Fußball

Spiel gegen die eigene Vergangenheit

Trainer Jos Luhukay und fünf weitere seiner Hertha-Spieler standen einst selbst in Diensten des kommenden Gegners Mönchengladbach

Günter Netzer, Jupp Heynckes, Herbert Wimmer, Alan Simonsen, Henning Jensen – er hat sie alle gesehen. Als Acht-, Neunjähriger verfolgte Jos Luhukay regelmäßig die Spiele von Borussia Mönchengladbach. 28 Kilometer liegen Venlo, die niederländische Geburtsstadt von Luhukay, und Gladbach auseinander. Im 14-Tage-Rhythmus chauffierte der Vater oder ein Onkel den kleinen Jos eine halbe Stunde über die Autobahn, Ziel war stets der Bökelberg. „Man konnte ihnen sehr gut zuschauen“, erinnert sich Luhukay, „Gladbach hat immer offensiv gespielt.“

Am Sonnabend trifft Luhukay, mittlerweile Trainer von Hertha BSC, am neunten Bundesliga-Spieltag auf Gladbach, auf jenen Verein, den er in seiner Jugend verehrt hat. Und es gibt keinen Gegner im laufenden Spieljahr, von dem so viele Gene im aktuellen Hertha-Jahrgang stecken wie eben von der Borussia.

Kluge freut sich auf Hans Meyer

Da ist Peer Kluge, mit 32 mittlerweile ein Routinier, dem das Wort Mönchengladbach sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubert. „Für mich ist das ein besonderes Spiel“, sagt Kluge. „die Bundesliga und ich, das hat in Gladbach angefangen.“ Als 18-Jähriger wechselte er 2001 zur Borussia und trug sechs Jahre das „Fohlen“-Trikot. Er freut sich auf ein Wiedersehen mit Manager Max Eberl, damals ein Mitspieler, oder Hans Meyer, heute Präsidiumsmitglied der Borussia, sowie den Ex-Kollegen Filip Daems und Christofer Heimeroth.

Auch andere Herthaner haben ihr Rüstzeug am Bökelberg erworben. Etwa Marcel Ndjeng und Alexander Baumjohann, die von 2007 bis 2009 dort unter Vertrag standen. Oder Tolga Cigerci, der vom VfL Wolfsburg an Mönchengladbach und Trainer Lucien Favre ausgeliehen war. „Das war eine gute Zeit“, sagt Cigerci, der seit Anfang September bei Hertha unter Vertrag steht. „Ich habe unter Favre viel gelernt, das war eine wichtige Station. Aber Sonnabend will ich helfen, dass wir Gladbach schlagen.“

Johannes van den Bergh, Linksverteidiger bei Hertha, hat abgesehen von einer zweijährigen Unterbrechung von 1996 bis 2009 für die Borussia gespielt. Unumwunden räumt er ein: „Es kommen Freunde aus Mönchengladbach, die sich das Spiel und Berlin anschauen wollen. Ich kenne noch einige Spieler aus der Mannschaft. Klar ist das ein besonderes Spiel.“

Bleibt die Frage, was das Gladbach-Gen ausmacht. Luhukay schlägt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. „Als Junge habe ich das natürlich nicht gesehen“, sagt Luhukay, „aber in den Siebzigern war Gladbach eine Klassemannschaft mit herausragenden Nationalspielern, die in ihrer Zeit einen sehr modernen Fußball gespielt hat. Es wurde gut gegen den Ball gearbeitet und blitzschnell gekontert.“

Gladbach war im Sommer 2008 für Luhukay dessen erste Bundesliga-Station als Trainer. „Überall in Deutschland, wo wir hingekommen sind, gab es Borussia-Fans. Diese Sympathie stammt aus den Siebzigern.“ Damals war nicht nur Günter Netzer mit seinem wehenden Haar ein Ikone der Popkultur. Der Verein erlebte als ewiger Antipode zum FC Bayern seine erfolgreichste Phase mit fünf Deutschen Meisterschaften, einem DFB-Pokalsieg (1973) und zwei Uefa-Cup-Triumphen (1975, 1979).

Luhukay, vor fünf Jahren in Gladbach ein noch unbeschriebenes Blatt der Trainer-Zunft, wurde nach dem Aufstieg und einem misslungenen Start in die Bundesliga-Saison im Herbst 2008 entlassen. „Das war eine wichtige Erfahrung“, schaut er zurück. „Natürlich war das unangenehm, wenn der Druck auf die eigene Person immer größer wird.“ Auch das ein Merkmal rings um den Borussia-Park: Die Erinnerung an glorreiche Zeiten führte in Gladbach häufig zu hohen Erwartungen. Van den Bergh, der übrigens ein Haus besitzt an jener Stelle, wo einst die Haupttribüne des Bökelbergs stand, sagt: „Gladbach hat lange Zeit gebraucht, um nach Rückschlägen und Abstiegen Konstanz reinzubekommen. Mittlerweile ist der Verein aber wieder in der Liga etabliert. Das ist etwas, was sich Hertha abschauen kann: Dass wir Konstanz hinbekommen, um in Berlin in den nächsten zwei, drei Jahren eine ähnliche Entwicklung nehmen zu können.“

Lucien Favre, ebenfalls seit Jugendtagen ein Borussia-Verehrer, interpretiert den modernen „Fohlen“-Stil: Defensiv steht das Team des Schweizer Trainers sicher. Gladbach wird nicht nervös, selbst wenn der Gegner längere Zeit in Ballbesitz ist. Das Pressing ist ausgeprägt. Und in der Offensive mit Raffael, Max Kruse, Juan Arango und Patrick Herrmann ist jeder Spieler in der Lage, allein ein Spiel zu entscheiden. „Wir müssen hochkonzentriert sein und viel Geduld haben“, ahnt Luhukay.