Extremsport

Höllentrip durchs Paradies

Beim Ironman auf Hawaii bremste Sebastian Kienle 2012 eine Reifenpanne. Nun greift er wieder an

Kleine Jungs haben große Träume. Sebastian Kienle, 29, war in der vierten Klasse, als seine Lehrerin alle Kinder aufforderte, ihren Berufswunsch auf ein Plakat zu schreiben. Kienle schrieb „Triathlon-Profi“ auf sein Schild. Die Lehrerin war verblüfft. 19 Jahre später sitzt er auf einem Balkon auf Hawaii, erzählt per Skype diese Anekdote aus seiner Kindheit und blickt dabei aufs Meer. Doch das Paradies wird sich am 12. Oktober von seiner anderen Seite zeigen. Kienle wird kämpfen, er wird zweifeln und vor Schmerzen geplagt ans Aufhören denken – und wahrscheinlich dennoch den rund achtstündigen Ironman auf Hawaii durchhalten. Kienle freut sich darauf. „Von außen sieht das ein bisschen verrückt aus. Das sehe ich ein“, sagt der 29-Jährige aus Mühlacker und lacht.

Kienle startet zum zweiten Mal bei dem legendären Ausdauerevent, bei dem die deutschen Topleute seit Jahren zum Favoritenkreis zählen. Zuletzt war Andreas Raelert viermal in Folge dicht dran am Triumph, doch der bislang letzte und vierte Sieg auf Hawaii gelang Normann Stadler 2006. Kienle, Raelert und Timo Bracht schicken sich nun an, die Siegesserie der Australier zu beenden. „Mein Geheimfavorit ist Sebastian. Man hat ihn zwar auf dem Radar, kann aber nichts gegen ihn tun“, sagt Stadler und spielt damit auf Kienles enorme Stärke auf dem Rad an. Der Student – früher Physik, heute Internationales Management – ist der Shootingstar der Szene. „Er spricht, wie ihm die Schnute gewachsen ist, ein junger Wilder, er ist noch hungrig“, beschreibt ihn Stadler.

40 Grad Hitze und böige Winde

Kienle lebt seinen Kindheitstraum. Doch wer so früh beschließt, eine der härtesten Sportarten überhaupt zu betreiben, der kann auch zu einem Besessenen werden. „Menschen, die etwas mit extremer Motivation verfolgen, brennen schnell aus – ich weiß“, sagt Kienle. „Ich habe aber nie mein ganzes Leben dem Traum untergeordnet, sondern immer eine gute Balance gefunden.“ Ein Mix aus Lockerheit und Ehrgeiz ist sein Weg, um mit den enormen Belastungen klarzukommen. Die Langdistanz mit 3,8 km Schwimmen, 180 km auf dem Rad und 42,195 km Laufen ist aber nichts für zarte Gemüter. Wenn wie auf Hawaii dann noch Temperaturen von bis zu 40 Grad, eine hohe Luftfeuchtigkeit und böige Winde hinzukommen, müssen Leidensfähigkeit und Leidenschaft hoch sein. „Es geschafft zu haben, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ob auf Hawaii oder woanders – im Ziel bin ich immer unendlich glücklich“, schwärmt Kienle.

Kienle will in Hawaii aufs Podest. Mit unter 30 Jahren ist er einer der Jungen im Feld der Favoriten. Nach einem Außenbandriss im rechten Sprunggelenk und einer bakteriellen Infektion fehlten ihm im Frühjahr mehr als drei Monate Training. Er kam spät in Tritt, verteidigte dann aber kürzlich seinen WM-Titel auf der Ironman-Halbdistanz. „Er ist jetzt sehr gut drauf und noch nicht ausgelaugt von der Saison“, sagt Stadler. „Und im Radfahren kann ihm keiner das Wasser reichen.“ Radfahren auf Hawaii weckt bei Kienle jedoch unschöne Erinnerungen.

Seine Renneinteilung wirkt eigenwillig. Er entsteigt dem Wasser im hinteren Feld und setzt dann auf dem Rad alles daran, die Konkurrenz nachhaltig zu schocken. „Es ist oft ein bisschen Harakiri, aber es pusht mich, wenn ich in Führung liege“, sagt er. So geschehen vor einem Jahr als Debütant auf Hawaii. Von der absoluten Traumsituation schlitterte er dann jedoch in einen Albtraum: In Führung liegend stoppte ihn ein defekter Reifen, was ihn mindestens vier Minuten und möglicherweise einen Podestplatz kostete. Es war bitter, doch der impulsive Kienle („Im Tischtennisverein habe ich früher die Platten kaputt gehauen“) trauert dem nicht nach. Schließlich kann er sich selbst aus den härtesten Trainingseinheiten Genugtuung ziehen: „Wenn ich mich danach unter die Dusche stelle, mir dort eine Cola oder ein Snickers reinziehe, kann man das mit nichts auf der Welt bezahlen.“ Extremsport braucht halt extreme Charaktere.