Motorsport

Indiens Problem mit dem weißen Elefanten

Steuerstreit kann zur Absage des Formel-1-Rennens führen. Vettel würde kampflos Champion

Mit der U-Bahn haben sie schon angefangen. Drei Wochen vor dem Großen Preis von Indien am Sonntag (10.30 Uhr MEZ) hat das Ministerium für urbane Entwicklung dem Ausbau des Metronetzes von Delhi bis in den südlichen Vorort Greater Noida zugestimmt, wo sich der Buddh International Circuit majestätisch über die Bretterbuden erhebt. Noch säumen zig Baustellen den Weg, aber in zwei Jahren sollen Formel-1-Fans bequem im Schnellzug vorfahren. Wahrscheinlich wird dann aber kein Rennauto mehr seine Runden drehen.

Als der Weltverband Fia jüngst den Rennkalender für 2014 verabschiedete, fehlte der Grand Prix im Riesenreich. Dabei läuft der Vertrag, der vor der Premiere 2011 mit Chefpromoter Bernie Ecclestone ausgehandelt wurde, bis 2015 – mit Option bis 2020. „Wir haben 300 Millionen Euro in den Bau investiert“, sagt Sameer Gau, der Chef der Betreibergesellschaft Jaypee Sports: „Es wird dauern, bis sich diese Investitionen rechnen.“ Doch so viel Zeit gibt die Formel 1 mitunter nicht.

Ecclestone wollte das Gastspiel in Indien ins erste Saisondrittel ziehen. Das hätte zwei Rennen in sechs Monaten bedeutet – für die Ausrichter ein nicht zu leistender Kraftakt. Nicht nur Vicky Chandhok schwant nun: „Wenn du mal ein Rennen verlierst, kann es für immer verschwunden sein“, sagt der Präsident des indischen Motorsportverbandes.

Bei der Premiere 2011 flanierte Ecclestone strahlend durch die Boxengasse, Bauchtänzerinnen schwangen die Hüften für die 95.000 Zuschauer. Die Verlockungen des Marktes in einem Land, das nach Expertenschätzungen in 15 Jahren China als bevölkerungsreichste Nation der Welt abgelöst haben wird, ließen die Rennställe wohlwollend über Stromausfälle in den Boxen und Ratten in ihren VIP-Logen hinwegsehen. Keine zwei Jahre und einige Steuerbescheide später ist die Liebe erkaltet. Im Gegensatz zu Rennen in Bahrain, Singapur und Abu Dhabi, sondern von einem privaten Konsortium. Das erlaubt es den indischen Behörden, nicht wie anderswo nur den Gewinn der Teams und der Fahrer zu besteuern, sondern ihren Umsatz. Das hat die Teams in den vergangenen zwei Jahren 30 Millionen Euro gekostet.

Im Gegensatz zu Deutschland, Belgien oder Italien, deren Rennen den Teams ebenfalls wenig konkret messbaren monetären Ertrag bringen, fehlt Jaypee Sports die nötige Infrastruktur und wohl auch das Kleingeld, um das Topevent auf dem Kurs großformatig zu bewerben. Von den knapp 100.000 Tickets soll erst ein Fünftel verkauft sein. Dabei haben die Veranstalter die Eintrittspreise schon auf unter 20 Euro gesenkt. Das ist immer noch ein Viertel des durchschnittlichen Monatsverdiensts.

Gerichtshof entscheidet am Freitag

Die Refinanzierung stockt daher sehr. Die privaten Organisatoren sollen dem Fiskus Steuern in Millionenhöhe schulden, daher wird Indiens Oberster Gerichtshof am Freitag über einen Antrag entscheiden, ob das Rennen überhaupt wie geplant stattfinden darf. Bei einer Absage würde Sebastian Vettel kampflos zum vierten Mal Weltmeister in Folge (bei einer Austragung reichte ihm Platz fünf). Verbandschef Chandhok hält das alles jedoch nur für Drohgebärden: ,„Das ist Teil des demokratischen Prozesses in Indien, im Cricket passiert das häufig, aber das wird die Veranstaltung nicht betreffen.“ Der Buddh International Circuit würde sonst ja, noch bevor er endgültig ins Stadtbild eingefügt ist, zum „weißen Elefanten“ werden, zum steinernen Millionengrab.