Gehalt aus. Gyöngyösi fühlte sich betrogen und verließ schweren Herzens, aber konsequent das, was er aufgebaut hatte. Und schloss mit dem Kapitel Ungarn ab. Er schwor sich, das erste Angebot aus dem Ausland anzunehmen. Mit Italien hatte er spekuliert, wo er neun Jahre als Profi gespielt und sogar die Torjägerkrone gewonnen hatte. Dann klingelte das Telefon: „Hallo, hier spricht Hagen Stamm.“

Jetzt wirken alle Beteiligten glücklich. „Andras ist ein Deutschland-Fan und sehr dankbar“, sagt Stamm. Sein Trainer antwortet: „Hier funktioniert alles seriös. Heute wird dir etwas angekündigt, morgen ist es in die Tat umgesetzt.“ So kann man arbeiten. Jetzt will er das Vertrauen zurückgeben, nach dem mit einem 17:4 prächtig gelungenen Saisonstart gegen Neukölln auch heute (16 Uhr, Schwimmhalle Schöneberg) gegen Bayer Uerdingen klar gewinnen. Obwohl mit Erik Miers (Fingerbruch) ein Nationalspieler wochenlang fehlen wird.

Das Team ist stark genug. Auch, weil Routiniers wie Marc Politze oder Fabian Schrödter ihre Pläne vom Karriereende ad acta gelegt haben, noch ein Jahr unter dem neuen Trainer weitermachen. „Die Älteren sind wichtig für unsere jungen Spieler, sie sind hochmotiviert. Die Deutschen sind bereit, hart zu arbeiten.“ Genau seine Mentalität. Und die Mannschaft sei „besser, als ich erwartet hatte“. Natürlich, es gibt nicht so viele Talente wie in Ungarn. „Man nennt uns die Brasilianer des Wasserballs“, sagt er stolz über das Land des neunmaligen Olympiasiegers, „da schießen die Talente wie Pilze aus dem Boden.“ So ganz abgeschlossen ist das Kapitel wohl doch noch nicht. Zumindest dieses nicht.