Interview

„Der Trainer muss sich immer durchsetzen“

Paul Breitner verteidigt Guardiolas Elfmeter-Order

Der Blick richtet sich beim FC Bayern bereits auf das Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen Viktoria Pilsen (20.45 Uhr, ZDF und Sky), doch ein Thema wurde in München auch am Montag noch heiß diskutiert: Das Machtwort von Pep Guardiola, der Arjen Robben beim Stand von 3:1 die Ausführung eines Elfmeters mit Nachdruck untersagte und stattdessen Thomas Müller zum Punkt beorderte – was den Niederländer Robben kurzzeitig mächtig in Rage brachte. Stefan Effenberg übte heftige Kritik an der Entscheidung des Bayern-Trainers. „Das möchtest du als Spieler nicht vor 80.000 Zuschauern erleben. Das ist eine schlimme Situation. Man muss solche Entscheidungen begründen, das ist Pflicht.“ Morgenpost-Mitarbeiter Florian kinast sprach mit Paul Breitner, Markenbotschafter des FC Bayern, der einst selbst viele Elfmeter schoss – den wichtigsten im WM-Finale 1974 zum 1:1 gegen die Niederlande (Endstand: 2:1).

Berliner Morgenpost:

Herr Breitner, haben Sie eine Erklärung, warum Pep Guardiola Arjen Robben beim Elfer zurückpfiff? Bei 3:1, zehn Minuten vor Schluss?

Paul Breitner:

Wieso denn zurückpfeifen? Davon kann keine Rede sein. Wenn für Guardiola Thomas Müller der Elfmeterschütze Nummer eins ist, dann ist das nur konsequent. Es ist absolut richtig und notwendig, dass der Trainer seine Anweisungen durchsetzt. Egal wann, egal bei welchem Spielstand. Damit will er das gelten lassen, was für ihn immer schon gegolten hat. Punkt. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Es sah es fast schon nach einer Demütigung für Robben aus, vor 80.000 Menschen so bloßgestellt zu werden.

Das spielt keine Rolle. Es gibt hier ganz klare Richtlinien, die einzuhalten sind. Es gibt einen ersten Elfmeterschützen und einen zweiten. Das legt der Trainer vorher fest, das wird auch so umgesetzt. Nur wenn sich der erste Schütze nicht wohl fühlt oder leicht angeschlagen ist, dann ist der zweite an der Reihe. Fertig. Dann kann auch der erste Schütze zum zweiten gehen und sagen: „Schieß du!“ Das ist in jeder Mannschaft so.

Robben wäre es sicher ein Bedürfnis gewesen, genau 17 Monate nach dem versemmelten Elfmeter gegen Chelsea endlich wieder einen Strafstoß schießen zu dürfen.

Entschuldigung, aber es gibt so viele Geschichten im Arbeitsalltag, wo ein Team zusammenarbeitet, wo es nicht auf persönliche Befindlichkeiten ankommt. Da kann auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden. Es kommt nur auf den Erfolg an, auf nichts anderes. Wir sehen doch, dass sich Pep auch bei diesem Spielstand Gedanken macht, dass ihm auch dieses Tor wichtig ist. Es heißt ja nicht, dass Arjen den Ball garantiert nicht reingebracht hätte. Nur geht es in diesem Geschäft um jedes einzelne Tor, da kannst du nicht sagen: „3:1, das passt schon". Nein, Guardiolas Entscheidung war logisch und notwendig.

In Ihrer Zeit als Spieler gab es die Festlegung des Trainers auch schon?

Klar. Als ich 1978 zu den Bayern zurückkam, war ich als Nummer eins gesetzt.

Gut, aber 1974 war das doch anders. Da haben Sie sich im WM-Finale gegen die Niederländer auch eigenmächtig den Ball geschnappt und sind unbeirrt zum Punkt gegangen. Was war da mit der Absprache?

Das stimmt, da war kein Elferschütze festgelegt. Vor dem Spiel hieß es, falls wir einen Elfmeter bekämen, würden sich Franz Beckenbauer und Helmut Schön kurz absprechen. Aber Schön zauderte, ich glaube, er war froh, dass ihm einer die Entscheidung abnahm. Uli Hoeneß hatte zuvor gegen Polen verschossen, Gerd Müller wollte genauso wenig wie der Franz. Also nahm ich mir den Ball und ging zum Punkt. Allerdings war ich ab diesem Zeitpunkt wie in Trance, was dann passierte, weiß ich bis heute nicht. Wolfgang Overath erzählte mir später einmal, er sei kurz vor dem Elfer noch zu mir gekommen und hätte mich gefragt, ob ich mir wirklich sicher sei.

Und was haben Sie ihm geantwortet?

Weiß ich auch nicht mehr. Nur er, der Rheinländer, meinte, ich hätte in tiefstem Bairisch so etwas gesagt wie: „Den hau i jetzt nei. Und jetzt schleich di.“