Interview

„Das Outing gab mir Lebensfreude und Energie“

Orlando Cruz bekannte sich vor einem Jahr zu seiner Homosexualität. Am kommenden Sonnabend kann der Puerto Ricaner nun in Las Vegas der erste schwule Profibox-Weltmeister werden

Für Orlando Cruz, 32, ist es die Erfüllung eines Traums. In Las Vegas boxt der Federgewichtler aus Puerto Rico am Sonnabend gegen Orlando Salido aus Mexiko zum ersten Mal um die Weltmeisterschaft. Es soll ein historisches Duell werden. Wenn Cruz den vakanten Titel der World Boxing Organization (WBO) gewinnt, würde er als erster schwuler Weltmeister in die Geschichte des Boxsports eingehen. Mit Morgenpost-Redakteur Gunnar Meinhardt sprach Cruz über sein Outing.

Berliner Morgenpost:

Señor Cruz, muten Sie sich nicht etwas zu viel zu?

Orlando Cruz:

Warum?

Vor fast genau einem Jahr haben Sie sich als Schwuler geoutet, jetzt wollen Sie Weltmeister werden und anschließend auch noch Ihren langjährigen Freund heiraten.

Es stimmt schon, es ist der Wahnsinn, was in gut einem Jahr alles in meinem Leben passiert ist. Unglaublich, aber ich kann damit sehr gut umgehen. Ich habe es ja auch so gewollt. Es ist mein Jahr, meine Zeit.

Wie hat sich Ihr Leben seit Ihrem Outing verändert?

Ich bin ein völlig anderer Mensch geworden, ich fühle mich wie neugeboren. Das Outing gab mir Lebensfreude und Energie, die ich so noch nie besaß. Mir fällt es sehr schwer zu beschreiben, wie glücklich ich mich in meiner Haut fühle. Sie können sich nicht vorstellen, in was für einem engen Panzer ich jahrelang gelebt habe. Er schnürte mir immer mehr die Luft zum Atmen ab. Ich war schon traumatisiert, deshalb musste ich mich outen, sonst wäre es zum schleichenden Selbstmord gekommen.

Wie lange haben Sie sich mit dem Gedanken an ein Outing gequält?

Viel zu lange. Die psychischen Qualen nahmen in den letzten drei Jahren dramatisch zu. Auf Anraten meines Managers bin ich damals von Puerto Rico in die USA nach New Jersey gezogen und begann dort intensiv mit einem Psychologen zu arbeiten. In regelmäßigen Abständen von mehreren Monaten fragte er mich, ob ich für ein Outing bereit wäre. Immer wieder antwortete ich: Nein. Ich besaß einfach nicht den Mut, diesen Schritt konsequent zu gehen, den noch nie einer in meiner Sportart als Aktiver gegangen war.

Der Boxsport wird wie keine andere Sportart von Machotypen geprägt. Die Kämpfer entsprechen dem Bild eines knallharten Mannes, den nichts erschüttern kann.

Das ist richtig. Wer in den Boxring steigt, strotzt vor Manneskraft und scheint keine Gnade zu kennen. Deshalb war es auch umso schwieriger, mich zu meiner Homosexualität zu bekennen.

Was Sie dann aber taten. Was nahm Ihnen letztlich die Hemmungen?

Ich wollte mir unbedingt meinen zweiten Traum erfüllen. Meinen ersten hatte ich mir ja schon 2000 erfüllt, als ich für Puerto Rico bei den Olympischen Spielen in Sydney boxte. Danach wurde ich Profi, gewann bis zum Outing 18 meiner 21 Profikämpfe. Einige Gegner habe ich ausgeknockt. Nun möchte ich Weltmeister werden, doch dafür muss ich mit mir im Reinen sein, meinen Frieden geschlossen haben. Und da auch ich nicht jünger werde, musste ich endlich handeln. Ich glaubte, dass ich durch das Outing ein noch besserer Boxer werde und endlich auch den Respekt als der Mensch bekomme, der ich wirklich bin.

Und bekamen Sie ihn?

Ja. 95 Prozent aller Reaktionen waren positiv. Damit hatte ich niemals gerechnet. Viele gratulierten mir und bewunderten mich für meinen Mut, meine Offenheit und Ehrlichkeit. Aus aller Welt und aus allen gesellschaftlichen Bereichen bekam ich so viele herzzerreißende Mails und Briefe, dass ich gar nicht in der Lage war, alle zu beantworten. Ich kann allen nur von Herzen danken und sagen: Ihr seid großartig.

Wie reagierten Ihre Berufskollegen?

Es gab nicht einen, der mir offen ins Gesicht sagte oder mich spüren ließ, dass er ein Problem mit mir hätte. Es wäre mir auch egal gewesen. Wenn mich heute einer als schwule Sau oder Schwuchtel bezeichnen würde, kann mich das nicht mehr verletzen. Ich bin völlig entspannt und glücklicher als jemals zuvor.

