EHC Eisbären

Meister am Tiefpunkt

Eisbären suchen verzweifelt einen Ausweg aus der Talfahrt, halten aber an Trainer Tomlinson fest

War alles umsonst? „Reden hilft nicht“, sagte André Rankel. Da kam er gerade aus der Kabine, gut 20 Minuten hatten er und seine Kollegen vom EHC Eisbären dort verbracht. Gemeinsam mit Trainer Jeff Tomlinson und Manager Peter John Lee. Hinter verschlossenen Türen. Es wurde geredet, deutlich sogar. Damit endlich alle verstehen, was da gerade läuft. Der Meister stürzt ab, am Sonntag, nach dem 2:4 vor eigenem Publikum gegen Straubing, wurde der Tiefpunkt erreicht: Die Eisbären, siebenmaliger Champion der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in den vergangenen neun Jahren, sind am elften Spieltag auf dem letzten Tabellenplatz angekommen.

Wahrscheinlich tat das Reden in diesem Augenblick doch ganz gut. Viele Gesichter waren fahl nach dem Verlassen der Kabine, in einigen ließ sich deutliches Entsetzen ablesen. Gerade so, als käme alles nun ziemlich überraschend. Was darauf hindeutet, dass die Probleme der vergangenen Wochen nicht immer ganz ernst genommen worden sind von allen. „Wir müssen jetzt auch Klartext reden“, sagte Verteidiger Jens Baxmann. Das wurde getan. Und nun?

Mit der Kuschelkrise dürfte es vorbei sein. Sieben der vergangenen neun Spiele wurden verloren, doch Jeff Tomlinson, der im Sommer die Nachfolge von Don Jackson antrat, setzte auf Freiräume und positive Gespräche. Es schien sogar zu wirken, am Freitag zeigten sich die Berliner in Augsburg kämpferisch, gewannen 4:3 nach Penaltyschießen. Jetzt herrscht Ratlosigkeit, Leidenschaft und Emotionen konnten nicht in das nächste Spiel übertragen werden. „Die Frage ist: Warum ist das so?“, sagt Baxmann. Antworten findet er keine. Dem Trainer geht es genauso.

Der sagte, dass er enttäuscht sei. „In meinen Augen hat der Trainerwechsel nicht viel geändert“, erzählte er noch. Jackson war super-erfolgreich gewesen, fünf Meistertitel in sechs Jahren. Nun Letzter, obwohl er kaum etwas anders macht. Als Tomlinson anfing, sagte er schon, dass die Spieler nun Dinge lernen müssten, die sie sechs Jahre lang anders gemacht hätten. Seine neue Sichtweise hört sich etwas nach Entschuldigung an.

Familiäre Nähe als Problem

Aber er hat Kredit, die Mechanismen der Branche greifen noch nicht. Tomlinson gehört zur Familie, war Spieler und Co-Trainer, er ist im elften Jahr im Klub. Vielleicht ist genau das viel problematischer als zunächst angenommen, die große Nähe zu den meisten Profis kann sich als Hemmnis für harte Entscheidungen herausstellen und zu Schwierigkeiten im Autoritätsverhältnis führen. Beispielsweise beklagt der Trainer hin und wieder, dass bei vielen Spielern die Erfolge der Vorjahre noch zu sehr im Kopf verankert seien. Austreiben konnte Tomlinson das noch nicht.

Die Mentalität ist auch ein Problem, die Mannschaft wähnt sich stark genug, ihre Aufgaben lösen zu können, ohne die volle Kraft dafür einzusetzen. Doch das funktioniert nicht mehr. Es hat stattdessen bewirkt, dass die zuverlässige Torproduktion zum Erliegen gekommen ist. Das hat eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, mit der Flaute verflüchtigte sich das Selbstvertrauen. „Wir lassen im Moment den Kopf hängen“, sagt Rankel. Geht nur eine Kleinigkeit schief, bricht das ganze Spiel zusammen.

Den Ausgang aus diesem Labyrinth finden sie nun nicht mehr. „Wenn es nicht läuft, muss man das durch harte Arbeit ausgleichen“, sagt Baxmann. Doch vor harter Arbeit scheuen sich zu viele im Team. „Wenn du dich nicht bewegst und nur hinterherläufst, kannst du nicht gewinnen“, sagt Rankel. Ob es eine gute Idee war, gleich mit 13 Spielern im Sommer die Verträge bis 2015 und darüber hinaus zu verlängern, muss Manager Lee für sich beantworten. Kontinuität an sich war immer die große Stärke der Eisbären, doch die Leistungsentwicklung mancher Profis stellt das Prinzip auf die Probe. Der Kader verfügt nicht mehr über die Ausgeglichenheit früherer Tage, und auch nicht über die der Konkurrenz. Die erste Reihe der Berliner ist derzeit ihr größter Ballast, sie ist offensiv unproduktiv und leitet mit Puckverlusten aufgrund ihres komplizierten Spiels Treffer für den Gegner ein.

Das kann die Mannschaft nicht auffangen. Weil die dritte Reihe kein Top-Niveau mehr darstellt in der Liga, weil der Nachwuchs aus der vierten Reihe nicht mehr so gut ist wie einst. Auch weil die Führungshierarchie zu flach ist, große Anführertypen gibt es nicht. Das mag alles kaum stören, wenn es läuft, jetzt erscheint es hinderlich. „Wir machen eine harte Phase durch. Jeder kommt jetzt auf den Boden zurück“, sagt der Manager. Doch er glaubt vorsichtshalber weiter an das Gute. „Obwohl wir schlecht spielen, haben wir keine schlechten Spieler“, sagt Lee.

Doch er habe Geduld, „weil wir einen Plan haben“. Wenn der allerdings in den nächsten Wochen nicht aufgeht, dürfte es für Tomlinson doch eng werden. „Wenn die Eisbären Tabellenletzter sind, dann muss man anfangen, sich Sorgen zu machen“, sagt Baxmann. Zuletzt hatten die Berliner im Oktober 2006 so eine Phase, am Ende verpassten sie das Viertelfinale. In den nächsten Tagen soll der Absturz ans Tabellenende aufgearbeitet werden. „Schmerzen gehören dazu“, sagt Lee zur Lage. Gerade tut es richtig weh.