Formel 1

Den vierten Titel im Blick

Sebastian Vettel kann schon heute in Japan Weltmeister werden. Alle im Red-Bull-Team wollen ihm dabei helfen – außer einer

Vor zwei Jahren war Sebastian Vettel in der gleichen Situation. Genau wie in diesem Jahr führte er 2011 mit großem Vorsprung in der Fahrer-Weltmeisterschaft, als der Formel-1-Tross nach Japan aufbrach. Damals ließ er in letzter Sekunde einen modifizierten Heckflügel einfliegen. Pünktlich zur Qualifikation war der Flügel am Red-Bull-Boliden befestigt, Vettel raste auf Poleposition und von da aus zu seinem zweiten WM-Titel. Auf so viel Drama kann er in diesem Jahr gut verzichten.

Das liegt einerseits an seinem Auto. Im Gegensatz zum 2011er-Modell scheint der RB9 kaum noch zu verbesserungswürdig. Jedes Rennen seit der Sommerpause hat der Hesse gewonnen. Vor allem die Überlegenheit seiner Siege hatte zuletzt für Langeweile gesorgt, einige Fans machten ihrem Unmut darüber mit Pfiffen und Buhrufen Luft.

Zumindest äußerlich gab sich Vettel unbeeindruckt. Auf die Frage, ob er auch bei einem möglichen WM-Sieg mit derlei Unmutsbekundungen rechne, antwortete er gelassen: „Ich denke, wir sollten das Ganze nicht überbewerten. Natürlich ist es nicht angenehm, nach einem Sieg ausgebuht zu werden, aber wie wir zuletzt in Südkorea gesehen haben, reist der Tourbus ja nicht zu allen Rennen.“

Andererseits liegt es nicht allein in seiner Hand, ob er sich heute zum jüngsten viermaligen Champion aufschwingen kann. Erstens schnappte ihm Teamkollege Mark Webber Startplatz eins weg. Und neben einem Sieg braucht es dafür Fernando Alonsos schlechteste Punktausbeute dieser Saison. Wird der Spanier bei einem Vettel-Triumph höchstens Neunter, ist die WM entschieden. Sobald er am Sonntag (8.00 Uhr, RTL, Sky) Achter wird oder Vettel nicht Erster, ist die WM-Party vertagt. Doch selbst Alonso schenkt dem Titelrennen keine Beachtung mehr. „Wenn Sebastian den Titel hier nicht gewinnt, dann gewinnt er ihn bei den nächsten Rennen in Indien oder Abu Dhabi“, sagte der 32-Jährige: „Das ändert für uns doch nichts.“

Doch Red Bull wäre nicht Red Bull, wenn nicht schon jetzt der vierte Fahrertitel in Serie eingefahren werden sollte. „Er fährt besser, als ich es jemals gesehen habe“, lobte etwa Teamchef Christian Horner. Im Gegensatz zu Vettel hatte der Brite bereits Grund zu feiern: In der britischen Heimat brachte Lebensgefährtin Beverly am Dienstag das erste gemeinsame Baby zur Welt, eine Tochter. Der stolze Vater konnte nicht bei der Geburt dabei sein – Vettels Titelmission hat Vorrang.

Auch die Abwesenheit von Ingenieursguru Adrian Newey ist weniger romantisch denn dienstlich motiviert. Der Brite fehlt erstmals am Kommandostand. Er nutzt die Zeit, um im Werk in Milton Keynes am Auto für das kommende Jahr zu tüfteln. Auch 2014 soll nichts dem Zufall überlassen werden beim einstigen Gute-Laune-Team, das sich längst zur kühlen Siegmaschine entwickelt hat. Sich nicht auf vergangenen Erfolgen auszuruhen, das haben die Österreicher in den vergangenen Jahren zu ihrer größten Stärke ausgebaut. Vier Fahrer- und höchstwahrscheinlich auch vier Konstrukteurstitel in Folge gab es seit Michael Schumachers Siegesserie bei Ferrari vor zehn Jahren nicht mehr.

Genau an dieser Dominanz wird sich Vettel bei der Suche nach seinem Platz in der Motorsporthistorie orientieren müssen. Mit sieben WM-Titeln und 91 Grand-Prix-Siegen hält Schumacher die relevanten Einzelrekorde der Formel 1. Bei Vettels Jagd nach den Bestmarken seines einstigen Mentors ist die aktuellen Saison lediglich ein Übergangsjahr. Verglichen mit 2010 und 2012, als Vettel jeweils auf den letzten Metern den Titel gewann, fehlte in diesem Jahr häufig die Herausforderung.

Neue Regeln stoppen Dominanz

Bei seinen acht Saisonsiegen fuhr Vettel meist von der Poleposition, die Verfolger sah er erst bei der Siegerehrung wieder. Selbst wer im Wettbüro darauf tippt, dass er jedes der verbliebenen fünf Rennen gewinnt, bekommt bei zehn Euro Einsatz nicht einmal 70 Euro ausgezahlt.

Vielleicht wird es diesmal ja mal weniger geräuschlos. Schützenhilfe von Webber wird es nämlich nicht geben. Der Australier verlässt die Königsklasse nach der Saison und will seine Abschiedstournee mit einem Erfolg krönen. „Wir kämpfen jeder für uns selbst. Er hat einen sehr großen Vorsprung, und es ist ja auch nicht das letzte Rennen“, kündigte der 37-Jährige Widerstand an.

Vettel-Triumphe sind zur Gewohnheit geworden, die auf Dauer sogar dem Image der Rennserie schaden könnten. „Seine Serie wird enden“, versprach kürzlich Chefpromoter Bernie Ecclestone. Ein frommer Wunsch. Schon jetzt leiden die Ausrichter der finalen Rennen unter der Einseitigkeit in der zweiten Saisonhälfte.

Zementiert wurde Vettels Dominanzauch dadurch, dass Ferrari und Mercedes sich frühzeitig auf das nächste Jahr fokussierten, das mit der Umstellung auf Sechs-Zylinder-Motoren die größte technische Revolution der Formel-1-Geschichte bringen wird. Neue Motoren, neue Regeln, bis zu vier neue Strecken – in diesem Spannungsfeld wird sich auch Sebastian Vettel wieder neu beweisen müssen. Bis dahin will er so viel Boden auf Schumacher gutmachen wie möglich.