Dopingverfahren

Pechstein zeigt sich selbst an

Berlins Olympiasiegerin will damit ihre Rehabilitierung erzwingen

Claudia Pechstein hat Ausdauer. Das gilt auf dem Eis, wo die Berlinerin auf den langen Distanzen zu fünf Olympiasiegen im Eisschnelllauf kam. Es gilt mittlerweile jedoch fast noch mehr für ihre juristischen Auseinandersetzungen mit dem Weltverband ISU. Seit 2009 duelliert sich die 41 Jahre alte Berlinerin nun mit der obersten Institution ihrer Sportart, dessen müde geworden ist sie noch lange nicht. Jetzt schlägt Pechstein ein weiteres Kapitel auf: Sie zeigt sich selbst an – schon zum zweiten Mal.

Am Freitag schickte ihr Anwalt Dr. Thomas Summerer das Schriftstück an die ISU. Auch die Nationale Antidopingagentur Nada, die Weltantidopingagentur Wada und der deutsche Verband erhielten Post. Es geht um die Messwerte ihrer Retikulozyten, der jungen roten Blutkörperchen, am 11. Dezember 2009 beim Weltcup in Salt Lake City. Die lagen über dem Grenzwert, deshalb „erstatte ich Selbstanzeige wegen des Verdachts auf einen Verstoß gegen die Antidopingregularien und verlange, dass der Sachverhalt geprüft wird“.

Die Sache ist interessant. Ihre erhöhten Retikulozyten-Werte hatten der Berlinerin kurz zuvor eine Sperre von zwei Jahren eingebracht. Dagegen klagte sie vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas, der jedoch bestätigte die Sperre am 25. November 2009. Begründung: Retikulozyten-Werte von mehr als drei Prozent seien bei gesunden Menschen nicht normal, könnten nur durch Doping erklärt werden. Mit einem Eilantrag vor dem Schweizer Bundesgericht erstritt sich Pechstein dennoch ein Startrecht für den Weltcup, um sich vorsorglich sportlich für Olympia 2010 in Vancouver qualifizieren zu können, falls später einem Revisionsantrag stattgegeben worden wäre. Natürlich wurde Pechstein strengen Dopingtests unterzogen. Zweimal lagen ihre Daten dabei über dem ISU-Grenzwert von 2,4 Prozent, ein Wert wurde sogar mit 3,02 Prozent gemessen. Normalerweise ein Grund, sie sofort für immer aus dem Verkehr zu ziehen, „doch die ISU-Verantwortlichen unternahmen nichts“, schreibt sie in der Selbstanzeige.

Ausgelöst wurde ihr Schritt nun durch den anhängigen Schadensersatzprozess vor dem Münchner Landgericht. Dort legte die ISU eine Liste mit Pechsteins Blutwerten vor, erstmals waren auch die Daten aus Salt Lake City dabei. Es erscheint eigenartig, eine mutmaßliche Dopingsünderin nur zwei Wochen nach oberster sportrichterlicher Entscheidung mit ähnlichen Werten laufen zu lassen. Unternommen hat die ISU auch nichts, als Pechstein sich im September 2011 nach Ablauf der Sperre erstmals angezeigt hatte. Die ISU betrachtete den Fall als abgeschlossen. Die Werte sind immer noch erhöht, aber inzwischen ist bekannt, dass eine vererbte Blutanomalie dafür verantwortlich ist. Mit der Anzeige erhofft sich Pechstein, dass sie zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung der ISU mit ihren Blutwerten führt. Und sie letztlich rehabilitiert wird.