Volleyball

Berlin inspiriert eine ganze Liga

Volleyballklubs investieren in die Zukunft und wollen Handball und Basketball attackieren. BR Volleys starten heute in die neue Saison

Ausgerechnet die Lokomotive des deutschen Volleyballs nimmt zur Abwechslung mal ein bisschen Dampf aus dem Kessel. Zwar nicht sportlich: Da wollen die BR Volleys mit fast unveränderter Mannschaft zum dritten Mal in Folge den deutschen Meistertitel gewinnen und heute Abend (19.30 Uhr, Schmeling-Halle) im Saisoneröffnungsspiel der Deutschen Volleyball-Liga (DVL) gegen Pokalsieger Generali Haching einen ersten Nachweis ihrer Stärke liefern. Aber manches hat eben doch seine Grenzen, und nachdem die Berliner in den vergangenen Jahren ihre Zuschauerzahlen bis auf fast 5000 im Durchschnitt gesteigert hatten, gibt sich Geschäftsführer Kaweh Niroomand in diesem Punkt betont zurückhaltend. „Wir glauben nicht, das toppen zu können“, sagt er, „und wären jetzt schon über eine 4 am Anfang froh.“

Vertrauensvorschuss der Klubs

Geschuldet ist diese Vorsicht vor allem der Tatsache, dass der Spielplan der BR Volleys „alles andere als erfreulich ist“, wie Niroomand erklärt. Ihr nächstes Match vor eigenem Publikum haben die Volleys erst am 7. Dezember; dann aber geht es Schlag auf Schlag – selbst den „Volleyball-Tempel“ jedes Mal zu füllen, ist in so schneller Abfolge schwierig. Ursache des Termin-Wirrwarrs ist aber nicht etwa eine chaotisch planende Liga, sondern die Betreibergesellschaft Velomax, die aus der Wunschliste der Volleys für die Schmeling-Halle eine Streichliste machte. „Einen Ankermieter behandelt man anders“, knurrt Niroomand.

Es gibt also immer etwas zu verbessern, sogar beim aktuellen Branchenführer der DVL. Erst recht aber gilt das für die Liga selbst. Sie hat das erkannt und sich auf den Weg gemacht, kämpft um professionellere Strukturen, bessere Vermarktung, mehr Einnahmen, höhere Zuschauerzahlen. Der DVL-Masterplan, dem im Mai 69 der 75 Erst- und Zweitligisten bei Frauen und Männern zugestimmt haben, setzt unter anderem diese Ziele. Dafür akzeptierten die Klubs höhere Abgaben an die in Berlin ansässige Liga-Zentrale, die prompt die Zahl ihrer festen Mitarbeiter von vier auf sechseinhalb erhöhte, um schlagkräftiger zu werden. Bis 2016 müssen die Vereine eine Mehrbelastung von insgesamt rund einer Million Euro verkraften.

„Vom Grundsatz her“, sagt Hachings Manager Josef Köck, „ist der Masterplan positiv. Es muss was passieren.“ Die Hoffnung allerdings ist, dass die investierten Gelder durch eine bessere Vermarktung zumindest zum Teil bald an die Vereine zurückfließen. Sie sind quasi eine Art Vertrauensvorschuss an die Liga, die frischen Mittel für alle gewinnbringend einzusetzen.

Laut Klaus-Peter Jung, seit April Geschäftsführer der DVL, gibt es schon in der Kürze der Zeit positive Tendenzen. Insgesamt ist Volleyball im Aufwind, was nicht zuletzt an den starken Auftritten der Nationalmannschaften liegt. Beim EM-Endspiel der Frauen zwischen Deutschland und Russland war die Schmeling-Halle ausverkauft, der Zuschauerdurchschnitt bei der EM in Deutschland insgesamt lag bei 3500 – für Volleyball eine imposante Zahl. Bei Sport1 schauten den Finalistinnen in der Spitze mehr als eine Million Zuschauer zu. „Das“, frohlockt Jung, „hat es im deutschen Volleyball noch nie gegeben.“

