Bundesligageschichte

Mit einer Lüge in Nürnberg fing der Wahnsinn an

Vor 50 Jahren wurde der erste Bundesligatrainer gefeuert

Für Herbert Widmayer war die Welt ganz einfach. Er unterteilte die Menschen, die ihn umgaben, in „Experten“ und „Osterhasen“. Also muss er froh sein, dass sich die Welt nicht für den Osterhasen entschied, als es einen Spitznamen für ihn zu finden galt. Nein, Herbert Widmayer war spätestens nach dem Gewinn der deutschen Fußball-Meisterschaft 1961 mit dem 1. FC Nürnberg für jedermann nur „der Experte“. In die Geschichte ging er aber aus einem anderen Grund ein: Am Mittwoch vor exakt 50 Jahren wurde der erste Bundesligatrainer entlassen – und es traf ihn.

Die neue Liga hatte schon einiges erlebt an den ersten neun Spieltagen ihrer jungen Historie: die ersten Tore, Eigentore, Elfmeter, Beinbrüche und Platzverweise, doch die Trainer saßen alle noch auf ihrer Bank – wie es sich in der damaligen Zeit gehörte. „Wir gehören doch nicht zu den blöden Leuten, die ihren Trainer während der Saison davonjagen“, sagte Nürnbergs Vereinspräsident Karl Müller scheinheilig. Doch als diese Worte am 31. Oktober 1963 gedruckt erschienen, war der Trainer Widmayer beim „Club“ schon Geschichte. Die Zeitungen hatten das Ende der Vorstandssitzung nicht mehr mitbekommen, aber die Redakteure waren ruhig schlafen gegangen nach diesen Beteuerungen.

Nürnberg hatte damals vier Spiele in Folge verloren, und nach dem 0:5 auf eigenem Platz gegen den 1. FC Kaiserslautern wurde Widmayers Frau beim Metzger angefeindet: „Was? Fressen will die Sau auch noch?“ Das Telefon klingelte nachts Sturm, und der Opel Rekord des Trainers wurde demoliert. Es gab aus heutiger Sicht gute Gründe, den Trainer zu entlassen, trotzdem titelte das „Sport Magazin“ damals: „Musste das sein?“

Wehmütige Abschiedsrede

Kapitän Ferdinand Wenauer hielt im Namen der Mannschaft eine kleine Abschiedsrede: „Uns ist das peinlich, aber wir können nichts daran ändern. Wir haben Achtung vor Ihnen, und wir danken Ihnen mit Wehmut im Herzen.“ Ob Philipp Lahm so etwas zu Louis van Gaal auch gesagt hat? Widmayer jedenfalls, so ist es überliefert in Wenauers Buch „Alle meine Trainer“, antwortete gerührt: „Jungs, wenn euch einmal im Leben so etwas passiert wie mir heute, dann tragt es mit Haltung.“ Dann flossen Tränen in der Nürnberger Kabine. Die erste von mittlerweile 392 Trainerentlassungen in der Bundesliga (Rücktritte eingerechnet) hatte noch etwas von Königsmord, und keiner fühlte sich wohl dabei.

Wie ging es weiter nach dem Sündenfall? In der Premierensaison wagten nur noch Schalke 04 und der Hamburger SV den Rauswurf, aber erst als die Spiele quasi schon vorüber waren. Vier Jahre dauerte es, ehe der Karlsruher SC als erster gleich zweimal den Trainer wechselte. Hertha BSC brach den Rekord 1990/1991 und feuerte gar drei Trainer, um schließlich dennoch als Letzter abzusteigen. Am häufigsten erwischte es Felix Magath, der sechsmal entlassen wurde und zweimal freiwillig ging.

Der Rekord für eine Saison steht mittlerweile bei 14 (!) Trennungen, verbrochen vor zehn Jahren (2003/2004). Ungekrönter Meister in dieser Disziplin ist mit 25 Entlassungen übrigens Schalke 04, das in der Bundesliga bekanntlich nie Meister wurde. Ob das wohl Zufall ist?

Und Herbert Widmayer? Der ging zum Deutschen Fußball-Bund und wurde im Sommer 1974, umzingelt von lauter Experten, an Helmut Schöns Seite Weltmeister.