DFB-Team

Revanche mit Wut im Bauch

Das 4:4 im Hinspiel gegen Schweden hinterließ in Deutschland Spuren und spornt DFB-Elf an

Sie wirken locker und gelöst, als sie am Montagmittag in Stockholm landen. Hinter den Spielern der deutschen Nationalmannschaft liegt ein gut anderthalbstündiger Flug und ein freies Wochenende, das ihnen der Bundestrainer für die erfolgreiche WM-Qualifikation spendiert hatte. Rein sportlich ist das letzte Gruppenspiel am Dienstagabend (20.45 Uhr, ZDF) zwar nicht mehr von Bedeutung, sieht man mal davon ab, dass die deutsche Mannschaft die Qualifikation gern ohne Niederlage überstehen möchte. Da ist etwas ganz anderes, um das es geht. Es geht um das Hinspiel aus dem Oktober 2012, dieses unfassbare 4:4 von Berlin, das die deutsche Mannschaft und ihren Trainer Joachim Löw umtreibt; besser: antreibt.

Es ist die Lust auf eine Revanche für einen Fußball-Abend, der damals so brillant für Deutschland begonnen hatte und in einem Fiasko geendet war. „Wir gehen mit einer kleinen Portion Wut in das Spiel“, beschreibt deshalb Bundestrainer Löw die Gefühlslage im DFB-Tross. Thomas Müller spricht von einer „offenen Rechnung“, die man begleichen wolle. Bastian Schweinsteiger, der in Stockholm sein 100. Länderspiel bestreiten wird, sagt: „Wir wollen zeigen, dass wir besser sind als Schweden.“

Nur ein Betriebsunfall

Sie sind sich erstaunlich einig darin: Auf dem Weg zur WM nach Brasilien, für die sich der Gruppenzweite Schweden über die Relegation erst noch qualifizieren muss, sollen die Skandinavier zu spüren bekommen und am besten die ganze Welt erfahren, dass das Remis nach 4:0-Führung im Hinspiel nur ein bedauerlicher Betriebsunfall war. Kaum ein anderes Länderspiel der vergangenen Jahre spukt in diesem Maße in den Köpfen der Spieler herum, über kaum ein anderes haben die Fans länger diskutiert und mehr gestaunt.

Da hatten sie eine Stunde lang getrickst und gezaubert und die Schweden mit ihrem Superstar Zlatan Ibrahimovic wie eine Thüringer Landesauswahl aussehen lassen. Die Skandinavier lagen wie Schweden-Happen auf dem Präsentierteller vor den 76.000 im Olympiastadion und wurden von den deutschen Spielern filetiert. Die Tore von Miroslav Klose (2), Per Mertesacker und Mesut Özil aber sollten nicht zum Sieg reichen.

„Es war ein erstaunliches Spiel, weil wir mehr als eine Stunde lang überdurchschnittlich gut gespielt haben. Das war wirklich überragend“, sagt Joachim Löw. Noch in den Tagen nach dem Spiel sei es ihm mit seinem Trainerteam schwer gefallen, das Ganze zu erklären. Die Schweden hatten ihre Rückkehr ins Spiel damals mit ihrem Einsatzwillen erklärt – und mit Zlatan Ibrahimovic. Ihr Star, der am Dienstag gelbgesperrt zuschauen muss, sei in der Halbzeitpause vor seine Mitspieler getreten und habe an die Ehre appelliert, hieß es. „Wir schaffen die Wende noch“, soll der exzentrische Stürmer gewettert haben.

Niemand weiß, ob das wirklich so war, aber es machte das, was auf dem Rasen geschah, irgendwie erklärbar, zumindest für die einen. Denn Fakt ist, Ibrahimovic selbst ging voran. Nach dem vierten deutschen Tor durch Özil, der in der 56. Minute traf, verkürzte Ibrahimovic sechs Minuten später auf 1:4. Es war so etwas wie die Initialzündung für eine der spektakulärsten Aufholjagden im Fußball: In der 64. traf Lustig, in der 76. Elmander und in der dritten Minute der Nachspielzeit schließlich noch Elm. Es waren 31 Minuten, in denen die deutschen Mannschaft aus dem Himmel in die Hölle hinab fuhr.

„Sagenhaft, Schweden. Die Urkraft bei der Auferstehung war unfassbar“, titelte die schwedische Zeitung „Svenska Dagbladet“ am Tag danach. „Aftonbladet“ schrieb von einem Spiel, „das wie ein Traum für alle Schweden war“. Für das deutsche Team aber blieb nur Hohn und Spott. Einige internationale Medien nahmen sogar Bezug auf die Politik und die Krise in der EU. „Ibrahimovic stachelte seine Leute zu einer sozialen Revolte an, die sogar die Proteste gegen die Besuche von Angela Merkel in Euro-Krisenstaaten in den Schatten stellte“, schrieb „El Mundo“ aus Spanien. Ebenso deutlich wie heftig waren die verbalen Ohrfeigen für das am Ende so schlampige Defensivverhalten. Von einer katastrophalen deutschen Abwehr war überall die Rede. „Wie unglaublich das Spiel war“, schrieb der Schweizer „Blick“, „zeigt die Tatsache, dass Schweden exakt viermal aufs Tor schoss und jedes Mal traf. Goalie Manuel Neuer hielt tatsächlich keinen einzigen Ball.“ Noch heute möchte der Schlussmann des FC Bayern über dieses Spiel nicht sprechen.

Joachim Löw tut es. Er glaubt, Antworten auf die Frage gefunden zu haben, die ihn so lange beschäftigten. In stundenlangen Videoanalysen hat er versucht, Dinge herauszufiltern, Fehler zu entdecken. „Wir waren definitiv nicht clever genug. Da fällt das erste Gegentor, dann fällt das zweite, und plötzlich wurde die Verunsicherung immer größer“, sagt der Bundestrainer. „Wir haben nicht an unserer Spielweise festgehalten. Wir haben nur noch mit hohen Bällen operiert. Niemand hat Verantwortung übernommen, die Spieler haben nicht einmal mehr miteinander geredet. Das ist extrem aufgefallen.“ Daran müsse er mit der Mannschaft vor allem im Hinblick auf die WM in Brasilien noch arbeiten.

Schwächen in der Defensive

Denn nicht nur im Spiel gegen die Schweden war deutlich geworden, was der Schwachpunkt der DFB-Auswahl ist: Das Abwehrverhalten. Selbst in den vergangenen drei Länderspielen, die das Team ohne Gegentor gewonnen hat, fiel auf, dass die deutsche Mannschaft unsortiert wirkt. Und die Offensivkräfte setzen oftmals nicht energisch genug nach. Ob die deutschen Nationalspieler lernfähig sind, können sie in der neuen Stockholmer Arena beweisen und gleichzeitig ein deutliches Signal für die Konkurrenten bei der Weltmeisterschaft in Brasilien setzen.