Auch die DVL verkündet erste kleine Erfolgsmeldungen. Auf der frisch gestalteten Homepage sind bereits drei Sponsoren vertreten – neben einem etablierten Finanzunternehmen werben dort zwei Firmen, die so jung sind wie die Ambitionen der Volleyballer, sich mit professioneller aufgestellten Sportarten zu messen. „Wir orientieren uns an der Basketball- und an der Handball-Liga“, sagt Jung forsch und ergänzt noch forscher auf die Frage, wann diese angegriffen werden sollen: „Der Angriff hat bereits begonnen.“

Der Stufenplan der DVL sieht vor, dass am Ende der heute beginnenden Spielzeit 100.000 Euro aus zusätzlichen Vermarktungserlösen an die Vereine zurückfließen; über die Hälfte davon wurde schon eingenommen. Im Jahr darauf sollen es 200.000 sein. Der wichtigste Baustein jedoch: Bis spätestens 2016 soll ein Ligasponsor gefunden sein, was für die Klubs ein Meilenstein wäre. Der frühere Manager des Frauen-Bundesligisten Rote Raben Vilsbiburg klingt sehr optimistisch: „Das sind jetzt alles Chancen. Die liegen da. Das müssen wir nutzen.“

Bei allen positiven Aspekten gibt es aber auch Dämpfer. So hat der Moerser SC seinen Etat von rund 800.000 Euro um fast ein Viertel heruntergefahren, weil sich Sponsoren zurückgezogen haben. Schlimmeres droht den Hachingern, seit Jahren eines der Topteams der Liga. Hauptgeldgeber Generali hat seinen Abschied zum Saisonende verkündet. „Die Zeiten sind nicht leichter geworden. Es wird verdammt schwer, wieder einen so großen Sponsor zu finden“, befürchtet Manager Köck, der sich nicht nur darum sorgt: „Wenn die Liga ihre Ziele nicht erreicht, ist die Gefahr da, dass Vereine draufgehen.“

Selbstreinigung ist möglich

Dieser Befürchtung kann sich selbst Jung nicht ganz entziehen. Volleyball steht vor einem Aufbruch ins Ungewisse. „Eine Selbstreinigung? Ich hoffe nicht. Aber es kann passieren“, sagt er. Ein weiteres Problem der Volleyballer besteht darin, dass aus den zweiten Ligen kaum Vereine nachdrängen. „Dort haben wir großen Handlungsbedarf“, sagt der DVL-Geschäftsführer. Überlegungen, die Bundesliga von zwölf auf 16 Vereine oder gar, wie in Hand- und Basketball, auf 18 zu erhöhen und damit mehr Standorte zu bekommen, sind vorerst verdrängt. Weil die Mannschaften des VC Olympia diesmal nicht in den ersten, sondern in den zweiten Ligen an den Start gehen, bleibt es sogar bei elf Teams: Interessierte und wirtschaftlich stark genug aufgestellte Klubs waren nicht zu finden.

Zumindest scheint für größere Spannung gesorgt. Das liegt nicht nur an der neuen Punkteregelung: Für 3:0- und 3:1-Siege gibt es drei Punkte; bei einem 3:2 erhält der Gewinner zwei, der Verlierer einen Zähler, wie es international schon länger üblich ist. Meister Berlin sieht sich insbesondere dem Angriff seines Vorgängers VfB Friedrichshafen ausgesetzt, der sein ohnehin gut bestücktes Team um zwei bulgarische und einen französischen Nationalspieler verstärkte. Der TV Bühl mit dem ehemaligen Berliner Nationalspieler Björn Höhne war im Vorjahr Dritter und hat sich zum Geheimfavoriten gemausert. Haching hat in seiner Mannschaft fünf deutsche EM-Teilnehmer versammelt; Marcus Böhme, Ferdinand Tille und Sebastian Schwarz kehrten aus dem Ausland zurück. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass die Deutsche Volleyball-Liga in Aufbruchstimmung ist.