Würde es Sie auch nicht reizen, wenn Ihr WM-Gegner Sie wegen Ihrer Homosexualität provozieren würde?

Nein, soll er es doch tun.

Der kubanische Weltergewichtler Benny Paret tat das beim Wiegen vor dem WM-Kampf 1962 gegen Emile Griffith, indem er den US-Amerikaner mit den Worten verhöhnte: „Schwuchtel, ich kriege euch beide, dich und deinen Ehemann.“ Im Kampf wurde er dann brutal verprügelt. In der zwölften Runde kassierte er 29 Schläge hintereinander, fiel ins Koma und starb zehn Tage später. Für Griffith, der im Juli starb, wurde die Tragödie zu einem lebenslangen Albtraum.

Ich würde aber keine Kausalität zu dem tragischen Tod von Paret herstellen, auch wenn Griffith tatsächlich homosexuell war. Er wollte Paret ja schon beim Wiegen vermöbeln, weil er wahnsinnig erbost über die Beleidigung war. Griffith ist ein Opfer seiner selbst. Er traute sich leider nie, so weit zu gehen wie ich. Erst viele Jahre später gab er zu, bisexuell gewesen zu sein.

Sehen Sie sich als Vorbild für andere?

Wenn ich andere dazu ermutigen kann, auch ihr Herz in beide Hände zu nehmen, um sich frei zu machen von ihren Zwängen, wäre ich noch glücklicher. Den Schritt an die Öffentlichkeit muss jeder allein gehen. Ich weiß nur, dass du als Homosexueller nicht ewig ein Doppelleben führen kannst. Ich liebe mein Heimatland Puerto Rico, doch es machte mich wütend, wie diskriminierend mit Homosexuellen dort lange Zeit umgegangen wurde. Für Homosexuelle gab es dort eigentlich nur zwei Wege zum Tod: Entweder sie nahmen sich irgendwann ihr Leben, weil sie es nicht ertragen konnten, wegen ihres Andersseins nicht akzeptiert zu werden. Oder sie wurden von Schwulenhassern ermordet – wie ein sehr guter Freund von mir, der erstochen wurde.

Wann spürten Sie das erste Mal, dass Sie schwul sind?

Als ich 18, 19 Jahre alt war. Bei den Olympischen Spielen hatte ich dann einen Mann kennengelernt, der mich spüren ließ, dass ich nicht der bin, der ich davor zu sein schien. Ich war vorher mit schönen Mädchen zusammen, ich habe sie geküsst und hatte mit ihnen auch Sex. Meine letzte Freundin war Daisy-Karen, die Tochter meines Trainers, der mich auch heute noch in San Juan betreut, wenn ich zu Hause bin. Mit ihr war ich fast fünf Jahre zusammen. Es war eine schöne Zeit. Nach meinem Outing unterstützt sie mich genauso wie ihr Vater.

Wie erfuhren Ihre Eltern davon?

Ein Freund meiner Mutter sah mich in San Juan in einer Schwulenbar und fragte danach ganz aufgeregt meine Mutter, ob ich schwul sei. Das war 2001. Meine Mutter fragte mich dann, und ich antwortete ihr: „Mom, ich bin schwul.“ Daraufhin fing sie an zu weinen, auch bei mir flossen Tränen. Nach einem kurzen Augenblick atmete sie durch und sagte: „Du bist mein Junge, und ich liebe dich. Ich werde dich immer unterstützen, egal welchen Weg du gehst.“

Und Ihr Vater?

Mit ihm war es sehr, sehr schwierig. Er ist ein Machotyp. Meine Eltern leben getrennt, mein Vater in Miami, meine Mutter in San Juan. Er sprach sechs, sieben Jahre nicht mit mir. Jetzt unterstützt er mich aber auch. Genauso wie meine Mutter und meine Geschwister.

Werden Sie trotzdem noch von Frauen angesprochen?

Klar, machen mir Frauen noch Komplimente, ich bin doch ein schöner Mann. Und ich verstehe, dass die Frauen traurig sind, wenn ich nein sage. Ich kann nicht alle glücklich machen. Ich bin nun mal verliebt in einen Mann.

Es ist Ihr langjähriger Freund Jose Manuel, dem Sie vor zwei Monaten einen Heiratsantrag per Videoclip auf Ihrer Facebook-Seite gemacht haben.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich es noch vor dem Kampf tun soll. Ich tat es, um diesen Druck los zu sein und mich in aller Ruhe auf den Titelkampf vorzubereiten. Jose hat sofort zugestimmt.

Wo werden Sie heiraten? In Ihrem Heimatland und im US-Staat Florida, wo Sie auch einen Wohnsitz haben, sind gleichgeschlechtliche Ehen verboten.

Im Dezember möchte wir uns in Manhattan trauen lassen. Mehr möchte ich nicht sagen. Das ist etwas ganz Privates.