Champions-League

Man spricht Deutsch

Beim FC Arsenal herrscht dank Özil, Mertesacker und Gnabry Euphorie. Heute gegen Dortmund

Am Dienstagabend wird es wieder voll bei Andy Hovle. Der FC Arsenal empfängt Borussia Dortmund zum Champions-League-Duell (20.45 Uhr, Sky), das Bier wird literweise aus dem Hahn des „Gunners Pub“ im Schatten des Highbury-Stadions fließen. Neu dabei: Andys Besucher können jetzt zwischen Guinness und Beck’s wählen.

Der FC Arsenal ist deutsch geworden, nicht nur hinter Hovles Tresen. In Mesut Özil, Per Mertesacker, dem derzeit verletzten Lukas Podolski und den Talenten Serge Gnabry und Thomas Eisfeld gehören fünf Deutsche zum Profikader, mehr als bei jedem anderen ausländischen Klub aus Europas Spitzenligen.

Spätestens seit dem Transfer von Özil und dem sensationellen Einstand von Gnabry, der bei seinem zweiten Einsatz von Beginn an den Weg zum Auswärtssieg über Swansea ebnete, sind sie bei Arsenal verliebt in die Deutschen. Als Podolski im Sommer bei der Werbetour durch Asien einen Videoclip mit etwas eigenartigen Grunzlauten drehte, füllte das in England Fernsehsendungen. Der Ausstoß „Aha“ gilt auf der Insel seither offiziell als „Poldi-Noise“. Englands derzeit beste Mannschaft verdankt ihren Erfolg einer Handvoll Deutscher – und die Anhänger feiern die einst als „Krauts“ Verteufelten auch noch.

Der Mann, der diese wundersame Annäherung möglich gemacht hat, strahlt viel in diesen Tagen. „War Serge überhaupt schon geboren, als ich Trainer bei Arsenal wurde?“, fragte Arsène Wenger kürzlich grinsend, als er auf den 18 Jahre alten Senkrechtstarter aus Baden-Württemberg angesprochen wurde. War er. Der Sohn eines Nationalspielers der Elfenbeinküste und einer Deutschen hatte gerade den ersten Geburtstag hinter sich, als der Mann aus dem Elsass 1996 anfing, den angestaubten FC Arsenal zu einem Klub von Weltformat umzubauen. Es kamen Dennis Bergkamp, Thierry Henry und Robert Pires, und mit ihnen etablierte Wenger einen Fußball, der als stilbildend in Europa galt.

Für Wenger ein Befreiungsschlag

Doch nach fetten Jahren mit Meisterschaften und Pokalsiegen blieben die Triumphe irgendwann aus. Seit acht Jahren wartet der 18-malige Meister nun auf einen Titel. Der Druck auf Wenger wuchs. In England warfen ihm Kritiker falsche Transferpolitik und einen schlechten Draht zu jungen Spielern vor. Erst die Verpflichtung Özils, den der 63-Jährige in einem Telefonat vom Projekt Arsenal überzeugte, ließ sie verstummen. Eine enorme Genugtuung.

Mit der deutschen Welle ist jene Effektivität nach Nord-London geschwappt, für die die Bundesligaklubs lange gefürchtet waren. Wirklich glanzvoll waren die Auftritte in dieser Saison selten. Trotzdem gehen die Briten als souveräner Spitzenreiter der Gruppe ins Duell mit Dortmund, erstmals seit 2009 stehen sie auch in der Premier League wieder auf Rang eins. Vor Chelsea oder Manchester City, die mit Hilfe der Millionen vom Mäzenen in den vergangenen Jahren vorbeigezogen waren.

„Sollte Arsenal am Saisonende wirklich etwas gewinnen, gibt es in London die Party aller Partys“, glaubt Jens Bellmann, der Präsident des deutschen Fanclubs „Arsenal Germany“, der mittlerweile 300 Anhänger zählt, die zu den Heimspielen ihrer Lieblinge reisen. „Vor anderthalb Jahren waren wir noch 70“, erinnert sich Bellmann. Dann verpflichtete Arsenal Lukas Podolski für sieben Millionen Euro Ablöse.

Größere Transfers waren nicht möglich. Arsenal plagen seit dem Umzug von Highbury ins Emirates-Stadion vor sieben Jahren 300 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Trotz hoher Erlöse für Robin van Persie (29 Millionen) und Cesc Fabregas (34 Millionen) war Arsenal jahrelang zu einem moderaten Kurs gezwungen. Viermal Vierter und dreimal Dritter sind die Londoner seit dem Umzug geworden, in der Champions League scheiterten sie stets früh.

„Spätestens mit Mesut Özil hat ein absoluter Hype begonnen“, erzählt Christian Mader. Der Blogger betreibt die größte deutschsprachige Arsenal-Internetseite und registriert seit geraumer Zeit wachsende Zugriffszahlen aus Großbritannien: „Er ist momentan der letzte Schrei in London. Die Zeitungen schreiben sogar vom Messias.“

Auch im „Gunners“-Fanshop hat die Euphorie um den Spielgestalter, der für die Arsenal-Rekordablöse von 50 Millionen Euro von Real Madrid kam, zwischenzeitlich überirdische Züge angenommen. In der ersten Stunde nach der Verpflichtung verdiente der Klub 100.000 Euro nur mit dem Verkauf von Özil-Trikots, schon jetzt sind die Jerseys mit Nummer 11 bei Heimspielen am häufigsten zu sehen. Binnen kürzester Zeit hat sich der 25-Jährige an die Spitze der Scorer-Liste der Premier League gesetzt, Wenger schwärmte kürzlich: „Wer Mesut auf dem Feld sieht und sich nicht in ihn verliebt, hat keine Ahnung von Fußball. Mesut ist ein Traum, alles, was er macht, ist klasse, aber schaut sehr einfach aus. Er ist ein geborener Weltklassefußballer.“

Zwei Berliner auf dem Sprung

Arsenals Nachwuchsakademie ist nach deutschem Vorbild organisiert, vom Teenageralter an wird hier Hochbegabten nach Wengers Ideologie technisch sauberer Kurzpass- und Tempofußball beigebracht. Alle Mannschaften spielen in der 4-2-3-1-Formation, in der auch die Profis seit Jahren auflaufen. In Leander Siemann und Gedion Zelalem trainieren auch zwei Berliner Teenager für den Sprung ins Profiteam, vor allem Zelalem wird künftig Großes zugetraut. „Es ist unglaublich, was er spielt“, schwärmt Fanklubpräsident Bellmann: „Er ist wie Özil in jung.“